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Anthropologie: "Nussknacker-Mensch" hatte lange, gefährliche Jugend

<i>Paranthropus</i>-Schädel
Paranthropus robustus, ein früher Verwandter des Menschen, pflegte eine ähnliche Sozialstruktur wie Gorillas, meinen Charles Lockwood vom University College London und seine Kollegen: Erst in späteren Lebensjahren, nach einer ausgedehnten, gefährlichen Jugend, konnten sich Männchen als alleinige Anführer einen Harem an Weibchen ansammeln. Dies schließen die Forscher aus deutlichen Größenunterschieden zwischen männlichen und weiblichen Fossilien.

Dass männliche Vertreter später ihre Entwicklung abschließen als weibliche, ist von vielen Primatenarten bekannt, beim Menschen allerdings sehr schwach ausgeprägt. Bei Gorillas hingegen wachsen die männlichen Jungtiere noch lange nach dem Erreichen der Geschlechtsreife, mit der sie normalerweise ihre Gruppe verlassen, weiter. Erst Jahre später können sie eine eigene Gruppe gründen oder sich erkämpfen, in der sie dann als Silberrücken die Rolle des dominanten Männchens übernehmen, das sich als einziges fortpflanzt. Weibchen haben in diesem Alter längst eigenen Nachwuchs.

Paranthropus-Fossilien | Oben: Schädelvergleiche zeigten, dass die Männchen von Paranthropus weit größer waren als die Weibchen (von links nach rechts: Weibchen, junges Männchen, zwei ältere Männchen), der Vergleich der Unterkiefer bestätigte die Ergebnisse (unten, von links nach rechts Weibchen, junges Männchen, ausgewachsenes Männchen).
Lockwood und seine Mitarbeiter hatten die 1,5 bis 2 Millionen Jahre alten Überreste von 35 Exemplaren von  Paranthropus robustus aus den drei südafrikanischen Fundstätten Swartkrans, Drimolen und Kromdraii untersucht und das Alter der Individuen über Abnutzungserscheinungen an den Zähnen geschätzt. Dabei zeigte sich, dass in der Gruppe der größeren – und damit wohl männlichen – Schädel ältere Fundstücke größer waren als jüngere, während bei den kleineren, vermutlich weiblichen, keine markanten Unterschiede zwischen den Altersklassen mehr zu beobachten waren. Auch war der Geschlechtsdimorphismus insgesamt – der Größenunterschied zwischen männlichen und weiblichen Individuen – weit ausgeprägter war als bislang angenommen.

Die Weibchen hatten demnach das Wachstum mit dem Durchbrechen der Weisheitszähne weit gehend abgeschlossen, bei den Männchen hingegen hielt es noch einige Jahre an, folgern die Forscher. Die noch haremlosen Jungmännchen lebten zudem in ständiger Gefahr, als Jagdbeute zu enden, erklären die Forscher: In Swartkrans, das als Fressplatz von Hyänen und Leoparden gilt, überwogen die männlichen Überreste bei Weitem.

Paranthropus robustus, der "robuste Beinahe-Mensch", wurde 1938 von Robert Broom anhand von Funden aus Kromdraii erstmals beschrieben. Da Gesicht, Kiefer und Zähne des Fundstücks deutlich größer waren als bei den bis dahin bekannten Überresten von Australopithecus africanus – daher auch die Bezeichnung "Nussknacker-Mensch" –, war Broom überzeugt, eine neue Gattung vor sich zu haben. Dieser Status ist allerdings durchaus umstritten. (af)

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