Neurodiversität: Hirnscans deuten auf drei ADHS-Arten hin

Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) erleben die Folgen ihrer Neurodivergenz ganz unterschiedlich – dennoch bekommen sie aktuell alle dieselbe Diagnose. Eine am 25. Februar 2026 veröffentlichte Studie deutet allerdings darauf hin, dass hinter ADHS mehr als eine einzelne Störung stecken könnte. Das Team um Qiyong Gong von der Sichuan University entdeckte in den Gehirnen betroffener Kinder bestimmten Muster. Sie spiegelten sich im Verhalten der Kleinen wider: Welche Symptome wie stark zutage traten, hing davon ab, welches neuronale Muster vorherrschte.
Für die Studie untersuchte das Team in chinesischen und US-amerikanischen Kliniken insgesamt 1000 Kinder mit ADHS. Im ersten Schritt trainierte es einen Algorithmus darauf, Unterschiede in ihren Gehirnen zu erkennen. Aus Computertomografiescans (CT-Scans) von 446 Betroffenen sowie von 708 Gleichaltrigen ohne ADHS erstellte das Team geometrische Karten der Hirnoberfläche. Ähnlich wie topografische Landkarten zeigten sie die Erhebungen und Schluchten der grauen Masse auf.
Anhand dieser Karten verglichen die Fachleute, welche Areale bei Kindern mit ADHS am stärksten von denen der Kontrollgruppe abwichen. Hier kam ein speziell dafür entwickelter Algorithmus zum Einsatz. Dieser spielte vier klar getrennte Cluster aus: Drei von ihnen enthielten Scans der ADHS-Gehirne, der vierte die der restlichen Kinder. In den Aufnahmen ließ sich also nicht nur deutlich erkennen, wer ADHS hatte. Die Analyse zeigte drei unterschiedliche Untergruppen an Betroffenen.
Den vortrainierten Algorithmus testeten die Fachleute mit neuen Daten auf Herz und Nieren. Sie ließen die Software CT-Scans von 554 weiteren Kindern mit und 123 ohne ADHS auswerten. Wieder bildeten sich dabei die bereits zuvor beobachteten Gruppen aus. Damit bestätigten sie, dass sie mit ihrer Analyse stabile Muster aufgedeckt hatten.
Die drei ADHS-»Biotypen«, die das Programm offenlegte, spiegelten sich nicht nur in den Gehirnen der untersuchten Kinder wider. Sie gingen auch mit bestimmten Symptommustern einher. So umfasst die erste Untergruppe Betroffene mit den insgesamt schwersten ADHS-Auswirkungen. Von Unaufmerksamkeit über Hyperaktivität bis hin zur Impulsivität äußerte sich die Störung bei ihnen in allen Kernsymptomen der Entwicklungsstörung. Im Gehirn dieser Kinder fanden die Fachleute weitläufige Veränderungen in einem Bereich des Stirnlappens und in einem für die Bewegungssteuerung bedeutsamen Kerngebiet namens Pallidum. In der zweiten Gruppe häufen sich die Abweichungen in den Schaltkreisen zwischen dem Pallidum und der Gürtelwindung, die an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt ist. Betroffene waren weniger unaufmerksam und eher hyperaktiv und impulsiv. Beim dritten Biotyp konzentrierten sich die Effekte auf eine bedeutsame Großhirnwindung. Kinder in dieser Gruppe kämpften vor allem mit Aufmerksamkeitsproblemen.
Das Forschungsteam vermutet, dass bestimmte Neurotransmitter dabei eine Rolle spielen. In den veränderten Hirnarealen gibt es nämlich unterschiedliche Dichten an Andockstellen für die Signalmoleküle. Um diese These zu prüfen, braucht es weitere Untersuchungen. Sollte sich der Verdacht erhärten, könnte das ganz neue Behandlungsmöglichkeiten eröffnen. Denn dann ließen sich ADHS-Therapien vielleicht besser auf den einzelnen Patienten zuzuschneiden – und sie könnten, so die Hoffnung, genauer dort ansetzen, wo es im Gehirn der Betroffenen zu Störungen kommt.
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