Direkt zum Inhalt

Virtueller Besitz: Eine Datei als Statussymbol

Tausende US-Dollar für das NFT eines gelangweilt guckenden Affens? Der Hype um die fälschungssicheren Datencodes ist groß. NFTs könnten zur Geschäftsgrundlage des Metaverse werden.
Porträt eines gelangweilt schauenden Affen
Die Porträts der Bored Apes (»gelangweilte Affen«) sind heute das, was früher Pokémon-Karten waren: Sie können gesammelt, verkauft und getauscht werden. Das Besondere: Es gibt jedes Bild nur exakt ein Mal.

Als vergangenes Jahr im renommierten Auktionshaus Christie’s in New York das Gemälde »Everydays: The First 5000 Days« für 69 Millionen Dollar versteigert wurde, ging ein Raunen durch die Kunstwelt. Die aus 5000 Einzelbildern bestehende Collage des Künstlers Mike Winkelmann, besser bekannt als Beeple, ist das drittteuerste Gemälde eines lebenden Künstlers, teurer als Werke von Gerhard Richter. Das Erstaunliche ist jedoch: Beeples Kunstwerk existiert nicht physisch, sondern rein digital – als Datei. Warum bloß zahlt jemand so viel Geld für eine Datei, die sich jeder im Netz herunterladen und als Ausdruck an die Wand hängen kann? Worin liegt der Wert?

Der Clou: Der Käufer, der indische Filmproduzent und Kunstsammler Vignesh Sundaresan, hat das Artefakt nicht auf einem gewöhnlichen digitalen Speichermedium wie etwa einem USB-Stick oder einer DVD erworben, sondern als Non-Fungible Token, kurz NFT. Dabei handelt sich um eine digitale Besitzurkunde, die auf einer Blockchain hinterlegt wird. In dieser über viele Computer weltweit verstreuten Datenbank, die man sich wie eine Art Grundbuch vorstellen kann, wird über jede Transaktion Protokoll geführt. »Das NFT dokumentiert in technisch nicht fälschbarer Weise, dass das Objekt zu einem bestimmten Preis erworben wurde«, erklärt Florian Matthes, Professor für Informatik an der Technischen Universität München.

»Das NFT dokumentiert in technisch nicht fälschbarer Weise, dass das Objekt zu einem bestimmten Preis erworben wurde«Florian Matthes, Professor für Informatik

Technisch funktioniert das Prinzip so, dass der digitale Vermögenswert – in diesem Fall die Bilddatei – über einen Hashwert abgebildet wird, einen kryptografischen Fingerabdruck, der wiederum auf eine Textdatei mit einem Link und Metadaten verweist. Der eigentliche Sachwert ist also nicht das Bild selbst, sondern die Metadatei: ein schmuckloser Code, voller kryptischer Kürzel und Zahlen, der plötzlich Millionen wert ist.

Serie: Metaverse

Das »Metaverse« gilt als gigantische Verheißung – als »the next big thing«, die nächste große Sache, wie die Tech-Gurus im Silicon Valley sagen. Dieser dreidimensionale Nachfolger des mobilen Internets soll unsere Wirklichkeit von Grund auf verändern. Fantasie und Realität verschmelzen zu einem digitalen Paralleluniversum. Doch ist es schon mehr als eine Spielerei?

  1. Willkommen im digitalen Paralleluniversum
  2. In der Stretchlimousine durchs Metaverse
  3. »Im Metaverse droht ein Komplettverlust der Privatsphäre«
  4. Wie eine Datei zum Statussymbol wird

Den Hype um NFT-Kunst, den die Auktion ausgelöst hat, hat zwei Gründe: Zum einen lässt sich damit die Provenienz und Echtheit von Kunstwerken leichter nachvollziehen, was in der Kunstwelt – man denke nur an Raubkunst – immer ein Problem ist. Zum anderen begründen die digitalen Echtheitszertifikate einen eigentumsähnlichen Ausschließlichkeitsanspruch: Der NFT ist einem Besitzer zugeordnet, der darüber frei verfügen kann. Er kann ihn verkaufen, verleihen oder auch vernichten. »Es kann jederzeit technisch überprüft werden, ob eine Person aktuell noch Verfügungsrechte über das Objekt hat«, erklärt Informatikprofessor Matthes. Viel wichtiger aber ist, dass dieser Echtheitsstempel Kunstwerken Authentizität verleiht.

»Everydays: The First 5000 Days« | Das NFT der digitalen Collage des Künstlers Beeple wurde im Auktionshaus Christie's für 69 Millionen US-Dollar versteigert.

Bits und Bytes als Handelsware

War das Internet bislang eine billige Kopiermaschine, wo jeder kostenlos Texte und Bilder herunterladen und niemand Besitzansprüche anmelden kann, gibt es nun ein Werkzeug, digitale Artefakte zu verknappen und zu einem handelbaren Gut zu machen. Kunstobjekte, virtuelle Immobilien, sogar Parfüm – es existiert kaum noch ein Konsumgut, das nicht als NFT veräußert worden wäre. Die US-amerikanische Basketballliga NBA gibt digitale Sammelbilder als NFTs heraus. Hollywood hat einen Spielfilm (»Zero Contact«) als Token veröffentlicht. Und die Luxusmarke Dolce & Gabbana verkaufte im vergangenen Jahr eine NFT-Kollektion für umgerechnet 5,7 Millionen Dollar. Die »Collezione Genesi« umfasste neben physischen Objekten auch einen virtuellen Glasanzug.

Vom ikonischen Nyancat-Gif bis hin zum ersten Tweet ist das halbe Inventar des Internets mittlerweile versteigert worden, sogar der Quellcode des World Wide Web, den der Internetpionier Tim Berners-Lee Anfang der 1990er Jahre geschrieben hat, wurde bereits »tokenisiert« – für mehr als fünf Millionen US-Dollar (wobei es bei der Übertragung des Tokens ironischerweise zu einem Codierfehler kam). Während die Netzgemeinde den Ausverkauf der Digitalkultur beklagt – der Internetkritiker Evgeny Morozov spottete über »Krypto-Kaviar« –, wittern Investoren das große Geschäft. Denn das, was da gerade wie verrückt auf Krypto-Plattformen gehandelt wird, soll nicht weniger als die Geschäftsgrundlage des Internetnachfolgers werden.

Wie dieser Nachfolger genau aussehen wird, darüber gibt es noch keine Einigkeit. Während die Metaverse-Fraktion um Mark Zuckerberg ein dreidimensionales Echtzeit-Internet bauen will, wollen die Anhänger der Web3-Bewegung das Netz auf eine Blockchain setzen. Nach dem Web 1.0, wo man bunte Homepages in Kinderbuchästhetik bastelte und Lieder auf Musiktauschbörsen herunterlud, und dem Web 2.0, das Konzerne wie Facebook und Amazon monopolisierten, soll nun ein neues Ökosystem namens Web 3.0 entstehen. Während die Netzpioniere der 1990er Jahre das Internet einst zur Terra nullius erklärten, einem Gebiet, das niemandem gehört, will eine neue Generation von Digitalvordenkern das verloren geglaubte Terrain nun zurückerobern und mit Hilfe der Blockchain neue Besitzrechte abstecken. Den Web3-Anhängern schwebt eine Art digitale Verkehrswende vor: Statt wie bisher über zentrale Knoten soll der Datenverkehr über ein Netz dezentraler Server gelenkt werden. Zurück zu den Wurzeln sozusagen, denn auch das Internet startete mal als dezentrales Rechnernetz an Universitäten.

Und hier kommen nun die NFTs ins Spiel: Sie sollen das Scharnier bilden zwischen den Datenblockketten und den Web-Anwendungen – und neue Monetarisierungsmöglichkeiten für so genannte Creators eröffnen. Das sind Künstler, die etwa Musik oder Kunst im Netz vermarkten wollen. Der NFT-Markt könnte bis 2030 auf ein Volumen von 231 Milliarden US-Dollar anschwellen.

Anhörung zu Web3 und Metaverse im Bundestag

Metaverse und Web3 waren Mitte Dezember auch Thema einer Anhörung des Digitalausschusses im Deutschen Bundestag. Die Meinungen der geladenen Experten gingen auseinander. Während der Branchenverband Bitkom »spannende Anwendungen des Metaverse« etwa im Bereich der Medizin und Industrie erwartet, sieht die Ethikprofessorin Elizabeth Renieris noch Hürden im Hinblick auf die gesellschaftliche Teilhabe. Metaversen oder virtuelle Räume seien »nicht immer barrierefrei gestaltet« und könnten daher für Personen mit kognitiven oder körperlichen Einschränkungen oder Beeinträchtigungen »nur von begrenztem Nutzen sein«.

Der Sachverständige Malte Engeler, Richter am Schleswig-Holsteinischen Verwaltungsgericht, äußerte in seiner Stellungnahme »fundamentale rechtspolitische, grund- und datenschutzrechtliche Bedenken«. Er bezieht sich dabei vor allem auf den Begriff des »Eigentums«, der im Web3, und im Metaverse als dessen kommerzieller Erscheinungsform, juristisch völlig neu bewertet werden müsse. So würde im Web3 ein so genannter digitaler Zwilling des Individuums erzeugt, dem dann Transaktionen und erworbene Objekte zugeordnet werden. Die an diesem Datenkörper entstehenden Eigentums- und Verfügungsrechte kämen jedoch einer »digitalen Leibeigenschaft« gleich und seien daher mit der Menschenwürde unvereinbar.

Zudem würde die »Einführung von blockchain-vermitteltem Eigentum« die »Ungleichheit der analogen Welt lediglich ins Digitale übersetzen«. Anders gesagt: In Engelers Augen wird das Web3 seinem Anspruch, individuellen Nutzenden die Kontrolle über ihr digitales Leben zurückzugeben und sowohl kommerzieller als auch staatlicher Machtkonzentration entgegenzuwirken, nicht gerecht.

Das Erstellen eines NFTs verbraucht 142 Kilowattstunden Strom und emittiert 57 Kilogramm Kohlendioxid. Mit der Energiemenge könnte man 142 Hefekuchen backen oder 2130 Hemden bügeln

Neben den sozioökonomischen und juristischen wurden bei der Anhörung auch ökologische Aspekte diskutiert. Denn die Fundamente des Metaverse sind noch nicht fertig gebaut, doch die Schornsteine rußen bereits heftig. Allein das Erstellen eines NFTs verbraucht 142 Kilowattstunden Strom und emittiert 57 Kilogramm Kohlendioxid . Mit der Energiemenge könnte man 142 Hefekuchen backen oder 2130 Hemden bügeln. Der Verbrauch für die langfristige Speicherung ist da noch gar nicht eingerechnet.

Der Grund für den hohen Stromverbrauch liegt in der komplizierten Architektur der Blockchain: Um dem Register einen neuen Eintrag hinzuzufügen, muss zur Verifikation ein kompliziertes kryptografisches Rätsel gelöst werden. Das erfordert jede Menge Rechenpower und somit Energie. Tausende Digitalschürfer, die so genannten Miner, liefern sich mit Hochleistungsrechnern ein Wettrennen um die schnellste Lösung der Rechenaufgabe, wofür sie anschließend eine Belohnung zum Beispiel in Form von Bitcoin erhalten. Die voll digitale Kryptowährung Bitcoin verbrauchte zeitweise mehr Strom als Argentinien, ein Land mit 46 Millionen Einwohnern. Zahlreiche Staaten, allen voran China, haben den Minern wegen anhaltender Stromausfälle den Stecker gezogen.

Im September hat die Ethereum-Blockchain – die Plattform, auf der die meisten NFTs aus dem Kunstmarkt hinterlegt sind – ihr Verfahren umgestellt: Statt wie bisher als Lösung mathematischer Rätsel werden Transaktionen über Werteinlagen der Netzwerkteilnehmer validiert – ähnlich wie bei einer Sparkasse. Sechs Jahre werkelten Softwareingenieure aus aller Welt an dem Programmcode, am 15. September 2022 konnte Ethereum-Erfinder Vitalik Buterin schließlich Vollzug melden: Der »Merge«, wie die Umstellung genannt wird, war vollbracht. Dadurch, dass die Miner nicht mehr mit Computern um die Wette raten, sondern eine Art Pfand als Nachweis hinterlegen, wird der Energieverbrauch der Ethereum-Blockchain um 99 Prozent gesenkt.

Warum gibt man tausende Dollar für eine virtuelle Handtasche aus?

Doch es bleibt die Frage, warum jemand tausende Dollar für das NFT einer virtuellen Gucci-Tasche ausgibt, die sich nicht mal als physisches Accessoire tragen lässt? Oder für ein virtuelles Haus, das man nicht wirklich bewohnen kann?

Die amerikanische Kunstprofessorin Amy Whitaker, die an der New York University lehrt, sieht Krypto-Kunst vor allem als alternative Währung und Statusmarker, ähnlich einem Ölgemälde, das man an die Wand hängt. »Der NFT einer Handtasche hat zwar nicht die funktionale Natur der Tasche selbst, besitzt aber immer noch die Macht der Zugehörigkeit und Identitätsprojektion«, erklärt sie auf Anfrage. Prominente wie Justin Bieber oder Paris Hilton, die sich in den exklusiven Bored Ape Yacht Club einkauften und für hunderttausende Dollar ein digitales Affenbild erwarben, drücken damit auch eine Gruppenzugehörigkeit aus. Der Besitz eines NFTs sei aber nicht nur ein Statussymbol oder Luxusgut, sondern auch ein Instrument, Künstler stärker an den Gewinnen zu beteiligen und den Kunstmarkt insgesamt zu demokratisieren, schreibt Whitaker.

Das sieht auch Christian Pfeiffer so. Der Mitgründer der Web3-Agentur MUC/labs teilt auf Mailanfrage mit: »Es geht um die Einzigartigkeit als Unterscheidungsmerkmal.« Außerdem bestehe immer »ein handwerklicher Reiz in neuen Produkten«: Wie wurde es gestaltet? Ist es langlebig? Das sei dann wieder interessant für die langfristige Wertermittlung. Pfeiffer glaubt, in den Token den Baustein für eine neue Internet-Ära zu erkennen. »Wir wurden so erzogen, das Internet als Besitzlose zu akzeptieren. Jetzt kommt eine Zeit, in der wir unsere Besitzansprüche in ein neues Internet integrieren.«

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte