Neuweltkamele: Unser Freud, des Alpakas Leid?

Das gelbe Gras klebt kümmerlich am platt getretenen Erdboden. Die wärmenden Strahlen der Februarsonne treffen nur auf ein paar grüne Triebe – zu wenige sind es für die Alpakas auf der Winterweide vor Corinna Heyds Alpakahof in Wetterau. Sie muss daher zufüttern, morgens und abends, denn ihre flauschigen Schützlinge sind zu leicht. »Das ist im Winter immer so, wenn sie keine grüne Wiese haben«, erzählt die Pädagogin.
Ob sie eine Futterumstellung vor dem Gang auf die Sommerweide noch wagen soll? Das bespricht sie mit einem Experten: Henrik Wagner lehrt und arbeitet nicht unweit ihres Hofs an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er ist sowohl Landwirt als auch Fachtierarzt für kleine Wiederkäuer und einer der führenden Neuweltkamelexperten in Deutschland. Neuweltkamele – so nennt man die höckerlosen, eher kleinen Kamele aus den südamerikanischen Anden, zu denen die Alpakas und Lamas gehören.
Heute bringt Wagner mal wieder einen Studenten der Tiermedizin mit. Dieser will mehr über die Exoten lernen und macht deshalb ein Praktikum bei den Experten an der Uni Gießen. Auch wenn es die Neuweltkamele mittlerweile in die veterinärmedizinischen Vorlesungen geschafft haben, mangelt es noch immer an Tierärzten, die sich wirklich mit ihnen auskennen.
Auch deshalb lässt Corinna Heyd bereitwillig den medizinischen Nachwuchs auf ihren Hof. Sie freut sich darüber, nach etlichen Fortbildungen noch immer dazuzulernen – zum Wohle ihrer Alpakas. Denn: Es handelt sich um eine sehr spezielle Tierart, die nicht in die üblichen Nutztierschemata passt. Das musste sie im Lauf der sieben Jahre, in denen sie glückliche Neuweltkamelbesitzerin ist, schmerzlich erfahren. Aufgrund von Unwissenheit blieben manche Krankheiten bei ihren Tieren unerkannt. Das geht nicht nur ihr so.
Ob zum Wandern, für Wolle, als Therapietiere oder für Yoga – die exotischen Vierbeiner werden mittlerweile für alles Mögliche eingesetzt. Was vordergründig nett klingt, verdeckt manch traurige Begleitumstände. So führte die enorme Nachfrage zu kaum kontrollierter Vermehrung und mitunter qualvoller Überzüchtung.
In ihren Ursprungsgebieten, den Anden, sind Lamas praktische Lastentiere. Die zarten Alpakas hält man dort hauptsächlich für ihre Wolle und ihr Fleisch, außerdem verwendet man ihren Kot als Dünger für die kargen Böden. Spaziergänge an Halfter und Führleine haben sich hingegen erst Menschen in den USA und Europa für sie ausgedacht. Und so gibt es hierzulande mittlerweile unzählige Höfe, die Wanderungen mit den exotischen Tieren anbieten – sei es als Teamevent oder als gemütlicher Familienausflug.
Wie viele Neuweltkamele es in Deutschland gibt, ist unklar. Zwar muss jedes Individuum laut Viehverkehrsordnung registriert werden, doch wissen dies weder alle Besitzer noch alle dafür verantwortlichen Veterinäre. Daher fehlt auch häufig ein Sachkundenachweis, der eigentlich Pflicht ist für die gewerbsmäßige Lama- und Alpakahaltung.
Laut einer nicht repräsentativen Umfrage unter Haltern lebten im Jahr 2021 mehr als 3000 Alpakas auf 220 deutschen Höfen. Ähnlich wie in anderen europäischen Ländern gibt es hierzulande deutlich weniger Lamas als Alpakas, nämlich nur 740 Tiere. Die meisten der Befragten hielten sie nach eigenen Angaben als Hobby, außerdem für Wanderungen, für die Zucht oder zur Wollproduktion. Mehr als zwei Drittel schätzten ihre Kenntnisse über südamerikanische Kamele als gut oder sehr gut ein.
Teilweise extrem ausgemergelt
Dass es jedoch nicht wenige Halterinnen und Halter gibt, die sich nur unzureichend mit den Bedürfnissen ihrer Schützlinge auskennen, zeigt deren mitunter schlechter Ernährungszustand. Während Lamas als Lastentiere in der Tat viel Bewegung brauchen, damit sie nicht verfetten, sind häufige Wanderungen für Alpakas energetisch herausfordernd. Allzu oft reicht das Futter hierfür nicht aus.
Wie dramatisch das werden kann, zeigt eine Analyse der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Die Fachleute haben mehr als 200 Pathologieberichte verstorbener Alpakas ausgewertet, die zwischen 2005 und 2021 in der Klinik begutachtet worden waren. Die Hälfte der untersuchten Körper war den Dokumenten zufolge dünn bis extrem ausgemergelt.
Warum ihre teils katastrophale körperliche Verfassung häufig lange unentdeckt bleibt, hat mehrere Gründe: Als Fluchttiere zeigen sie kaum, wie schlecht es ihnen wirklich geht. Und durch das dichte Vlies lässt sich Unterernährung nicht leicht erkennen. Wer Alpakas hält, sollte ihren Ernährungszustand deshalb dringend monatlich kontrollieren. Am besten per Tierwaage oder durch Abtasten der Lendenmuskulatur. Beim Vorliegen von Untergewicht muss zugefüttert werden.
Leider bestehen in puncto Ernährung mitunter große Wissenslücken, insbesondere bei Neubesitzern. Was diese beispielsweise oft nicht auf dem Schirm haben: Es reicht nicht, den Exoten irgendein energiereiches Zusatzfutter zu geben. So ist Kraftfutter für Schafe oder Rinder denkbar ungeeignet für Alpakas, denn es enthält zu wenig Struktur. Die brauchen die Kamele aber, um genug Anreiz zum Kauen zu bekommen.
Und so verschlingen die Tiere das Schafkraftfutter »wie ein Staubsauger, kauen nicht ausreichend, produzieren zu wenig pufferndes Natriumbikarbonat im Speichel«, erklärt Wagner. Das führt mitunter zu schweren Stoffwechselentgleisungen, was besonders trächtige oder säugende Stuten gefährdet.
An Informationen mangelt es nicht
Tierhalter können sich hierbei nicht mit Unwissenheit herausreden. Denn mittlerweile existieren reichlich Informationen darüber, wie eine artgerechte Haltung aussieht – etwa bei der Nationalen Fachstelle für Neuweltkamele, die aus dem Tierschutzprojekt an der Universität Gießen entstand. Wagner und weitere Kollegen haben hier Empfehlungen für Besitzer, aber auch für Tierärzte bereitgestellt.
Heute gibt Wagner eine Online-Fortbildung für Halterinnen und Halter. Thema des Abends sind die Zähne der kleinen Kamele und ihr Einfluss auf ihre Gesundheit. Denn das ist ein weiteres Problem: Durch mangelhaftes Kauen werden die Zähne zu wenig abgenutzt, die Alpakas fressen dann nicht genug. Ein Teufelskreis entsteht.
Was die Alpakas oft zu wenig auf den Hüften haben, haben Lamas hingegen eher zu viel. »Der Graue ist zu dick«, Heyd zeigt auf eines ihrer Lamas. »Nein, der ist schlicht zu fett«, korrigiert Wagner. Gelenkbeschwerden sind nur eines der Probleme überfütterter Lamas. Die Pädagogin fasst es selbstkritisch zusammen: »Für die Wanderung ist eine gemischte Gruppe aus Lamas und Alpakas sehr schön. Aber was das Füttern angeht, sollte man sie besser trennen.«
Ungesundes Kindchenschema
Kinder malen Alpakagesichter manchmal mit vorstehenden Zähnen. Das zeigt, wie weit sich diese Wahrnehmung bereits normalisiert hat. Der Überbiss ist eine der häufigsten Fehlbildungen, die sich aufgrund der großen Nachfrage in Europa schnell ausgebreitet hat. Das dazugehörige Kindchenschema mit kurzer Schnauze ist ein typisches Domestikationsmerkmal bei Haus- und Nutztieren. Und so haben Alpakas nach und nach ihre langen Gesichter verloren. Mit ähnlichen Folgen wie bei plattnasigen Hunden: Atemprobleme, entzündete Augen und die bereits erwähnte Bissanomalie.
Verantwortlich dafür sind die ästhetischen Vorstellungen des Menschen. Das gilt auch für die meisten weißen Alpakas mit blauen Augen – sie sind genetisch bedingt taub. Henrik Wagner steht neben einem solchen Tier und demonstriert die Problematik: Er nimmt seinen Schlüsselbund aus der Tasche und lässt ihn neben dem Kopf des Blauauges klimpern. Keinerlei Reaktion. Das Alpaka hört nichts. Sein Glück, dass es so gut in die Herde integriert ist.
Wie bei Mops und Co lassen sich Qualzuchten in Zukunft vermeiden. Das gelingt aber erst, wenn krankhaft überzüchtete Individuen konsequent aus der Zucht ausgeschlossen werden. Doch auch wenn sich eine gewisse Sättigung abzeichnet, wie Wagner sagt, läuft das Geschäft mit der Alpakavermehrung noch immer gut.
Alpakas sind keine Kuscheltiere
Obwohl die exotischen Vierbeiner derart populär sind, findet sich erstaunlich viel Unwissenheit bezüglich ihres Verhaltens. Ein gutes Beispiel sind die beliebten Alpakawanderungen. Leider kennen nicht alle Anbieter die Grenzen ihrer Tiere. Wagner berichtet von einem Fall, als ein Veterinäramt eine nächtliche Fackelwanderung kurzerhand verbieten musste. Denn: Nicht nur sehen die Kamele im Dunkeln schlecht, das Feuer in ihrer Nähe wäre allein schon Grund genug für eine Panikattacke.
»Alpakas sind keine Kuscheltiere, daher streichle ich meine nicht«Corinna Heyd, Pädagogin und Halterin
Und eines ist vielen Menschen ebenfalls nicht klar: Alpakas stresst es sehr, ständig angefasst zu werden – obgleich Kindchenschema und Wuschelwolle etwas anderes vermuten lassen. »Sie sind keine Kuscheltiere, daher streichle ich meine nicht. Zum Schmusen haben wir Schafe und Pferde. Oder einen Hund. Alpakas sind hingegen nicht menschenbezogen«, bestätigt Corinna Heyd. Neuweltkamele sind Distanztiere und sollten erst nach behutsamem Training berührt werden. Wer auf den richtigen Umgang achtet, kann seine Tiere gut an Halfter und Führleine gewöhnen. Aber zum Schmusen sollte man sie definitiv nicht anbieten.
Heyd achtet darauf, ihre Alpakas nicht zu überlasten: »Ich habe deshalb so viele von ihnen, damit immer nur ein Teil auf die Wanderungen mitgehen muss, der Rest hat frei.« Tiere, die offensichtlich aversives Verhalten zeigen, wie häufiges Niederlegen oder angelegte Ohren, sollten in Ruhe gelassen werden (siehe auch »Berserkersyndrom«).
Eigensinnige Therapeuten
Alpakas lassen sich grundsätzlich zu nichts zwingen und reagieren sehr empfindlich auf die Emotionen der sie umgebenden Menschen. Sie ziehen sich zurück, wenn man sich ihnen aufgeregt oder draufgängerisch nähert; ruhiges, einfühlsames Verhalten wird hingegen belohnt. Eventuell lassen es die Kamele dann auch zu, aus der Hand gefüttert zu werden.
Gerade diese Eigenschaften machen sie zu hervorragenden Therapietieren. So konnte man in Studien bereits Erfolge bei diversen Interventionen nachweisen. Das betrifft Patientinnen und Patienten mit Angststörungen, Depressionen und solche im neurodivergenten Spektrum. Besonders die Balance zwischen Nähe und Distanz lässt sich mit ihnen gut erlernen.
Berserkersyndrom
Spucken, beißen, treten – all das gehört zum innerartlichen Kommunikationsrepertoire. Bespucken oder treten Alpakas dagegen Menschen, dann haben sie vermutlich große Angst oder Schmerzen. Das Verhalten tritt auch im Rahmen des Berserkersyndroms auf, welches durch eine Fehlprägung im Babyalter entsteht. Nicht selten schläfert man betroffene Neuweltkamele ein, weil die Verhaltensstörung nicht behandelbar ist. Neugeborene dürfen daher mindestens neun Monate lang möglichst nicht angefasst werden oder anderweitig in engen Kontakt mit Menschen kommen. Crias – so werden Neuweltkamelkinder bezeichnet – sollten unbedingt unter Artgenossen aufwachsen.
Heyd bietet tiergestützte Pädagogik und Therapie auf ihrem Hof an. Die von ihr angestellte Therapeutin brachte einmal einen jungen Mann mit, der es nicht schaffte, sich abzugrenzen. Er bekam die Aufgabe, andere Alpakas von einem älteren Individuum fernzuhalten, damit dieses in Ruhe fressen konnte. Daraus habe er auch für sich gelernt zu sagen: Stopp, hier ist meine Grenze.
Nur in der Gruppe glücklich
Neuweltkamele helfen zudem gegen soziale Isolation. Beim Alpakawandern trifft man sich an der frischen Luft. Selbst Speed-Datings werden auf den Höfen angeboten – und sind begehrt. Ferner gibt es Teambuilding-Kurse für Unternehmen. Auf Heyds Hof ist bei solchen Aktionen immer eine Vertrauensperson dabei. Sie kennt die Grenzen der Tiere und achtet darauf, dass behutsam mit ihnen umgegangen wird. Bei den Übungen geht es stets um die ganze Herde und darum, gemeinsam Dynamiken zu reflektieren. Ist es zum Beispiel einfach, die Individuen auf der Weide in vorbestimmte Gruppen zu separieren? Die Menschen lernen schnell, dass äußere Kriterien wie Farbe oder Größe für die kleinen Kamele keine Rolle spielen; befreundete Alpakas lassen sich nur sehr schwer voneinander trennen.
Dies wissen auch Veterinäre und nehmen den besten Kumpel eines Patienten mit, wenn sie ihn auf der Weide oder im Stall behandeln. So kann er dort dem kranken Gefährten – im wahrsten Sinne des Wortes – beistehen. Gewachsene Gruppen sind für Alpakas wichtig; Trennung löst bei ihnen Stress aus. Daher widerspricht es dem Tierschutz, Neuweltkamele einzeln zu halten. Sich ein niedliches Alpaka zu besorgen und einfach mit auf die benachbarte Schafweide oder Pferdekoppel zu stellen, ist ein No-Go. Mindestens drei Tiere sollten gemeinsam leben.
Die verborgenen Anzeichen von Stress
Wie sehr Alpakas durch gemeinsame Aktivitäten mit Menschen gestresst werden, ist mitunter nur schwer erkennbar. Verantwortungsvolle Tierhalter sind sich dessen bewusst und lernen mit der Zeit, die subtilen Zeichen zu deuten. Hierzu gehören hängende untere Augenlider, eine herabhängende Unterlippe mit geöffnetem Maul und geblähte Nüstern.
Stress ist übrigens auch ein Hauptgrund für schmerzhafte Magengeschwüre – ein weitverbreitetes Problem hierzulande gehaltener Alpakas. In der Hannoveraner Studie an verstorbenen Neuweltkamelen fanden sich bei einem Viertel der Tiere Magengeschwüre. Besser also, die Grenzen von Lama und Alpaka zu beachten und sie nur dann zu streicheln, wenn sie und der erfahrene Besitzer dies zulassen.
Fünf Tipps, woran man einen verantwortungsbewussten Alpakahof erkennt:
- Der Hof bietet keine Alpaka-Kuschel-Fotoshooting-Sessions an.
- Auf den Wanderungen sind erst Kinder ab dem Schulalter zugelassen.
- Alle an der Wanderung teilnehmende Alpakas sind hierfür ausgebildet.
- Jedes Tier läuft maximal einmal am Tag mit und Alpakareiten ist tabu.
- Idealerweise kommuniziert der Hof klare Verhaltensregeln.
Bisher ist die Stressanfälligkeit von Lamas und Alpakas jedoch nicht ausreichend untersucht – daher fehlen auch klare Richtlinien für den Umgang mit ihnen. »Das alles wollen wir an der neuen Fachstelle für Neuweltkamele der Uni Gießen erforschen«, sagt Henrik Wagner. Mit dabei ist seine Kollegin Lisa Ulrich. Gemeinsam mit Wagner möchte sie unter anderem herausfinden, wie stressig Wanderungen für die Exoten sind.
Dabei könnten Kotproben helfen, in denen sich das Stresshormon Cortisol messen lässt. Basierend auf den Ergebnissen sollen künftig Regeln für artgerechte Alpakawanderungen entstehen. Das hilft nicht nur den Vierbeinern, sondern schützt andere potenziell auch vor Infektionen. Denn: Gestresste Tiere scheiden vermehrt Krankheitserreger aus.
Gefahr durch Zoonosen
Welche Erreger Lamas und Alpakas überhaupt beherbergen und ob diese mit ihnen nach Europa gelangt sind, war lange nicht bekannt. Anatomisch-physiologisch stehen die Andenbewohner zwischen Rind, Schaf, Ziege und Pferd. Sie könnten prinzipiell einige Krankheiten von diesen Tierarten bekommen und übertragen.
In einem groß angelegten Projekt der Universität Gießen und des Friedrich-Loeffler-Instituts wurde deshalb das Vorkommen verschiedenster Erreger für in Deutschland gehaltene Alpakas und Lamas ermittelt, darunter auch solcher, die auf den Menschen übergehen können (Zoonosen). Eine wesentliche Erkenntnis war, dass von Neuweltkamelen keine größere Krankheitsgefahr ausgeht als von anderen Wiederkäuern. Dennoch gilt es, zu differenzieren.
Christian Menge ist Fachtierarzt für Mikrobiologie und Immunologie und leitet am Friedrich-Loeffler-Institut Jena das Institut für molekulare Pathogenese. Er weist auf unterschiedliche Risiken hin: »Wenn ich vor allem auf Wollproduktion setze, dann haben höchstens die Besitzer, die Pfleger und eventuell der Scherer Kontakt zu den Tieren.« Anders sehe es aus bei Therapietieren, die aufgrund des höheren Stresslevels nicht nur grundsätzlich mehr Keime ausscheiden. »Dann treffen die Erreger gegebenenfalls auf Patienten, die eventuell eine verringerte Infektabwehr haben. Das können ältere oder erkrankte Personen sein«, so Menge weiter.
Keine Medikamente für Neuweltkamele
Übergriffiges Streicheln, Kuscheln oder Knutschen der Tiere sollte man aus den bereits genannten Gründen unterlassen – nicht, weil es aufgrund von Zoonosen besonders gefährlich wäre. In dieser Hinsicht reichen grundlegende Hygieneregeln aus, etwa sich vor dem Essen die Hände zu waschen. Das gilt besonders für Menschen, die bisher wenig Kontakt zu Neuweltkamelen hatten.
Umgekehrt sind Alpakas und Lamas in Deutschland einem erheblichen Gesundheitsrisiko ausgesetzt. Sie selbst werden häufig von Parasiten gequält und sind außergewöhnlich empfindlich gegenüber Clostridien, weshalb sie unbedingt dagegen geimpft beziehungsweise behandelt werden sollten. Etwa ein Fünftel der Betriebe in Deutschland kümmert sich jedoch nicht ausreichend darum.
Auch gibt es in Deutschland keine für Neuweltkamele zugelassenen Medikamente. Die aufwendige Prozedur lohnt sich für Pharmafirmen schlicht nicht. Einige Arzneistoffe können für die Behandlung umgewidmet werden, andere dürfen sie gar nicht bekommen, weil sie offiziell zu den lebensmittelliefernden Tieren zählen – auch, wenn vermutlich kein Halter seine Alpakas schlachten und essen würde.
Falls ein Tier schwer erkrankt, kann es also passieren, dass ihm lindernde oder rettende Medikamente vorenthalten werden müssen. Nicht selten wird es dann eingeschläfert, um ihm weiteres Leid zu ersparen. Das ist nicht nur für die Besitzerinnen und Besitzer belastend, sondern genauso für die behandelnden Veterinäre. »Wir Tierärzte müssen die unbequeme Wahrheit mitteilen, und für die Leute ist das natürlich oft schwer zu akzeptieren«, sagt Henrik Wagner.
Medizinische Ratschläge in der WhatsApp-Gruppe
In der Alpakaszene versucht man, sich zu helfen: Man tauscht sich aus und berät darüber, welche Erkrankungen wie am besten zu behandeln sind. Das beinhaltet auch Tipps, wie man an verbotene Arzneimittel aus dem Ausland kommt. »Ein Problem ist, dass die Halter oft sehr überzeugt von sich sind. Sie glauben niemandem, nur sich selbst«, so Wagner. Und das mangelnde Vertrauen übertrage sich dann auch auf andere.
Das Ausmaß des Misstrauens zeigt ein publizierter Fallbericht: Eine Veterinärin wurde zu einem Alpaka mit schmerzhaftem Schiefhals gerufen. Das ebenso bei Giraffen bekannte und gefürchtete Syndrom ist nur sehr schwer zu behandeln. Schmerzmittel und absolute Ruhe sind das Beste in einem solchen Fall. Der eindringliche Rat der Tierärztin, sonst nichts zu tun, war seitens der Halter offenbar schwer zu ertragen. In Foren wurde die Expertin als unfähig beschimpft. Die Besitzer versuchten es derweil mit Akupunktur und holten schließlich einen Chiropraktiker dazu. Nach dessen Versuch, den schiefen Hals »einzurenken«, krampfte das Tier dauerhaft und verendete schließlich. In der Autopsie zeigte sich ein zerstörtes Rückenmark.
Wagner zufolge betrachten viele Veterinäre sogenannte »Alpakamenschen« als schwierige Klientel und ziehen sich genervt aus der Behandlung zurück. Henrik Wagner jedoch bleibt am Ball und kommuniziert weiter über Fakten, Forschung und Vertrauen.
Trotz aller Schwierigkeiten steht Corinna Heyd fest hinter ihrer Alpakahaltung. Sie schätzt ihre Schützlinge als liebenswerte und hochintelligente Tiere. »Schaue einem Alpaka niemals tief in die Augen, du könntest dich verlieben.« Den Leitspruch auf ihrer Website nimmt man ihr sofort ab. Schließlich verabschiedet sie sich mit dem Wunsch, dass sich der tierärztliche Nachwuchs weiter für Neuweltkamele interessieren möge und noch mehr an den flauschigen Exoten geforscht werde. Zum Wohl auch für ihre Tiere.
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