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News: Nur Geduld

Eigenheim und Kinder, so könnte man das Lebensziel nicht nur von Anemonenfischen charakterisieren. Doch der Weg zum vollkommenen Glück steht nur den Großen offen. Aber warum sehen die Kleinen geduldig zu?
Nemos Papa hatte Glück: Er durfte eine ganze Seeanemone sein gemütlich und ungeteiltes Eigenheim nennen und Vaterfreuden entgegen sehen – allerdings auch den damit verbundenen Sorgen, wie uns die Geschichte eindrücklich zeigt. Dabei hätte er sich, nach dem tragischen Tod seiner Angebeteten, eigentlich selbst in ein Weibchen verwandeln müssen, um nun mit dem nächst kleineren Artgenossen aus der sonst häufig bestehenden Wohngemeinschaft im tierischen Zuhause für Nemo einige Geschwister zu zeugen. Denn so sieht es für Anemonenfische nun einmal aus in der realen Welt: Aus der rein männlichen Brut entwickelt sich nur das größte Tier in einer Gruppe zu einem Weibchen und sorgt mit dem verbleibenden größten Männchen für Nachwuchs. Die anderen gehen leer aus, bis die Quotenmama stirbt – dann wechselt der bisherige alleinige Papa das Geschlecht, und der nächste in der Orgelpfeifenreihe kommt zum Zuge.

Und das Eigenartige dabei: Gedrängelt wird nicht, brav und geduldig verharren die weiteren Anwärter auf ihre Chance. Das allerdings ist rätselhaft, denn ein freiwilliges Verzichten auf die Weitergabe der eigenen Gene muss doch irgendwelche Vorteile bringen, um sich im harten Parcours der Evolution zu erhalten. In vielen Fällen besteht der Ausgleich darin, dass es sich immerhin um Verwandte handelt, die von Junggesellen-Tanten und -Onkeln mit groß gezogen werden. Bei Nemo und Co aber trifft noch nicht einmal das zu: Der bunt zusammengewürfelte Haufen in der Seeanemone besteht aus einem Brutpaar und bis zu vier im Kindesalter eingewanderten Begleitern, die ganz und gar keine Blutsbande verbindet.

Was aber haben dann die kleineren Mitbewohner davon, dem Glück der anderen stoisch zuzusehen? Diese Frage trieb Peter Buston von der Cornell University ins Wasser: Beinahe täglich veranstaltete er eine kleine Volkszählung in den Seeanemonen-Appartements der Madang Lagoon in Papua Neuguinea. Zehn Monate lang verfolgte er so das Schicksal der orange-weißen Tiere, wer wann mit wem eine Kinderstube anlegte, wer wann wohin umzog, welche neuen Mitbewohner wie begrüßt wurden, wer auf Nimmerwiedersehen verschwand und vor allem – wer darauf folgend die Rangliste empor kletterte. So bekam er für über 300 Anemonenfische der Art Amphiprion percula eine detaillierte Bevölkerungsstudie.

An anderer Stelle ging Buston sogar noch einen Schritt weiter: Er griff in das friedliche Nebeneinander ein und entfernte bei manchen Gruppen einige Männchen – würde nun wildes Gerangel ausbrechen im Seeanemonen-Zuhause? Oder gar Fremde sich einnisten und sich an den geduldigen, angestammten Wartenden vorbei drängeln? Nicht die Spur: Wie auch bei den nicht manipulierten Wohngemeinschaften füllte wie erwartet jeweils das dort beheimatete nächst kleinere Männchen die Lücke – sofern es überhaupt weitere Konkurrenten gab – und erbte mit der Dame des Hauses quasi das schon bewohnte tierische Dach über dem Kopf. In einigen Fällen, in denen sich das Pärchen zuvor allein vergnügt hatte, übernahm ein frisch eingezogener Jungfisch die Männerrolle.

Niemals aber kam es zu Kämpfen um den Ranglistenplatz oder gar Umplatzierungen. Und auch vordrängelnde Fremde konnte Buston nie beobachten, alles hatte schön seine Ordnung, und alle Beteiligten sahen auch bald Elternfreuden entgegen.

Nachdem also die Natur das Lehrbuch bis ins Kleinste bestätigt hatte, wandte sich Buston der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu. Könnte es sein, dass die Aussicht auf ein geerbtes Eigenheim dann am größten ist, wenn still gewartet wird, statt das Wagnis eines Umzugs oder die Gefahr eines Aufstands auf sich zu nehmen? Dem ist tatsächlich so, wie der Forscher feststellte, als er mit seinen Daten ein entsprechendes Modell fütterte: Die Wahrscheinlichkeit, in der Reihe aufzurücken, beträgt bei Rang 3 immerhin schon 0,5 – wobei nicht zu vergessen ist, dass Buston durchschnittlich nur zwei Anwärter plus Brutpärchen pro Seeanemone vorfand.

Dagegen wiegen die Risiken der anderen Verhaltensweisen schwer: Anemonenfische sind schlechte Schwimmer und ein beliebter Leckerbissen. Ein Umzug wäre also lebensgefährlich und würde außerdem nur Erfolg versprechen, wenn der Neuankömmling in der sicher schon besetzten Nachbar-Seeanemone – in der Lagune herrscht akute Wohnungsnot – weiter vorn in der Rangliste einsteigen könnte. Dagegen aber wissen sich die jeweiligen Bewohner zu wehren – sie lassen Gäste mit Einnistungsabsichten erst gar nicht herein, es sei denn, es handelt sich um kleine Jungfische, die noch keine Konkurrenz darstellen.

Und Aufstand wird unter Anemonenfischen auch nicht geprobt: Die Körpergröße regelt klar, wer das Sagen hat. Nur wenn zwei etwa gleich große Männchen von Menschenhand zusammengesetzt werden, wird das größere und damit dominante seinen untergeordneten Artgenossen vertreiben. In der freien Natur aber kommt es erst gar nicht so weit, weil die Wachstumsrate der Tiere so gesteuert ist, dass sie sich den Bedingungen anpasst und nie ein Größenkonflikt auftritt.

Der Nutzen aus dem Schlangestehen der Anemonenfische besteht also in der sehr wahrscheinlichen Aussicht, ihre Mietwohnung tatsächlich einmal ihr Eigen nennen zu können, nebst einem Weibchen und irgendwann fröhlich orange-weißem Nachwuchs. Ein Wunsch, den sicher viele nachvollziehen können – nur reicht es beim Menschen wohl eher selten, einfach geduldig darauf zu warten.

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