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Das aktuelle Stichwort: Neuraminidase-Hemmer

Der Erreger der Vogelgrippe, das Influenza-Virus H5N1, hat Europa erreicht. Weil spezielle Impfstoffe fehlen, stehen Grippemedikamente, besonders der Neuraminidase-Hemmer Tamiflu, im Blickpunkt.
Bei dem Erreger der verheerenden Spanischen Grippe von 1918 handelte es sich um ein direkt von Vögeln auf den Menschen übergesprungenes Virus. Spätestens seit amerikanische Wissenschaftler dies vor knapp zwei Wochen bekannt gaben, erscheint die Gefahr, die für den Menschen von der sich ausbreitenden Vogelgrippe ausgeht, sehr real. Wie das historische Virus, gehört die aktuelle Variante zu den Influenza-Viren der Gruppe A.

Diese Erreger besitzen nicht DNA, sondern RNA in acht separaten Strängen als Erbgut. Die Membran, welche den Viruspartikel umhüllt, nehmen die Krankheitserreger beim Verlassen ihrer Wirtszellen mit. Diesen für die Vermehrung entscheidenden Schritt ermöglichen zwei in die Membran eingebaute virale Eiweiße: das Hämagglutinin und die Neuraminidase. Anhand verschiedener Spielarten dieser Proteine können Forscher übrigens die Erreger klassifizieren – das Vogelgrippe-Virus aus Fernost eben als Typ H5N1.

Hämagglutinin verknüpft sich mit typischen Zellmembranmolekülen, den Sialinsäuren. Diese wichtige Bindung birgt aber die Gefahr, dass die Viren mit den Oberflächen ihrer Wirtszellen verkleben, worauf sie vom Immunsystem eliminiert würden. Nur die Neuraminidase kann dies verhindern, indem sie die Sialinsäuren abschneidet. Erst dann kann sich das Influenza-Virus auf den Weg machen, neue Zellen zu infizieren.

Dieses Freischneide-Enzym nun blockieren die Neuraminidase-Hemmer. Wie zahlreiche Studien belegen, schwächen sie so den Verlauf von Infektionen ab – und zwar sowohl von solchen mit gewöhnlichen Grippeviren als auch von denen mit Vogelgrippe-Viren. Voraussetzung dafür ist, dass sie rechtzeitig, das heißt innerhalb von 48 Stunden nach den ersten Symptomen, eingenommen werden.

Neuraminidase-Hemmer könnten im Fall einer Pandemie, wenn es H5N1 gelingen sollte, von Mensch zu Mensch zu springen, die Ausbreitung in der Bevölkerung im Zaum halten. Einen effektiven Impfstoff könnten dagegen Forscher erst produzieren, wenn das mutierte Virus bekannt ist. Dies kann mehrere Monate dauern – bis dahin müssen Neuraminsäure-Hemmer, quasi als erste Verteidigungslinie, die gefährdeten Personengruppen schützen.

Derzeit vervielfachen sich die Anfragen für diese Medikamente. So stieg der Wert der Aktien des Schweizer Pharmakonzerns Roche, der den Wirkstoff Oseltamivir als Tablette unter dem Namen Tamiflu vertreibt, seit Jahresanfang um fünfzig Prozent. Allerdings warnen Experten vor Panikkäufen durch Privatpersonen und weisen darauf hin, die Pandemie-Vorsorge sei Sache der staatlichen Institutionen.

Die Vorräte der deutschen Behörden an Tamiflu und dem zu inhalierenden Medikament Relenza (Glaxo-Smith-Kline) decken, von Bundesland zu Bundesland schwankend, etwa zehn Prozent der Bevölkerung ab. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte zwanzig Prozent empfohlen.

Ein Flugblatt des Schweizer Ärzteverbandes mahnt dennoch seine Mitglieder, die Neuraminidase-Hemmer nicht prophylaktisch oder als private Reserve zu verschreiben. Dazu gebe es noch keinerlei Anlass, da bislang nur für Personen mit sehr engem Kontakt zu infiziertem Geflügel Infektionsgefahr bestehe.

Unterdessen berichten Forscher von einem mit Vogelgrippe infizierten vietnamesischen Mädchen, bei dem eine zehnfach höhere Tamiflu-Dosis als üblich notwendig war, um das Virus zu bekämpfen. Es scheine, als sei H5N1 dabei, eine Resistenz zu entwickeln, kommentierte der leitende Forscher Yoshihiro Kawaoka von der Universität von Wisonsin-Madison. Dann könnte sich die erste Verteidigungslinie gegen eine Pandemie als löchrig erweisen.

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