Neurodiversität: Autismus wird bei Mädchen oft sehr spät erkannt

Autismus gilt seit Langem als überwiegend männliche Diagnose. Eine neue Auswertung aus Schweden rückt dieses Bild nun zurecht: Autismus-Spektrum-Störungen treten offenbar ähnlich häufig bei Mädchen und Jungen auf – nur erhalten Mädchen ihre Diagnose oft deutlich später.
Ein Forschungsteam um Caroline Fyfe vom Karolinska Institut in Stockholm hat die Daten von etwas mehr als 2,7 Millionen Menschen analysiert. Alle waren zwischen 1985 und 2020 geboren und über Jahrzehnte medizinisch begleitet worden. Insgesamt hatten 78 522 Personen – rund 2,8 Prozent – im Lauf ihres Lebens eine Autismusdiagnose erhalten.
Im Kindesalter stiegen die Diagnoseraten stetig an und erreichten bei Jungen zwischen 10 und 14 Jahren ihren Höchstwert. Bei Mädchen lag der Scheitel deutlich später, zwischen 15 und 19 Jahren. Jungen erhielten ihre Diagnose also früher und Mädchen holten im Jugendalter auf, bis das Verhältnis um das 20. Lebensjahr fast ausgeglichen war.
Die Fachleute sehen darin einen Hinweis darauf, dass Autismus bei Mädchen häufig über Jahre unentdeckt bleibt. Oft wirken die Betreffenden weniger auffällig, gelten in der Kindheit als schüchtern oder sozial zurückhaltend. Anzeichen der Störung lassen sich so leichter übersehen oder werden anderen Ursachen zugeschrieben. »Gerade bei Mädchen mit hochfunktionaler Autismus-Spektrum-Störung kann die Diagnostik schwieriger sein, wenn kein deutlich sozial‑störendes Verhalten in der Kindheit auftritt«, erklärt Regina Taurines, Leiterin der Spezialambulanz Autismus/Entwicklungsstörungen des Universitätsklinikums Würzburg, gegenüber dem Science Media Center (SMC).
Zudem sei das Bewusstsein für Autismus bei Mädchen in den letzten Jahren allgemein gestiegen. Dieser Ansicht ist auch Christine Freitag, Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Frankfurt: »Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass durch den Einfluss von sozialen Medien sowohl die Jugendlichen vermehrt um eine Diagnose nachsuchen als auch Professionelle hierdurch ihren diagnostischen Blick verändern«, sagt sie dem SMC.
Den Expertinnen zufolge bedarf es hier weiterer Untersuchungen. »Da die Forschung lange vor allem Jungen und Männer betrachtet hat, ist es wichtig, dass zukünftige Studien die Besonderheiten von Mädchen und Frauen stärker in den Blick nehmen«, betont Taurines.
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