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Paläoanthropologie: Neues vom Alten

Ardipithecus ramidus kann zwar nicht mit der Berühmtheit von "Lucy" mithalten, hat ihr aber etwas Entscheidendes voraus: das Alter. Bisher sind nur wenige Exemplare des an der Basis der Menschwerdung stehenden Hominiden gefunden worden. Jetzt gesellen sich neun neue Alte hinzu.
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"Lucy" war schon 18 Jahre über der Erde, als am 20. Dezember 1992 ein ernsthafter Konkurrent auftrat. An der Fundstelle Aramis in Äthiopien tauchten Zähne, Kiefer, Schädelstücke und weitere Knochen auf, deren Alter auf 4,4 Millionen Jahre geschätzt wurde. "Lucy", die es auf "nur" 3,2 Millionen Jahre bringt, war damit um Längen geschlagen.

Für den amerikanischen Anthropologen Tim White war klar, dass es sich um eine neue Hominidenart handeln musste. 1994 taufte er den Neuen Australopithecus ramidus – und ordnete ihn damit in die gleiche Gattung wie "Lucy" ein, die unter dem wissenschaftlichen Namen Australopithecus afarensis firmiert.

Ein Jahr später revidierte White seine Auffassung wieder. Neue Funde – inzwischen war ein fast vollständiges Skelett aufgetaucht – brachten ihn zu der Überzeugung, dass es sich nicht nur um eine neue Art, sondern sogar um eine neue Gattung handelt. Seitdem läuft der neue Alte unter den Bezeichnung Ardipithecus ramidus – frei übersetzt: "an der Wurzel stehender Bodenaffe".

Inzwischen sind die Anthropologen davon überzeugt, dass Ardipithecus ramidus tatsächlich an der Wurzel der Menschwerdung gestanden hat. Nur wenige Hominidenfunde sind noch älter – wie beispielsweise sein im Jahr 2001 in der gleichen Region entdeckter und fast sechs Millionen Jahre alter Verwandter Ardipithecus kadabba. Aber die Funde blieben bisher immer so spärlich, dass außer seiner Existenz fast nichts über den "Bodenaffen" bekannt war.

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Ardipithecus ramidus | Diese Unterkieferstück von Ardipithecus ramidus ist vermutlich 4,5 Millionen Jahre alt.
Das hat sich jetzt geändert. In der nordäthiopischen Region Gona, etwa hundert Kilometer von Aramis entfernt, fand das Team um Sileshi Semaw von der Universität von Indiana die sterblichen Überreste von mindestens neun Ardipithecus-ramidus-Exemplaren. Über das Verhältnis der Isotope Argon-39 und Argon-40 konnten die Forscher die Knochen – hauptsächlich Zähne sowie Teile von Kiefern, Fingern und Zehen – auf ein Alter zwischen 4,5 und 4,3 Millionen Jahre schätzen.

Die Fossilien bestätigen die Vermutung, dass Ardipithecus ramidus – obwohl äußerlich noch eher einem Schimpansen als einem Menschen ähnlich – auf zwei Beinen durch die Lande schritt. Aber vielleicht noch interessanter als die Hominidenknochen selbst sind die Beifunde von Pflanzen und Tieren – erzählen sie doch etwas von der damaligen Umwelt. Demnach zeigte sich Gona vor viereinhalb Millionen Jahren nicht als staubtrockene Region wie heute. Vielmehr lebten die Hominiden in trauter Eintracht mit Antilopen, Nashörnern, Affen, Giraffen und Flusspferden in einer feuchten Parklandschaft, die von Wäldern, Wiesen, Sümpfen und Flüssen geprägt war.

Damit verfügt die Wissenschaft wieder über ein paar Mosaiksteinchen mehr, die etwas über die Geschichte unserer Vorfahren erzählen. "In Afrika sind jetzt einige wenige Fenster offen", meint Semaw, "aus denen wir einen flüchtigen Blick auf die fossilen Zeugen der frühesten Hominiden erhaschen können."

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