Naturkatastrophen: Warum manche Gletscher rasant vorstoßen

Weltweit gibt es hunderttausende Gletscher, und die meisten davon ziehen sich als Folge der Erderwärmung mehr oder weniger stark zurück. Die Alpen etwa könnten bis 2100 die meisten dieser Gebilde verlieren. Doch für rund 3000 dieser Eiszungen gilt das nicht: Sie stoßen tatsächlich vor – und das teilweise mit für Gletscher hohem Tempo von Dutzenden Metern pro Tag. Ein Team um Harold Lovell von der University of Portsmouth hat untersucht, ob es dabei grundlegende Gemeinsamkeiten und regionale Schwerpunkte gibt.
Für ihre Arbeit hatte die Arbeitsgruppe in globalem Maßstab Satellitenbilder und Messungen von vor Ort ausgewertet, die ein eindeutiges Bild zeigen: Die meisten der stark vorrückenden Gletscher finden sich in der Arktis und Subarktis, im Himalaja und angrenzenden, asiatischen Hochgebirgen wie dem Karakorum – beide Gebiete zusammen umfassen 98 Prozent dieser Gletscher – sowie in deutlich geringerem Umfang in den Anden. In Europa und Antarktis gibt es dagegen allenfalls Einzelfälle, was die Wissenschaftler auf die jeweiligen klimatischen Bedingungen zurückführen: Am Südpol ist es zu trocken und kalt, in Europa inzwischen so warm, dass das Abschmelzen komplett überwiegt.
Damit Gletscher stark vorstoßen können, müssen zwei Bedingungen zusammenkommen: Zum einen brauchen diese Gletscher hohe Niederschläge in Form von Schnee, die im Laufe der Zeit vereisen und damit für einen Massenzuwachs im Ausgangsgebiet sorgen. Zum anderen müssen die Temperaturen zumindest zeitweise im Bereich des Gletschers über der Null-Grad-Linie liegen, damit Schmelzwasser entsteht. Dieses sickert dann zumindest teilweise bis zur Basis der Eiszunge und verringert dort die Reibung, was die Bewegung der Gletscher erleichtert und die Strömungsgeschwindigkeit erhöhen kann. Faktoren wie die Größe des Gletschers oder der geologische Untergrund können diese Vorstöße regional begünstigen, spielen aber insgesamt eine untergeordnete Rolle.
Die Daten zeigen, dass viele der Vorstöße monate- oder jahrelang anhalten können, und nur teilweise werden sie dabei von kürzeren Ruhephasen unterbrochen. Im Fall des Nathorstbreen-Gletschers auf Spitzbergen zog sich die Vorwärtsbewegung zehn Jahre zwischen 2008 und 2018 hin. Während dieser Zeit stieß er 15 Kilometer vor und veränderte dadurch die Landschaft in seinem Umfeld grundlegend. Andere Gletscher bewegten sich bis zu 60 Meter am Tag vorwärts und hielten diese Geschwindigkeit bis zu einem Jahr durch.
Mindestens 81 Gletscher sorgten dadurch in den letzten Jahren auch für Naturkatastrophen in Regionen unterhalb des Gletscherendes: Bei ihnen staute sich das Schmelzwasser hinter Eiswänden, bis der Druck hinter den Barrieren zu hoch wurde und sich das Wasser schwallartig flussabwärts entleerte. Diese Ereignisse, die beispielsweise mehrfach am Shisper-Gletscher im Karakorum auftraten, kosten immer wieder Menschenleben oder verursachen Schäden an der Infrastruktur. Gleichzeitig sorgen diese Wasseraustritte für kurzzeitige Pausen in der Gletscherbewegung, bis sich erneut genügend Wasser am Grund angesammelt hat, um eine reibungsärmere Bewegung zu erlauben.
Die Erderwärmung spielt dabei eine doppelte Rolle: In einigen Regionen sorgt sie dafür, dass Vorstöße häufiger werden, weil mehr Schmelzwasser entsteht oder häufiger Regen statt Schnee fällt, der ebenfalls durchs Eis sickern kann. In anderen Gebieten hat die Gletscherschmelze inzwischen dafür gesorgt, dass die Gletscher dünner wurden, sodass ihnen mittlerweile die Eismasse für Vorstöße fehlt. Insgesamt werde dadurch die Vorhersage derartiger Ereignisse zunehmend erschwert, schreiben die Wissenschaftler.
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