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1I/'Oumuamua

Warum der interstellare Besucher keinen Schweif hat

Möglicherweise ist der kleine interstellare Himmelskörper 1I/'Oumuamua kein Asteroid aus Gestein und Metall, sondern ein inaktiver Komet. Eine relativ dünne Schicht aus trockenem, kohlenstoffreichem Material könnte beim nahen Vorbeiflug an der Sonne das im Inneren befindliche Eis vor der Verdampfung durch die Sonnenwärme geschützt haben.
Künstlerische Darstellung des Asteroiden 'Oumuamua.

Als der interstellare Besucher, der jetzt den Namen 1I/'Oumuamua trägt, Mitte Oktober 2017 entdeckt wurde, dachten die Astronomen zunächst an einen Kometen. Allerdings zeigten nachfolgende Beobachtungen mit Großteleskopen, dass 1I keinerlei Aktivität aufwies, wie sie für Kometen typisch ist. Daraufhin ordneten ihn die Astronomen als Asteroiden aus Gestein und Metall ein. Nun hat eine Forschergruppe um Alan Fitzsimmons von der nordirischen Queen's University Belfast Anzeichen dafür gefunden, dass 1I vielleicht doch ein inaktiver Kometenkern sein könnte. Eine etwa 40 Zentimeter dicke Schicht aus kohlenstoffreichem, organischem Material könnte demnach ausgereicht haben, das eishaltige Innere des Himmelskörpers vor der intensiven Wärme bei der dichtesten Annäherung an die Sonne zu schützen, berichten die Forscher in "Nature Astronomy". Somit wäre es nicht zur Sublimation von Wassereis und anderen flüchtigen Stoffen gekommen, so dass der Himmelskörper wie ein normaler Steinasteroid erschien.

Der interstellare Besucher 1I/'Oumuamua im Blick des William-Herschel-Teleskops
Der interstellare Besucher 1I/'Oumuamua | Mit dem 4,2 Meter-Teleskop William Herschel gelang auf der Kanareninsel La Palma diese Aufnahme des ersten interstellaren Besuchers, des Objekts 1I/'Oumuamua (Kreis). Bei ihm könnte es sich um einen Asteroiden aus Gestein und Metall oder auch einen inaktiven eishaltigen Kometenkern handeln.

Die Forscher beobachteten 1I kurz nach seiner Entdeckung mit dem 4,2-Meter-Teleskop William Herschel auf der Kanareninsel La Palma und mit einem der vier 8,2-Meter-Instrumente des Very Large Telescope in Chile. Dabei zeichneten sie Spektren des Himmelskörpers vom nahen Ultravioletten über das sichtbare Licht bis hin zum nahen Infraroten auf. Die Spektren zeigen nur wenige Merkmale, insgesamt erscheint die Oberfläche des maximal etwa 400 Meter langen, wie eine Zigarre geformten Himmelskörpers leicht rötlich. Sie ähnelt damit den kleinen Objekten im äußeren Sonnensystem mit Oberflächen, die reich an organischen Stoffen sind. Besonders die Objekte im Kuipergürtel jenseits der Umlaufbahn des äußersten Planeten Neptun sind 1I spektral recht ähnlich. Die Astronomen vermuten, dass 1I ein alter Himmelskörper ist, der schon seit vielen hundert Millionen Jahren durch den interstellaren Raum treibt. Er hat sich immer wieder Sternen genähert und verlor dadurch schon vor langer Zeit die flüchtigen Stoffe in seinen obersten Schichten. Auch der ständige Beschuss durch die Teilchen der kosmischen Strahlung trug zur Bildung der kohlenstoffreichen Oberfläche bei, vermuten die Forscher.

1I/'Oumuamua bewegt sich über den Himmel

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Bei seinem Durchflug durch das Sonnensystem bewegte sich 1I sehr schnell relativ zur Sonne. Daher betrug die Oberflächentemperatur bei seiner dichtesten Annäherung an die Sonne am 9. September 2017 nur für wenige Tage mehr als 300 Grad Celsius. Sollte die äußerste Schicht der Oberfläche, wie von Fitzsimmons und seinen Koautoren vermutet, aus kohlenstoffreichem, organischem Material bestehen, so wäre sie ein schlechter Wärmeleiter. So konnte die Sonnenwärme in dieser kurzen Zeitspanne nur sehr wenig in den Himmelskörper eindringen. Schon in zehn Zentimeter Tiefe hätte die Temperatur statt 300 Grad Celsius lediglich 0 Grad Celsius betragen, in 30 Zentimeter Tiefe nur –130 Grad Celsius. Damit hätte sie weit unter der Sublimationstemperatur für Wassereis gelegen. Somit wäre es kein Wunder gewesen, dass es selbst bei einem eisreichen Inneren zu keiner kometaren Aktivität kam und 1I wie ein Brocken aus Fels und Metall wirkte.

Derweil ist eine Suche nach Funkwellen ergebnislos geblieben. Die "Breakthrough Listen"-Initiative des russischen Milliardärs Juri Milner hatte vergangene Woche veranlasst, die 100-Meter-Radioantenne des Green-Banks-Observatoriums für sechs Stunden auf den interstellaren Besucher zu richten. Dabei fingen die Forscher jedoch keine offensichtlichen Radiosignale auf, berichtet die Initiative. Allerdings stehe eine eingehendere Analyse der Daten noch aus.

51/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 51/2017

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