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Epidemiologie: Neue Waffe im Arsenal?

Heute gibt es ein umfangreiches Medikamente-Sortiment gegen das HI-Virus, den Erreger der Immunschwächekrankheit Aids, mit dem man die Krankheit in Schach halten kann. Allerdings entwickelt das Virus in Windeseile Resistenzen gegen diese - zum Teil schwer verträglichen - Medikamente. Außerdem stehen diese den Menschen in dem von Aids besonders stark betroffenen Afrika und Asien nur sehr begrenzt zur Verfügung. Ein zusätzlicher Präventivschutz wäre daher sinnvoll. Sollte die Beschneidung eine geeignete vorbeugende Maßnahme sein?
Aids ist unbarmherzig. Weltweit lebten Ende 2004 fast 40 Millionen Menschen mit der Seuche, fast fünf Millionen haben sich nur in diesem Jahr neu infiziert und mehr als drei Millionen Menschen fielen der Krankheit zum Opfer. Wer als Aids-Infizierter in den Industrienationen lebt, steht dabei noch verhältnismäßig gut da: Hier sind antiretrovirale Medikamente verfügbar, welche die Krankheit zwar nicht besiegen, aber immerhin ihren Verlauf verzögern. In den Teilen der Welt, in denen die Seuche am weitesten verbreitet ist, haben aber nur die wenigsten Menschen Zugang zu den Medikamenten – und auch das erst seit Kurzem.

Ende 2003 starteten die WHO und UNIADS die "3-by-5"-Initiative, im Rahmen derer bis Ende 2005 drei Millionen Aids-Patienten in 50 Entwicklungsländern mit HIV-Medikamenten versorgt werden sollten – im Juni 2005 erhielt immerhin eine Million Aids-Infizierte eine antiretrovirale Therapie.

Um die Seuche weltweit in den Griff zu bekommen, reichen aber Therapieprogramme alleine nicht aus, sondern es gilt auch, Neuinfektionen von vorneherein zu verhindern. Der beste Schutz ist nach wie vor das Kondom – allerdings nur, wenn es auch verwendet wird. Das wiederum widerstrebt so manchem Mann.

Interessant waren daher Beobachtungen aus Afrika: Beschnittene Männer schienen dort verschiedenen Berichten zufolge ein geringeres Infektionsrisiko zu haben. Ein französisch-südafrikanisches Forscherteam um Bertran Auvert überprüfte dies nun mit einer Studie im Umland von Johannesburg, wo die Beschneidung erwachsener Männer üblich ist, aber nicht bei jedem vorgenommen wird. Ein Ethikkommittee genehmigte die Untersuchung, da in Südafrika zu diesem Zeitpunkt bis zu 30 Prozent der Bevölkerung mit HIV infiziert waren, aber keine antiretroviralen Medikamente zur Verfügung standen.

Die Wissenschaftler teilten 3274 männliche südafrikanische Freiwillige in zwei Gruppen auf: Die eine wurde sofort von qualifiziertem medizinischen Personal beschnitten, der Kontrollgruppe wurde angeboten, den Eingriff nach Ablauf der insgesamt 21-monatigen Beobachtungszeit vorzunehmen.

Eine Zwischenevaluation nach 18 Monaten zeigte eine überraschend deutliche Wirkung der Beschneidung: Unter den unbehandelten Männern hatten sich in diesem Zeitraum 49 Personen neu mit HIV angesteckt, unter den beschnittenen jedoch nur 20. Der chirurgische Eingriff schien demnach die HIV-Übertragung von Frauen auf Männer um 60 Prozent zu reduzieren.

Andere Faktoren wie Sexualverhalten und Kondomgebrauch hatten darauf keinen Einfluss. Angesichts des deutlichen Unterschieds zwischen den Studiengruppen erschien eine Fortführung der Studie unethisch, daher wurde sie vorzeitig abgebrochen.

Obwohl die Ergebnisse eine vielversprechende Wirkung der Beschneidung vermuten lassen, betonen Experten von UNAIDS, dass diese Beobachtungen von weiteren Studien bestätigt werden müssen, bevor sie als allgemein gültig akzeptiert werden können. Derzeit laufen vergleichbare Untersuchungen in Uganda und Kenia.

Problematisch ist auch, dass sich beschnittene Männer in Sicherheit wiegen könnten und womöglich deswegen auf Kondome verzichten – daher müsste die Beschneidung Teil eines Präventionspaketes sein, dürfte aber nicht bestehende effektive Maßnahmen untergraben.

Zudem bietet der Eingriff nur den Männern einen gewissen Infektionsschutz – ob auch die Frauen davon profitieren, gilt es erst noch herauszufinden. Außerdem kann eine Beschneidung – vor allem, wenn sie von unqualifizierten Personen vorgenommen wird – Komplikationen nach sich ziehen, und direkt nach dem Eingriff könnte ein erhöhtes Infektionsrisiko bestehen. Noch ist also etwas Skepsis hinsichtlich der Beobachtungen angebracht, doch sollten sich die Ergebnisse in weiteren Studien bestätigen, könnten sie neue Impulse in der Aids-Prävention setzen.

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