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Tumorevolution: Tödliche Krebsmutation lauert oft lange Jahre unbemerkt

Die Tumoren von Rauchern und Nichtrauchern entwickeln sich unterschiedlich - und auch sonst ist Lungenkrebs wohl noch vielfältiger als befürchtet. Das macht ihn noch schwerer angreifbar.
Zigarette

Lungenkrebs fordert die meisten Toten aller Krebserkrankungen. Wird er – wie leider häufig – erst spät erkannt, so ist eine Behandlung zudem besonders schwierig, weil eine frühe erste Entartung in den Zellen eines Betroffenen oft erst viel später zu plötzlich vielen unterschiedlichen Mutationen und schließlich einer Armee sehr diverser Tumor-Klone führen, die den Körper dann attackieren. Mediziner haben nun schlechte Chancen, auf alle diese scheinbar wahllos auftretenden fortgeschrittenen Krebszellen zu reagieren. Ihre Hoffnung richtet sich daher vor allem darauf, die entscheidenden ersten Entartungsschritte möglichst bald zu unterbinden, bevor sie im nicht kontrollierbaren Zellteilungschaos münden. Auf diesem Weg kommen sie nun allmählich voran, indem sie die Stammbäume der Tumor-Generationen in einzelnen Patienten vergleichen und so die wichtigsten gemeinsamen Treibermutationen und die Umstände ihres Auftretens isolieren. Allerdings bestätigen neue Untersuchungen jetzt auch, dass die ersten und entscheidenden Entartungen erstaunlich früh geschehen und lange Jahre unentdeckt lauern können.

Krebszellen sind in jedem Patienten unterschiedlich. Auch in jedem Tumor?

Unter anderem diese neuen Erkenntnisse haben parallel zwei vielköpfige Teams von Tumormedizinern gerade veröffentlicht [1,2]. Sie hatten dafür unter anderem die Tumorevolution in einigen Patienten mit der häufigsten Lungenkrebsvariante verglichen, dem nichtkleinzelligen Lungenkarzinom (non-small-cell lung carcinoma, NSCLC). Wie zuvor schon befürchtet, konnten auf diese Weise hunderte unterschiedlicher, "nicht stummer" Mutationen – solcher mit sichtbaren Auswirkungen auf den Zellstoffwechsel – festgemacht werden; zudem kommt es nicht selten zu noch umfassenderen genetischen Fehlern, wie der Verdopplung des gesamten Erbguts oder einzelner Chromosomen. Der Detailvergleich der einzelnen Mutationen enthüllte nun aber zudem Unterschiede zwischen den vielen Tumorzellmutationen, die selbst in einzelnen Tumorzellen eines einzelnen Patienten zu finden sind: Je nachdem, wo die Tumorprobe entnommen wurde, finden sich deutliche Abweichungen. Besonders bedenklich dabei: Selbst die so genannten Treibermutationen – sie verleihen einer entarteten Zelle einen für den Körper fatalen Teilungs- und Wachstumsvorteil gegenüber ihren Zellkollegen – finden sich durchaus nicht in allen Tumorzellen gleichermaßen.

Das dürfte bedeuten, dass nicht nur für jeden Patienten in unterschiedlichen Stadien zielgerichtete Medikamente entwickelt werden müssen – sondern auch, dass es schon zur Diagnostik kaum ausreicht, nur eine Probe aus einem primären Tumor zu holen, um sich über die Art der Entartung zu informieren. Immerhin aber deckte die Untersuchung auch Treibermutationen auf, die verbreiteter sind als andere. Nach diesen zu suchen, dürfte die Trefferwahrscheinlichkeit erhöhen – und womöglich dann später auch die Wirksamkeit von Medikamenten, die darauf maßgeschneidert sind.

Neben der unerfreulichen Vielfalt individueller Tumorzellen deckten die Forscher aber auch eine Fährte auf, der es sich lohnen könnte nachzugehen: Sie stellten fest, welche unterschiedlichen Entwicklungen die durch Rauchen oder durch andere Ursachen entstandenen Tumorzellen durchlaufen, bevor sie zur Diagnose "nichtkleinzelliger Lungenkrebs" führen. So zeigt sich etwa, dass eine entscheidende Mutation, die Zellen für die spätere Entartung prädestiniert, sehr lange unauffällig bleiben kann – erst eine fatale zweite oder dritte Treibermutation startet dann die Karriere der nicht mehr kontrollierbaren, rasant wuchernden Tumorzelllinie. Die Abkömmlinge dieser Zelllinie können nun aber bei Rauchern und Nichtrauchern sehr unterschiedlich aussehen, weil bei den Rauchern ständig weitere, teilweise auffällige Mutationen dazukommen, die mit der Krebsentstehung selbst aber womöglich gar nichts zu tun haben.

Häufige Tumoranalysen – nötig oder zu gefährlich?

Solche Unterschiede gilt es jedenfalls zu bedenken, ergänzt der Tumormediziner Ramaswamy Govindan in einem kommentierenden Beitrag zu den beiden neuen Studien – und auch andere zufällig auftretende Mutationen, etwa solche, die im Zuge einer Chemotherapie erst ausgelöst werden, müssen in das Gesamtbild eingehen, um die bestmögliche Behandlung von Patienten zu gewährleisten. Erreicht werden könne das vielleicht nur durch serielle Biopsien und daran anschließende wiederholte Krebsgenom-Analysen, die dann vielleicht ein besseres Gesamtbild der räumlich und über die Zeit hinweg sehr differenzierten Evolution der Tumoren zeichnen. Bevor aber in der medizinischen Praxis nun die Zahl der Biopsien drastisch erhöht werden kann, müsse das erschreckende Ergebnis über die Vielfalt von Tumoren noch mit weiteren, umfangreicheren wissenschaftlichen Studien abgesichert werden. Denn beachtet werden muss auch, dass jede Biopsie ein Risiko für den Patienten bedeuten kann.

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