Neandertalerbeute: Lebensgeschichte riesiger Waldelefanten rekonstruiert

Ein Forscherteam hat aus den Zähnen von Waldelefanten auf die Lebensumstände der riesigen Rüsseltiere geschlossen. Isotope im Zahnschmelz der Tiere verraten, dass die untersuchten Waldelefantenbullen ihre Jugend mehr als 300 Kilometer entfernt von dem Seeufer verbrachten, an dem sie schließlich von Neandertalern erlegt wurden.
Das berichtet die Gruppe um Erstautorin Elena Armaroli von der Universität Modena und der Reggio Emilia im Fachblatt »Science Advances«. Das Verhalten der Tiere, die vor rund 125 000 Jahren ein wärmeres Europa bewohnten, ähnelt somit dem heutiger Afrikanischer Elefanten. An welchem Ort genau die Tiere ihre Jugend verbrachten, haben die Wissenschaftler nicht ermittelt. Vermutlich handle es sich um angrenzende Mittelgebirgsregionen, also Harz, Fichtelgebirge, Erzgebirge oder Thüringer Wald.
Besser bekannt ist dagegen die Landschaft, in der die Neandertaler ihnen auflauerten. Beim Fundplatz Neumark-Nord in Sachsen-Anhalt handelt es sich um ein einstiges Seeufer, in dem organisches Material hervorragend erhalten ist – unter anderem die Knochen der Waldelefanten, an denen Wissenschaftler eindeutige Schnittspuren erkennen können. Der Schlachtplatz verrät ein planvolles Vorgehen der Neandertaler: So scheinen sie die Knochen der Tiere in regelrechten »Fettfabriken« ausgekocht zu haben, um an das nahrhafte Mark zu kommen.
Neandertaler verstanden ihre Umwelt
Die Funde würden nahelegen, »dass die Neandertaler die Elefanten nicht erlegt haben, weil es gerade eine günstige Gelegenheit gab. Alles deutet auf eine organisierte Jagd hin, bei der sogar solch riesige Beutetiere gezielt erlegt werden konnten. Dafür mussten die Neandertaler die Landschaft gut kennen, zusammenarbeiten und planen«, erklärt Armaroli in einer Pressemitteilung der Universität Frankfurt. Der ehemalige Braunkohletagebau wird seit Jahren von einem interdisziplinären Team erforscht.
»Was wir in Neumark-Nord sehen, ist kein Bild bloßen Überlebens, sondern das einer Population, die ihre Umwelt verstand und über einen Zeitraum von mindestens 2500 Jahren aktiv und auf komplexe Weise mit ihr interagierte«, sagt Co-Autorin Sabine Gaudzinski-Windheuser von der Universität Mainz und dem Archäologischen Forschungszentrum MONREPOS in Neuwied. Vor allem kamen dort reiche Tierfunde zutage: insgesamt über 70 Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus) sowie andere große Beutetiere wie Pferde, Wildrinder und Hirsche. Während der Eem-Warmzeit, der letzten ausgeprägten Warmphase vor unserer heutigen, herrschte in Mitteleuropa mehr als 10 000 Jahre lang ein vergleichsweise mildes Klima mit Seen, Wäldern und offenem Gelände.
Neben den Isotopen analysierten die Wissenschaftler auch Überreste der Proteine in den Zähnen, was Rückschlüsse auf das Geschlecht der vier untersuchten Tiere zuließ. Es handelt sich demnach um drei Bullen und vermutlich eine Elefantenkuh. Männliche Waldelefanten überragten sogar heutige Afrikanische Elefanten in ihrer Statur: Sie erreichten eine Schulterhöhe von rund vier Metern.
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