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News: Natürlicher Strich durch die Rechnung?

Das Bruttosozialprodukt eines äthiopischen Kopfes lag 1997 bei 369 US-Dollar, das eines luxemburgischen Kopfes bei 21 974 US-Dollar. Welche Rolle spielen natürliche Faktoren bei dieser ungerechten Verteilung?
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Das reichste Land der Welt ist um zwei Kommastellen wohlhabender als das ärmste. Viele Faktoren werden diskutiert, um dieses Phänomen zu erklären: Traditionell machen Ökonomen die Anhäufung menschlichen und materiellen Kapitals und den erfolgreichen Einsatz neuester Technologien für die Unterschiede in der wirtschaftlichen Produktivität verantwortlich. Seit einiger Zeit werden auch verstärkt institutionelle Einflüsse diskutiert: Die Rolle der Regierungspolitik, der Einfluss der Bürokratie, die Macht der Korruption, der Schutz persönlichen Eigentums als auch der Umsätze eines Unternehmens und vieles mehr.

Doch manchen Wirtschaftsforschern geht diese Betrachtung noch nicht tief genug. Sie versuchen, auch in den natürlichen Gegebenheiten eines Landes Faktoren für die wirtschaftliche Stärke oder Schwäche desselben zu finden. So auch Douglas Hibbs und Ola Olsson von der Universität Göteborg, die nun den Einfluss der geographischen und biogeographischen Bedingungen genauer untersuchten.

Dabei betrachten sie nicht nur die Gegenwart, sondern schauen Jahrtausende weit in die Vergangenheit, zurück bis zur neolithischen Revolution, als aus Jägern und Sammlern sesshafte Bauern wurden. Denn, so die These der Wissenschaftler, wer damals einen Frühstart erlebte, steht auch heute bezüglich des Wohlstands noch ganz vorne auf der Liste. Mit anderen Worten: Wen schon damals die Natur begünstigte, dem blieb das Glück hold.

Wobei der Ausdruck "Natur" nicht etwa beispielsweise mit Regionen höchster Artenvielfalt gleichzusetzen ist. Die Forscher betrachteten für die verschiedenen Kontinente bei der Lebewelt nur jene Arten, die sich als Pflanzen für den Ackerbau beziehungsweise als Tiere für die Viehzucht in großen Herden eigneten. Bei den geographischen Faktoren interessierte Hibbs und Olsson neben der Klimaregion noch der Breitengrad sowie die Ost-West-Orientierung des Kontinentes, da eine solche Ausrichtung Wanderungen entlang natürlicher Korridore vereinfachen und damit die Ausbreitung nützlicher Tiere und Pflanzen beschleunigen sollte.

Nur einer der Punkte, die sicher zu diskutieren wären: Gerade Eurasien hatte, trotz seiner Ost-West-Orientierung, in den Eiszeiten viele Arten verloren, weil sich Gebirgszüge der Ausweichbewegung nach Süden in den Weg stellten – ein Problem, das den nordamerikanischen Verwandten nicht begegnete, weshalb dort die Kaltzeiten keine so großen Lücken in den Artenbestand rissen. Und doch stießen die Wissenschaftler in ihren Analysen in Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten – der Wiege des Ackerbaus – auf das Maximum von 33 verwertbaren Pflanzen- und neun züchtbaren Tierarten. Deutlich schlechter schneiden die amerikanischen Subkontinente, Afrika südlich der Sahara und Australien ab; das absolute Schlusslicht bildet, in der Pflanzen- wie der Tierwelt, die Inselwelt des Pazifiks.

Warum nun der nordamerikanische Kontinent trotzdem zwei der reichsten Staaten beherbergt, erklären die Forscher damit, dass hier die Ernährungsgrundlagen letztendlich völlig von den europäischen Einwanderern überprägt worden seien und daher die Zahlen dieser Herkunftsregion betrachtet werden müssten.

Doch zurück zur Geschichte. In den Ländern höchster seitens des Menschen nutzbarer Artenvielfalt begann die neolithische Revolution deutlich früher als in benachteiligteren Regionen, wie archäologische Funde belegen. Dadurch konnten sich dort auch schon entsprechend zeitiger bereits neue Technologien etablieren, während in anderen Teilen der Erde die Menschen noch beim Jagen und Sammeln blieben. Die Innovationen bedeuteten weiterhin, dass sich manche Gemeinschaftsmitglieder um Aufgaben kümmern konnten, die nicht direkt mit der Sicherung der Ernährungsgrundlagen zu tun hatten – erste Spezialberufe entstanden, und mit diesen auch erste Zeichen von Wohlstand.

Dieser Vorsprung habe sich bis zur industriellen Revolution und darüber hinaus erhalten, erklären die Wirtschaftsforscher. Denn erst mit dem Zeitalter der Dampfmaschine begann das Pro-Kopf-Einkommen der Menschen zu steigen, vorher waren entsprechende höhere Volkseinkommen immer von einer gleichfalls wachsenden Bevölkerung ausgeglichen worden. Und die aus biogeographisch und geographischer Sicht benachteiligten Regionen der Erde hätten diesen Vorsprung nie aufholen können.

Hibbs und Olsson stützen ihre Thesen mit einer umfangreichen statistischen Analyse und zahlreichen Modellen. So stellen sie fest, dass die betrachteten natürlichen Faktoren bis zu 60 Prozent der Unterschiede zwischen den heutigen nationalen Pro-Kopf-Einkommen erklären können. Und als weiteren entscheidenden Faktor kristallisierten sich schließlich noch die bereits erwähnten politischen und institutionellen Voraussetzungen heraus. Alles zusammengefasst ermittelten die Forscher damit für das ärmste Land ein Pro-Kopf-Einkommen von 350 US-Dollar und den reichsten Gegenpart von 17 350 US-Dollar – verblüffend nah an den realen Zahlen von 1997.

Den sich manchen sicherlich sofort aufdrängenden Schluss, dass einige Länder daher nun einmal arm sind und es immer bleiben werden, ziehen die Autoren aber nicht – und sollte wohl auch kaum gezogen wäre, das wäre denn doch zu einfach. Aber vielleicht geben die Ergebnisse der Entwicklungspolitik noch so manch guten Anstoß.

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