Neuroplastizität: Langjährige Vogelbeobachtung verändert das Gehirn messbar

Bald ist Frühling und mit den höheren Temperaturen und längeren Tagen kommen auch viele Zugvögel zurück. Damit beginnt die Hochsaison für Vogelbeobachter und solche, die es werden wollen. Und tatsächlich haben Vögel und ihr Gesang nicht nur positive Effekte auf die Psyche und das Wohlbefinden. Wer sich besonders gut mit Vögeln auskennt, tut außerdem noch dem eigenen Gehirn etwas Gutes. Ein Team um Erik Wing von der University of Toronto in Kanada hat festgestellt, dass Vogelbeobachtung das Gehirn in ähnlicher Weise umformen kann wie das Erlernen einer Sprache oder eines Musikinstruments.
Die Forschenden verglichen die Gehirne von 29 erfahrenen Vogelkennerinnen und -kennern mit denen von 29 Laien und nutzten dafür moderne bildgebende Verfahren wie etwa funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT). Während der Scans sahen die Teilnehmenden jeweils für rund vier Sekunden das Bild eines Vogels. Zehn Sekunden später sollten sie die Art unter vier ähnlichen Abbildungen wiedererkennen. Es wurden absichtlich Arten ausgewählt, die leicht zu verwechseln sind. Die Aufgabe wurde 72‑mal wiederholt. Insgesamt nutzten die Forschenden Bilder von 18 Vogelarten.
Die erfahrenen Beobachterinnen und Beobachter erzielten dabei deutlich bessere Ergebnisse: Sie identifizierten im Schnitt 83 Prozent der heimischen und 61 Prozent der nichtheimischen Arten korrekt. Die Kontrollgruppe kam in beiden Kategorien lediglich auf 44 Prozent. Besonders bei den nichtheimischen Arten zeigten Expertinnen und Experten eine erhöhte Aktivität in mehreren Arealen des präfrontalen und parietalen Kortex – Regionen, die für Objektidentifikation, visuelle Verarbeitung, Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis zentral sind.
Die Forschenden fanden darüber hinaus Hinweise auf dauerhafte strukturelle Anpassungen. Bei dieser als Neuroplastizität bezeichneten Fähigkeit des Gehirns werden relevante Nervenbahnen gestärkt und optimiert, während nicht benötigte Verbindungen verblassen. Solche Veränderungen gelten als Voraussetzung für den Aufbau von Expertise. Die beiden Vergleichsgruppen unterschieden sich hinsichtlich Alter, Geschlecht oder Bildungsgrad kaum; die Teilnehmenden waren zwischen 22 und 79 Jahre alt.
Die Ergebnisse lassen vermuten, dass Vogelbeobachtung zur sogenannten kognitiven Reserve beitragen könnte, also zur Fähigkeit des Gehirns, dem Alterungsprozess und neurologischen Schädigungen entgegenzuwirken. Das jedoch sei nicht nur diesem einen speziellen Hobby vorbehalten, wenden die Forschenden selbst kritisch ein. Auch andere Freizeitaktivitäten, die eine detaillierte Wahrnehmung und Kategorisierung erfordern, könnten zu vergleichbaren Veränderungen im Gehirn führen. Zudem bleibt unklar, wie stark die beobachteten Unterschiede tatsächlich auf die Beobachtung und Bestimmung von Vögeln zurückgehen. Ebenso wäre möglich, dass Menschen, die sich für Vogelbeobachtung interessieren, bereits vorher strukturelle Unterschiede im Gehirn aufweisen – oder dass Lebensstilfaktoren, die solche Veränderungen begünstigen, unter Vogelbeobachtenden häufiger vorkommen.
Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.