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Naturschutz im Kongo: »Upemba ist stark geschädigt, aber nicht verloren«

Der Nationalpark Upemba im Kongo ist einzigartig, aber auch ein sehr gefährlicher Ort. Der Umweltwissenschaftler Manuel Weber hilft, ihn zu bewahren – selbst unter widrigen und teils lebensbedrohlichen Umständen. Dabei gelang ihm die Wiederentdeckung einer lange verschollenen Vogelart. Doch das ist nicht das einzige ungewöhnliche Tier in der Region. »Spektrum.de« sprach mit ihm über die Natur des Schutzgebiets, seine Menschen und wie der Park langzeitig geschützt werden könnte.
Eine Gruppe von Zebras steht auf einer grünen, grasbewachsenen Ebene. Die Zebras sind in verschiedenen Positionen angeordnet und blicken in unterschiedliche Richtungen. Der Hintergrund zeigt eine weite, offene Landschaft mit vereinzeltem Pflanzenwuchs. Die Szene vermittelt einen Eindruck von natürlicher Wildnis und Freiheit.
Weniger als 200 Steppenzebras lebten 2026 im Nationalpark Upemba im südöstlichen Kongobecken – mit leicht steigender Tendenz. Doch das Schutzgebiet und seine Hüter sind bedroht.

Verglichen mit der Serengeti, Virunga oder dem Krüger-Nationalpark gehört Upemba zu den unbekannteren Parks Afrikas. Was ist das Besondere an ihm?

Upemba ist wegen seiner landschaftlichen Spannweite außergewöhnlich. Der Park umfasst rund eine Million Hektar und reicht von den bis zu 1900 Meter hohen Kibara- und Manika-Plateaus bis in die gut 500 Meter hoch gelegene Kamalondo-Senke, durch die der obere Lualaba fließt, der Oberlauf des Kongo. Diese Feuchtgebiete sind unter anderem Lebensraum des endemischen Upemba-Litschi (einer Antilopenart, Anm. d. Red.) und des Schwarzzügelastrilds. Zugleich sind sie für die Fischerei, den regionalen Wasserhaushalt und die Lebensgrundlagen der dort lebenden Menschen von großer Bedeutung. Damit bildet der Park einen breiten ökologischen Querschnitt durch den Süden des Kongos.

Hinzu kommt seine Geschichte. Upemba wurde 1939 gegründet und hat die Unabhängigkeit, die Katanga-Sezession, den Niedergang staatlicher Institutionen, die Kongokriege und wiederholte Besetzungen durch bewaffnete Gruppen überstanden. Der Park ist deshalb nicht nur biologisch von großer Bedeutung, sondern auch ein Beispiel dafür, wie ein Schutzgebiet rechtlich fortbestehen kann, obwohl seine tatsächliche Verwaltung zeitweise zusammenbricht. Unter belgischer Kolonialherrschaft war Upemba, anders als Virunga, als strenges Naturreservat für den Tourismus geschlossen. Erst 1961 wurde der Park formell für Besucher geöffnet; in den 1970er-Jahren entstanden touristische Einrichtungen, und auch internationale Gäste besuchten den Park.

Warum ist seine Artenvielfalt so hoch?

Ein wesentlicher Grund ist der Höhenunterschied von mehr als 1000 Metern zwischen den Seen der Kamalondo-Senke und dem Kibara-Plateau. Dadurch existieren auf relativ engem Raum sehr unterschiedliche Klimabedingungen, Böden, Vegetationsformen und Wasserregime nebeneinander. Die Upemba-Expedition von 1946 bis 1949 dokumentierte bereits mehr als 420 Vogelarten, über 80 Amphibienarten und mehr als 50 Säugetierarten. Mehr als sechs Millionen Insekten wurden gesammelt und auf Grundlage dieser Sammlungen zahlreiche Arten erstmals wissenschaftlich beschrieben. Die hohe Zahl lokalisierter und endemischer Arten dürfte mit der langfristigen hydrologischen und topografischen Isolation einzelner Feuchtgebiete, Flusssysteme und Hochlandlebensräume zusammenhängen. Viele Tiergruppen sind bis heute unzureichend untersucht. Die bekannte Artenvielfalt bildet daher wahrscheinlich bloß einen Teil der tatsächlichen biologischen Vielfalt des Parks ab.

Schwarzzügelastrilde |

Über 70 Jahre galt der Schwarzzügelastrild (Estrilda nigriloris) aus dem Südosten der Demokratischen Republik Kongo als vermisst. Dann entdeckte Manuel Weber vom Nationalpark Upemba die Art im September 2023 wieder. Damals konnte er die Vögel bloß mit einem eher suboptimalen Foto dokumentieren. Doch 2025 gelangen ihm bei weiteren Nachforschungen endlich auch gute Bilder der nur sehr lokal verbreiteten Astrilde, wie der Wissenschaftler berichtet.

Verbreitungsschwerpunkt der Finken scheinen die Feuchtgebiete der Region in der Kamalondo-Senke zu sein, wo Weber sie im Uferbereich mehrerer Seen sichten konnte. Ein Teil des Gebiets befindet sich im Nationalpark Upemba, der ungefähr eine Million Hektar umfasst; neben den Finken beherbergt er auch die letzten Zebras des Landes sowie die vom Aussterben bedrohte Antilopenart der Upemba-Litschis (Kobus anselli). Ein Individuum dieser Art konnte 2025 erstmals fotografiert werden. Wie groß der Bestand der adrett gefärbten Astrilde ist, konnte Weber nur grob schätzen. Im besten Fall handelt es sich um mehrere Zehntausend Exemplare. Die Zahl der Litschis wird auf maximal 100 Tiere eingestuft.

Teile des Schutzgebiets sind zudem dicht besiedelt, was die Astrilde wie auch die Antilopen bedroht, etwa durch Wilderei, Feuer und Zerstörung der Papyrus-Sumpfgebiete. Die Sicherheitslage rund um den Park ist ebenfalls angespannt und Operationsgebiet von Milizen, die bereits das örtliche Hauptquartier angegriffen und mehrere Personen getötet haben.

Wie konnten Zebras, Elefanten und Büffel dort überleben? Der Park ist für manche Arten eines der oder sogar das letzte Verbreitungsgebiet in der Demokratischen Republik Kongo.

Ihr Überleben ist nur eingeschränkt eine Erfolgsgeschichte und darf nicht darüber hinwegtäuschen, wie stark die Tierwelt insgesamt verarmt ist. Eine Erhebung im Jahr 2025 ergab für die Zebras eine Schätzung von 197 Tieren. Für Büffel und Elefanten sind parkweite Zahlen wegen der Größe, Unzugänglichkeit und unvollständigen Erfassung schwieriger zu bestimmen. Die verfügbaren Daten deuten jedoch auf kleine und räumlich stark konzentrierte Restbestände hin. Auch kleinere und mittelgroße Säugetiere sind durch Schlingen und das von Menschen veränderte Feuerregime betroffen.

Dass sie überdauerten, liegt vermutlich an einer Kombination aus der enormen Größe und Unzugänglichkeit des Gebiets, einzelnen Phasen wirksamer Rangerpräsenz, dem Wissen und Engagement der Mitarbeiter und lokaler Partner sowie der ökologischen Widerstandsfähigkeit der Restpopulationen. Seit Anfang der 2020er-Jahre wurden Schutz, Ausbildung, Luftüberwachung und Wildtiermonitoring schrittweise ausgebaut. Die heutigen Bestände zeigen dennoch vor allem, wie knapp diese Arten dem lokalen Aussterben entgangen sind.

Gibt es Pläne, Nashörner oder ausgerottete Raubtiere wieder anzusiedeln?

Das letzte sicher bestätigte Spitzmaulnashorn der Region wurde 1957 dokumentiert, 1961 gab es Meldungen zu potenziellen Spuren. Der letzte Bericht über einen Geparden stammt von 1983, der letzte bestätigte Nachweis Afrikanischer Wildhunde von 1986, und Löwen wurden zuletzt 1991 regelmäßig beobachtet. Die unmittelbare Aufgabe besteht darin, die noch vorhandenen Populationen der überlebenden Tiere zu sichern: Zebra, Büffel, Elefant, Flusspferd und Rappenantilope kommen bloß noch in kleinen oder räumlich begrenzten Beständen vor. Langfristig könnte man die Wiederansiedlung von Pflanzenfressern prüfen. Große Raubtiere oder Nashörner stehen jedoch weit hinter der dringenderen Aufgabe zurück, das noch Vorhandene zu erhalten.

Gibt es noch mehr »verborgene« Arten wie Upemba-Litschi oder Schwarzzügelastrild, die erst in den letzten Jahren hier wiederentdeckt wurden?

Ja. Ein besonders naheliegender Kandidat ist der Upemba-Maskenweber (Ploceus upembae). Er ist nur von wenigen historischen Exemplaren aus der Kamalondo-Senke bekannt und wurde seit 1949 nicht mehr dokumentiert. Wir wissen nicht, ob er ausgestorben ist oder in einem bislang kaum untersuchten Teil der Feuchtgebiete überlebt. Ein weiterer rätselhafter Fall ist die Lippens-Erddrossel (Geokichla guttata lippensi), eine lediglich von einem einzigen Exemplar bekannte Form der Fleckenerddrossel. Dieses Tier wurde 1971 im Quellgebiet des Lusinga nahe der heutigen Parkstation gesammelt. Seitdem wurde der Vogel nie wieder gefunden.

Darüber hinaus gibt es zahlreiche schlecht bekannte oder nur lokal verbreitete Fische, Amphibien, Reptilien, Kleinsäuger, Mollusken und Insekten. Auch in jüngerer Zeit wurden aus dem oberen Lualaba mehrere neue Fischarten beschrieben. Viele Landschaftsteile, insbesondere das Manika-Plateau und große Bereiche der Kamalondo-Senke, wurden bisher bloß punktuell untersucht. Aber neue Arten werden regelmäßig beschrieben, verschollen geglaubte Arten wiederentdeckt und bekannte Verbreitungsgebiete erweitert. Dies gilt vor allem für Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Pflanzen, wo wir das auch künftig erwarten. Unbekannte Großsäuger sind dagegen eher unwahrscheinlich.

Upemba-Litschi |

Die extrem seltene Antilopenart lebt nur in den Sümpfen des Nationalparks Upemba.

Welche Rolle haben Sie bei der Wiederentdeckung des Schwarzzügelastrilds gespielt?

Die Wiederentdeckung war keine Einzelleistung. Ich hatte historische Fundorte, alte Sammlungsangaben und Lebensraumbeschreibungen ausgewertet und danach gemeinsam mit Kollegen gezielt Feuchtgebiete in der Kamalondo-Senke untersucht. Im September 2023 konnten wir den Schwarzzügelastrild am Kabwe-See erstmals seit mehr als 70 Jahren wieder sicher dokumentieren. 2025 weiteten wir die Suche auf insgesamt 14 Standorte aus und fanden die Art zusätzlich bei Mabwe und Kiminunga. In Mabwe konnte ich ungefähr 20 Tiere beobachten und nach unserem Kenntnisstand die ersten hochwertigen Fotografien der Art in freier Wildbahn aufnehmen. Mein Beitrag bestand damit aus der historischen Recherche, der Planung und Durchführung der Feldsuche, der Dokumentation der Beobachtungen, der Kartierung des potenziellen Lebensraums und der wissenschaftlichen Veröffentlichung. Möglich war dies nur durch die gemeinsame Feldarbeit mit Kollegen, die die Untersuchungen durch ihre Ortskenntnis, Planung, Beobachtungen und praktische Unterstützung wesentlich mittrugen.

Wie kam es dazu, dass Sie für diesen abgelegenen Park arbeiten?

Ich bin Umweltwissenschaftler und hatte zuvor bereits im praktischen Naturschutz im südlichen Afrika gearbeitet. Außerdem habe ich Teile meiner Kindheit im Kongo in der Nähe des Upemba-Nationalparks verbracht. Als ich erfuhr, dass eine internationale Organisation in das Management des Parks eingestiegen war, kontaktierte ich den Park und bot meine Mitarbeit an, zunächst als Praktikant. Daraus entwickelte sich später meine Arbeit in Forschung und Biomonitoring.

Eine Arbeit, die in einer lebensgefährlichen Situation mündete. Was ist passiert?

Kurz vor Sonnenaufgang am 3. März 2026 wurde das Parkhauptquartier von einer bewaffneten Gruppe angegriffen. Ich war bereits im Büro und versteckte mich dort gemeinsam mit einem Freund. Nach ungefähr einer Stunde drangen Angreifer in den Raum ein und schossen. Wir wurden nur knapp verfehlt, anschließend gefangen genommen und voneinander getrennt. Mein Freund wurde exekutiert. Ich wurde während der Durchsuchung von Gebäuden als menschlicher Schutzschild benutzt. Nach ungefähr zwei Stunden ließ man eine Gruppe von Überlebenden, darunter auch mich, frei. Insgesamt tötete die Gruppe sieben Kollegen. Ich hatte Glück, überlebt zu haben.

Was wird unternommen, um die Parkmitarbeiter zukünftig besser zu schützen?

Hierzu kann ich mich nicht äußern.

Manuel Weber und Kollegen |

Manuel Weber (Zweiter von links) ist Umweltwissenschaftler und arbeitet im Nationalpark Upemba. Das Bild zeigt ihn mit seinen Freunden Ariana Sylvain, Sicherheitschef des Nationalparks (links), Ruffin Mpanga, Leiter des Biomonitorings (rechts), mit dem er auch die Arbeit zum Upemba-Litschi veröffentlicht hat, und Faustin Mahamba, Leiter des Community-Conservation-Departments (rechts außen).

Und was ist mit dem Park, der in Teilen auch besiedelt ist?

Der unmittelbare Schutz konzentriert sich vor allem auf Patrouillen, Luftüberwachung, Wildtierzählungen und die bekannten Rückzugsgebiete der letzten größeren Tierpopulationen. In den besiedelten Feuchtgebieten reicht ein klassischer Ansatz mit Patrouillen und Strafverfolgung jedoch nicht aus. Upemba wurde nicht in einer menschenleeren Landschaft geschaffen. Archäologische Befunde dokumentieren in der Kamalondo-Senke eine mehr als 2000-jährige Besiedlungs- und Nutzungsgeschichte. Dort liegt auch der größte bekannte und bislang wenig erforschte prähistorische Friedhofskomplex Subsahara-Afrikas, weshalb die Region auf der UNESCO-Vorschlagsliste für das Welterbe steht. Historische Quellen dokumentieren Umsiedlungen im Zusammenhang mit der Parkgründung und späteren staatlichen Interventionen. Während längerer Phasen schwacher staatlicher Präsenz veränderten sich die Nutzungsmuster erneut.

Langfristig kann Naturschutz dort bloß funktionieren, wenn Schutzmaßnahmen mit ausgehandelten Regeln für Fischerei, Landwirtschaft und andere Formen der Ressourcennutzung verbunden werden. Dafür braucht es eine Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinschaften, traditionellen Autoritäten und staatlichen Stellen. Die Aufgabe besteht darin, die letzten Tierpopulationen und besonders empfindliche Feuchtgebiete zu schützen, ohne die historische und politische Realität der dort lebenden Menschen zu ignorieren.

Welche Hilfe und Unterstützung würden Sie sich wünschen?

Aus meiner Sicht ist vor allem eine langfristige und sichere Unterstützung erforderlich. Dazu gehören eine verlässliche Finanzierung und gute Ausrüstung des Personals, Ausbildung, medizinische Versorgung sowie funktionierende Sicherheits- und Kommunikationssysteme. Ebenso notwendig sind dauerhaft finanzierte Patrouillen, Fahrzeuge und Flugzeuge sowie wiederholte Wildtierzählungen, Kamerafallenprogramme und die Überwachung von Feuer, Landnutzung und Feuchtgebieten.

Die wissenschaftliche Arbeit sollte nicht nur auf bekannte Großsäuger ausgerichtet sein, sondern Fische, Amphibien, Vögel, kleinere Säugetiere, Pflanzen und die ökologischen Funktionen der Feuchtgebiete mit einschließen. Internationale Aufmerksamkeit sollte Upemba nicht erst dann erreichen, wenn Menschen getötet werden oder eine Art unmittelbar vor dem Aussterben steht. Upemba ist stark geschädigt, aber noch nicht verloren. Gerade deshalb können gezielte und langfristige Investitionen heute noch einen messbaren Unterschied machen.

Gefährliche Arbeit

Jedes Jahr werden weltweit mehr als 100 Ranger bei der Ausübung ihrer Arbeit ermordet, weil sie gegen Wilderer oder illegale Landnahme vorgehen. Zu den gefährlichsten Ländern in diesem Zusammenhang gehört neben den Philippinen und Kolumbien die Demokratische Republik Kongo. Der Überfall auf den Nationalpark Upemba und seine Mitarbeitenden im März 2026 ist nur das jüngste Beispiel. 2020 starben beispielsweise 17 Wildhüter und andere Mitarbeiter im Virunga-Nationalpark – bekannt für seine Berggorillas. Eine bewaffnete Miliz, die stark am Geschäft mit gewildertem Fleisch und illegal gewonnener Holzkohle beteiligt ist, hatte sie in der Nähe des Parkhauptquartiers überfallen und getötet. Allein im Virunga starben seit 2006 mehr als 150 Ranger.

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  • Quellen
  • Weber, M. et al., African Journal of Ecology 10.1111/aje.70060, 2025
  • Weber, M. et. al., Bulletin of the African Bird Club 31.2, S. 213–215, 2024

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