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Pestizide: Neonikotinoide schaden auch indirekt

Neonikotinoide gehören zu den besonders umstrittenen Pestiziden. Eine Studie legt nun nahe, dass sie Nützlingen auch indirekt schaden können - über Honigtau.
Ameise melkt BlattläuseLaden...

Honigtau ist eine wichtige Insektennahrung, und der beliebte Waldhonig besteht vollständig aus den von Bienen aufgenommenen zuckerhaltigen Ausscheidungen von Blattläusen. Doch das Sekret ist offensichtlich auch ein bislang nicht beachtetes Einfallstor für Pestizide, die auf diese Weise Insekten schaden können, welche eigentlich nicht Ziel des Einsatzes waren. Das zeigt eine komplexe Studie von Miguel Calvo-Agudo von der Universität Wageningen und seinem Team in »PNAS«. In Experimenten setzten sie in Treibhäusern zwei unterschiedliche Insektizide aus der Klasse der Neonikotinoide gegen Schmierläuse ein: Diese befallen unter anderem Zitrusbäume und scheiden überschüssige Zuckerlösungen als Honigtau ab – der wiederum von Schwebfliegen oder parasitären Schlupfwespen aufgenommen wird. Beide Insektengruppen gelten als Nützlinge, weil sie Fressfeinde von Schädlingen sind.

In ihrer Studie behandelten die Wissenschaftler die Zitrusbäume entweder mit Wasser oder mit den Neonikotinoiden Thiamethoxam oder Imidachloprid, die sie wahlweise auf die Blätter sprühten oder in den Boden einbrachten. Beides sind gängige Methoden, mit denen Landwirte Schädlinge bekämpfen. Anschließend setzten die Biologen die Schildläuse aus und verfütterten den in der Folge erzeugten Honigtau an Schwebfliegen und Schlupfwespen. Innerhalb von drei Tagen starben anschließend alle Schwebfliegen, die das Sekret von Schmierläusen bekamen, welche an mit Thiamethoxam behandelten Blättern saugten – während in der Kontrollgruppe mit dem Wasser nur ein Zehntel der Population nach dieser Zeit tot war. Wurde das Pestizid in den Boden eingebracht, verendeten immer noch 70 Prozent der Schwebfliegen. Bei den Schlupfwespen betrug die Todesrate in beiden Fällen mehr als 50 Prozent der Tiere, während in den Vergleichsgruppen weniger als 20 Prozent umkamen.

Für Calvo-Agudo und Co sind diese Ergebnisse alarmierend: Sie weisen darauf hin, dass noch weitaus mehr Insekten von Neonikotinoiden geschädigt werden könnten, als man bislang dachte. Bekannt war, dass Bestäuber diese Insektizide über Pollen und Nektar aufnehmen können und dadurch geschädigt werden, obwohl die Wirkstoffe auf beißende und saugenden Insekten zielen, die sich direkt aus den Leiterbahnen der Wirtspflanzen ernähren. Problematisch sei vor allem, dass Honigtau in vielen landwirtschaftlichen Anbaugebieten die einzige Nahrung für Bestäuber und andere Insekten ist, warnt etwa der Agrarökologe Teja Tscharntke von der Universität Göttingen gegenüber dem »Science Media Center« in Köln: »Blattläuse sind die ökonomisch bedeutendsten Schädlinge im Getreide, und die parasitischen Wespen – die zu den wichtigsten Gegenspielern der Blattläuse zählen – ernähren sich im Wesentlichen von Honigtau, insbesondere wenn es keine blühenden Pflanzen in der Nähe gibt. Deshalb wird durch vergifteten Honigtau eine biologische Schädlingsbekämpfung hintertrieben.«

Zudem könnten überlebende Tiere beeinträchtigt werden, so Tscharntke: »Grundsätzlich sind aber auch indirekte Schäden bei Nützlingen zu erwarten. Dazu zählen eine verringerte Lebensdauer, eine geringere Vitalität und Fruchtbarkeit, sie finden schlechter Geschlechtspartner oder Beute und so weiter.« Calvo-Agudo und sein Team vermuten außerdem, dass über tropfenden Honigtau Bodenorganismen geschädigt werden könnten. Die beiden getesteten Neonikotinoide dürfen in der Europäischen Union nicht mehr im Freiland eingesetzt werden, sondern nur in Gewächshäusern. Die Wissenschaftler vermuten jedoch, dass das Problem auch bei anderen Neonikotinoiden auftreten dürfte. Noch dazu konterkariert ihr Einsatz jede biologische Schädlingsbekämpfung, da sie in Treibhäusern gezielt frei gelassene Nutzinsekten rasch abtöten. »Die Studie zeigt, dass Schildläuse auch bei regulär verwendeten Neonikotinoiden nicht sofort sterben, sondern noch Honigtau ausscheiden. Das sollte unbedingt ein Anlass sein, bei zukünftigen Zulassungsverfahren diesen Wirkungsweg zu berücksichtigen«, fordert daher der Tierökologe Johannes Steidle von der Universität Hohenheim.

32/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 32/2019

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