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Paläoanthropologie: Nicht länger Single

Liegt Wahrheit in den alten Legenden Indonesiens über die winzigen Ebu Gogo, die "Großmütter mit dem unersättlichen Appetit"? Jagte wirklich einst ein gnomenhaftes, stets hungriges menschliches Zwergwesen im Dämmer der historischen Zeiten Zwergelefanten zwischen Riesenratten im Inseldschungel? Ist somit der Mensch gar noch nicht so lange alleiniger zweibeiniger Herrscher der Welt? Neue Knochenfunde machen all dies wahrscheinlicher.
<i>Homo floresiensis</i>
Vielleicht, meinte im Oktober 2004 Peter Brown, habe er tatsächlich einen wahren Kern der Ebu-Gogo-Legende gefunden. Vor einem Jahr beschrieb der Forscher mit seinem Kollegen Michael Morwood von der Universität von New England Knochenfunde als Reste einer bislang unentdeckten, neuen Menschenart, die angeblich noch vor verblüffend kurzer Zeit die Insel Flores mit dem modernen Homo sapiens geteilt hatte. Konkurrenten glaubten ihm kein Wort und verlangten neue Beweise dafür, dass die Fossilien des angeblichen Homo floresiensis nicht zu einem krankhaft verkrüppelten Menschen gehören.

Nun legt Brown wirklich Knochenbelege nach: Diese vervollständigen das Skelett von "LB1", der bislang einzigen bekannten fossilen Zeugin der Existenz der zwergwüchsigen altindonesischen Menschenart – und verschaffen ihr mit "LB6" und "LB8" zumindest zwei anerkannte Artgenossen.

Homo floresiensis und Homo sapiens | Der nur 18 000 Jahre alte Schädel des Typusexemplars LB1 (links), mit dem die Forscher um Peter Brown die neue Art Homo floresiensis beschrieben haben, ist deutlich kleiner als der Schädel eines heutigen Homo sapiens (rechts).
Genau danach hatte die Fachwelt seit zwölf Monaten geradezu geschrieen. Schließlich hatte LB1 – benannt nach dem Fundort, der Liang-Busa-Höhle auf Flores – überhaupt nicht in das anthropologische Weltbild gepasst. Das gefundene Skelett wies seinen Besitzer als höchstens einen Meter hohe Frau mit einem erstaunlich geringen Hirnvolumen von nur 417 Kubikzentimetern aus – nicht größer als jenes von Schimpansen. Die Gehirn-Feinstruktur aber glich einem Homo erectus viel mehr als einem heutigen Affen, wie aus der Form des Schädelinneren geschlossen werden konnte. Das Becken wiederum war eindeutig primitiven Menschenahnen ähnlicher als Homo sapiens, ganz anders aber Zähne, Kiefer und Schädel, die auch zu einem sehr kleinen modernen Menschen gepasst hätten. Als besonders unglaublich aber galt das Alter des deutlich hominiden Fundes – waren nicht vor 18 000 Jahren längst alle Vorfahren und Verwandten des einsam zurückbleibenden Homo sapiens ausgestorben?

Zwei Theorien erklärten daher das unbestreitbare Fossilfaktotum zum Ausreißer. Eine ignorierte die von Brown und Co festgestellten, doch nicht ganz modernmenschlichen Skelettarchitektur-Details großzügig und erklärte LB1 zum Mitglied eines bislang unbekannten Pygmäenstammes. Oder ist LB1, so eine andere Möglichkeit, vielleicht eine seltene Laune der Natur und das Skelett eines kleinwüchsigen, sonst aber normalen Menschen, der unter Mikrozephalie, also einer krankhaften Verkleinerung des Schädels gelitten hatte?

Unwahrscheinlich, meinen Brown und Morwood nun erneut. Zunächst einmal stellten sie fest, dass in der Höhle über Jahrtausende eben Homo-floresiensis-Exemplare – ob nun mikrozephal, pygmäenähnlich oder nicht – gehaust, gejagt und Feuer gemacht haben: Mittlerweile gruben die Wissenschaftler zwölf Meter tief in die Sedimentschichten von Liang-Busa und fanden neben den Knochen erjagter Zwergelefanten und Feuerstellen weitere Skeletteile von wohl neun anderen Individuen der zwergenhaften Spezies. Das älteste Fossil der Höhle, so Morwood, könnte im übrigen vielleicht 95 000 Jahre alt sein, das jüngste nur 12 000. Dass hier derart lange eine Kolonie seltener Mikrozephalen lebte, erscheint kaum schlüssig.

Den letzten Nagel in den Sarg der Kleinkopf-Kranken-Theorie schlägt nach Ansicht der Forscher aber, dass das Fossilpuzzle der Zwergen-Stammmutter mittlerweile vervollständigt werden konnte – die Ausgräber fanden die Ober- und Unterarmknochen von LB1. Deutlich wird nun, dass auch die Proportionen von LB1 und ihren Verwandten weder zwergenwüchsigen mikrozephalen Menschen noch den heute lebenden, etwa ein Drittel größeren Pygmäen gleichen. Vielmehr schiebt sich nun noch eine dritte Spezies in den Stammbaum-Mix: Wo das Gehirn einem Homo erectus und die Kiefer einem Homo sapiens ähneln, gleicht das Gesamtskelett mit seinen langen Armen proportional am ehesten einem Australopithecus. Diese vormenschliche Gattung ist schon vor mehreren Millionen Jahren ausgestorben.

Dass alles bestätigt Brown und Co und verlangt höchstens subtile Änderung ihrer schon zuvor postulierten Hypothese. Sie glauben, dass die Vorfahren von Homo floresiensis vor langer Zeit auf der Insel ankamen – vielleicht waren es einst gar Verwandte der bislang als überzeugte Afrikaner bekannten Australopithecinen auf Wanderschaft. Einmal auf dem isolierten Eiland gelandet, geschah mit ihnen jedenfalls das, was auf Inseln oft vorkommt: Die evolutionären Kräfte drängen hier kleinere Arten dazu, zu Riesenexemplaren heranzuwachsen (was etwa die Riesenratten von Flores erklärt), während große Arten verzwergen (ein Beispiel sind die mittlerweile ausgestorbenen Stegodon-Zwergelefanten auf der Insel des Zwergenmenschen).

Ja, so könnte es gewesen sein – Homo floresiensis war wohl tatsächlich eine eigene Art, kommentiert etwa Daniel Lieberman vom Peabody-Museum der Harvard-Universität. Die Herkunft des Zwergenmenschen bleibt für ihn allerdings noch unbestimmt – zu menschenähnlich sind für ihn die knöchernen Gesichtsbelege, um uralte Austropithecus-Ahnen ins Spiel zu bringen. Andererseits sei Flores seit 800 000 Jahren besiedelt, von welchen Menschenarten auch immer. Vielleicht lohne es sich also, nach einem Bindeglied zwischen dem Flores-Zwerg und seinen größeren, älteren Lokalahnen zu suchen. Am meisten helfen würde es aber, so ein abschließender Seitenhieb, wenn die Knochen auch anderen interessierten Teilen der Forschergemeinschaft zugänglich gemacht würden.

Das sollte dann aber nicht so ablaufen wie im Frühjahr, als wissenschaftliche Kritiker der Zwergmenschwerdung fossile Überreste von LB1 konfisziert, um sie selbst kritisch zu untersuchen und "sicher zu lagern" – wobei aber offenbar nicht nur zwischenmenschliches Porzellan, sondern auch ein zwergenmenschlicher Beckenknochen buchstäblich zerschlagen wurde. Wahrscheinlich sei der Transport daran schuld, einigte sich die Fachwelt vorsichtig – auch überraschend junge alte Fossilien sollten wohl am besten gar nicht bewegt werden.

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