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News: Neugierige Nachbarn

Wissen ist Macht. Das gilt offensichtlich auch für Vögel - spähen sie doch in Nachbars Nest, um deren Bruterfolg abzuchecken.
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So eine Wohnungssuche ist schon lästig. Schließlich soll die neue Bleibe möglichst geräumig, hell und dabei auch noch bezahlbar sein. Wer Kinder hat, wird sich auch für Schulen und Spielplätze in der Umgebung interessieren. Und mit den Nachbarn will man ja auch keinen unnötigen Ärger haben. Erkundigungen in der Nachbarschaft sind also durchaus angebracht, bevor das neue Quartier den Zuschlag bekommt.

Was Menschen recht ist, wird Vögeln billig sein – vermuteten Blandine Doligez, Etienne Danchin und Jean Clobert von der Pariser Université Pierre et Marie Curie. Denn wer Junge aufziehen möchte und dafür ein Nest braucht – egal ob Mensch oder Vogel –, sollte sich für den Bruterfolg der Nachbarschaft interessieren. Und gemäß der public information hypothesis, die Verhaltensforscher in den vergangenen Jahren aufgestellt hatten, werten Vögel bei der Wahl ihres Nistplatzes "öffentliche Informationen" aus.

Um diese Hypothese bei Halsbandschnäppern (Ficedula albicollis) zu überprüfen, spiegelten die Wissenschaftler den Tieren falsche Tatsachen vor: In einigen Brutgebieten auf der schwedischen Insel Gotland raubten die Forscher aus Nestern der nichtsahnenden Vögel sieben Tage alte Küken, versetzten diese in andere Nester, deren Besitzer den Neuzuwachs auch gleich adoptierten, und täuschten damit einen unterschiedlichen Bruterfolg vor. Jetzt brauchten die neugierigen Forscher nur noch abzuwarten und zu beobachten, welche Schlüsse Neueinwanderer aus diesem scheinbaren Unterschied zogen.

Und tatsächlich zeigten sich die Nistplatzsuchenden vom Erfolg oder Nichterfolg ihrer potenziellen Nachbarschaft durchaus beeindruckt: Fanden sie nur wenige Küken in den Nestern der Alteingesessenen vor, dann zogen sie lieber weiter, um ihre Bleibe woanders zu suchen. Nur ein reichlicher Kindersegen in den vorhandenen Nestern konnte sie davon überzeugen, sich ebenfalls in der Gegend häuslich niederzulassen.

Anders reagierten dagegen die Alteingesessenen. Viele von ihnen wurden durch die Manipulationen der Forscher vertrieben – egal, ob die Nachbarn nun mehr oder weniger Küken als normal aufzogen. Was war geschehen?

Vermutlich erspähen die Vögel nicht nur den quantitativen, sondern auch den qualitativen Bruterfolg ihrer Nachbarschaft. Denn der unerwartete Zuwachs bedeutete für die einzelnen Küken weniger Futter – schließlich muss die Mahlzeit mit mehr hungrigen Mäulern geteilt werden, was sich nicht gerade günstig auf die gesundheitliche Konstitution auswirkt. Auf der anderen Seite ging es den Küken, die ihre Geschwister verloren hatten, deutlich besser.

Damit offenbaren sich nach Ansicht der Forscher zwei unterschiedliche Strategien: Fremde Neueinwanderer können nur den quantitativen Bruterfolg abschätzen, der für oder gegen eine Wohnlage spricht. Wer jedoch schon länger in einem bestimmten Gebiet zu Hause ist, der kennt auch seine Nachbarn besser. Hat dieser nur wenig Nachwuchs oder einen schlecht ernährten, dann wird es Zeit, über den nächsten Umzug nachzudenken. Auch wenn so eine Wohnungssuche lästig ist.

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  • Quellen
Science 297(5584): 1107–1108 (2002)
Science 297(5584): 1168–1170 (2002)

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