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Neurodiversität: Tickt das Gehirn bei ADHS ähnlich wie im Schlaf?

Erwachsene mit ADHS zeigen während einer Aufgabe vermehrt langsame Hirnwellen, die denen im Schlaf ähneln. Das könnte die Aufmerksamkeitsprobleme erklären.
Die Illustration eines Netzwerks von Nervenzellen mit leuchtenden Zellkörpern und verzweigten Dendriten. Die Neurone sind in verschiedenen leuchtenden Farben dargestellt, der Hintergrund ist dunkel. Das Bild veranschaulicht die Struktur und Funktion von Nervenzellen im Gehirn.
Menschen mit ADHS haben Probleme damit, aufmerksam zu bleiben. Das könnte an einer veränderten Aktivität von Nervenzellen im Gehirn liegen (Illustration).

Langsame Hirnwellen, die jenen im Schlaf ähneln, kommen bei wachen Erwachsenen mit ADHS häufiger vor als bei Menschen ohne die Diagnose. Das ist das Ergebnis eines Experiments von Neurowissenschaftlern um Elaine Pinggal von der Monash University in Melbourne. Es könnte die eingeschränkte Aufmerksamkeit der Betroffenen erklären.

Eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (kurz ADHS) äußert sich durch ausgeprägte Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität oder Impulsivität. Rund 2,5 Prozent der Erwachsenen sind betroffen. Das Team um Pinggal verglich eine bestimmte, für Schlaf typische Hirnaktivität, die sogenannte »slow wave activity«, von 32 Erwachsenen mit ADHS mit der von 31 neurotypischen Erwachsenen. Erstere hatten zuvor ihre Medikation für mindestens 72 Stunden abgesetzt.

Alle Teilnehmenden bearbeiteten eine Aufgabe, die über längere Zeit ihre Aufmerksamkeit forderte: Auf dem Bildschirm tauchten Zahlen auf und sie sollten immer dann auf eine Taste drücken, wenn nicht die Ziffer 3 erschien.

Zwischendurch beantworteten die Probanden zudem Fragen über ihren mentalen Zustand: Waren Sie gerade ganz bei der Sache? Schweiften Ihre Gedanken ab (»mind-wandering«)? Oder war Ihr Kopf ganz leer und Sie dachten gerade an nichts (»mind-blanking«)? Während des Experiments wurden neben Reaktionszeiten und Fehlern auch – mithilfe von 64 Elektroden – elektrische Potenzialschwankungen auf der Kopfhaut erfasst. Die wellenförmigen Signale geben Rückschlüsse auf die neuronale Aktivität des Gehirns.

»Jeder erlebt diese kurzen Momente schlafähnlicher Aktivität. Bei Menschen mit ADHS kommen sie jedoch häufiger vor«Elaine Pinggal, Neurowissenschaftlerin

Bei Menschen mit ADHS ähnelte diese stärker der Hirnaktivität beim Schlafen – was auch mit mehr Aufmerksamkeitslücken einherging. Sie drückten zum Beispiel öfter als die Kontrollgruppe fälschlicherweise eine Taste, wenn die 3 auf dem Monitor auftauchte. Und sie berichteten von mehr »mind-wandering« und »mind-blanking« während der Aufgabe.

»Schlafähnliche Hirnaktivität ist ein normales Phänomen, das bei anspruchsvollen Aufgaben auftritt«, erklärt Elaine Pinggal in einer Pressemitteilung. »Man kann sich das vorstellen wie bei einem langen Lauf, bei dem man irgendwann müde wird und eine Pause braucht. Jeder erlebt diese kurzen Momente schlafähnlicher Aktivität. Bei Menschen mit ADHS kommen sie jedoch häufiger vor.«

Ursache der Unaufmerksamkeit? | Langsame, schlafähnliche Hirnwellen traten während des Experiments bei Erwachsenen mit ADHS (links) deutlich öfter pro Minute auf als bei Erwachsenen ohne ADHS (rechts). Rot steht für viel an der Kopfoberfläche erfasste schlafähnliche Hirnaktivität, Gelb für wenig.

Ihre Forschung lege nahe, dass die erhöhte schlafähnliche Aktivität möglicherweise ein zentraler neuronaler Mechanismus bei ADHS sei, sagt Pinggal. Er könnte erklären, warum Betroffene größere Schwierigkeiten dabei haben, ihre Aufmerksamkeit und Leistung während einer Aufgabe aufrechtzuerhalten.

Die Befunde sprechen auch dafür, dass es wichtig sein könnte, die Schlafqualität von Menschen mit ADHS zu verbessern. Tatsächlich berichten die meisten Betroffenen von diversen Schlafproblemen.

Bei neurotypischen Personen kann eine akustische Stimulation während des Schlafs langsame Wellen verstärken, was wiederum die schlafähnliche Hirnaktivität im Wachzustand am nächsten Tag reduzieren könnte. In einem nächsten Schritt möchten die Neurowissenschaftler prüfen, ob dieser Ansatz auch bei Menschen mit ADHS die schlafähnliche Aktivität beim Wachsein verringert. 

  • Quellen
Pinggal, E. et al., The Journal of Neuroscience 10.1523/JNEUROSCI.1694–25.2025, 2026

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