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Kriminologie: Niedrige ökonomische Moral der Mittelschicht

Geld
Die von der Politik oft zitierte "gesetzestreue Mehrheit der Bürger" scheint nicht zu existieren. Vielmehr gibt es eine weit verbreitete Neigung zu Alltagsdelikten in der Mitte der Gesellschaft, warnen zwei Kriminologen aus Großbritannien.

Susanne Karstedt und Stephen Farrall von der Universität Keele hatten etwa 4500 Personen im Alter zwischen 25 und 65 Jahren in England und Wales sowie in West- und in Ostdeutschland zu ihren ökonomischen Erfahrungen und Neigungen interviewt. Die Befragten verfügten alle über einen hohen Bildungsstand und ein gutes Einkommen – gehörten also zur wirtschaftlich aktiven, gehobenen Mittelschicht, die unter einem verhältnismäßig niedrigen Risiko für Arbeitslosigkeit leidet.

Die Befragung ergab, dass so genannte Alltagsdelikte in dieser sozialen Schicht weit verbreitet sind. Hierzu zählen etwa Barzahlungen zur Unterschlagung der Mehrwertsteuer, falsche Angaben bei Versicherungen, verschwiegene Mängel beim Gebrauchthandel oder die Einforderung unberechtigter Erstattungsleistungen.

Dreiviertel aller Befragten fiel schon mindesten einmal solchen "Kavaliersdelikten" zum Opfer. 64 Prozent zeigten keine Hemmungen, diese Praktiken gegen andere auch selbst einzusetzen. Dabei war der Anteil der gesetzesuntreuen Bürger in Westdeutschland besonders hoch: So konnten sich 68 Prozent der Westdeutschen vorstellen, Rechnungen "schwarz" zu bezahlen. In Ostdeutschland lag der Anteil der Mehrwertsteuer-Preller bei 58 Prozent, in England und Wales bei 46 Prozent.

Die Forscher vermuten, dass sich viele Verbraucher durch neoliberale Wirtschaftsreformen übervorteilt fühlen. Die verbreitete Jagd nach Profit eines hemmunsglosen Marktgeschehens untergrabe die Moralvorstellungen und fördere egoistisches Verhalten. Die gesetzestreue Mehrheit "ehrbarer Bürger" sei daher nur eine Chimäre.

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