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News: Obdachlosigkeit in USA, Europa und Rußland

Rund eine Million Menschen in Deutschland haben keine eigene Wohnung, sagen die (recht zuverlässigen) Schätzungen. 200 000 sogenannte Alleinstehende leben echt "auf der Platte" oder in Asylen. Hinzu kommen noch etwa 400 000 Familien und 350 000 Aussiedler in Notunterkünften. Unter dem Strich müssen in Deutschland also rund eine Million Menschen ohne eine angemessene Wohnung auskommen.
"In allen Ländern wird das Problem unterschiedlich gemessen, deswegen gibt es nur grobe Schätzwerte: Deutschland liegt bei der Versorgung der Obdachlosen über den Daumen gesehen zwar im oberen Drittel, aber nicht an der Spitze", schätzt Wilfried Kunstmann von der Universität Witten/Herdecke. Er hat die Untersuchung des Problems wohnungsloser Menschen in Deutschland zu einem internationalen Vergleich beigesteuert. In den USA und in Rußland (hier speziell nach dem Zusammenbruch der staatlichen Versorgung) ist die Lage weitaus schlimmer. In Skandinavien und auch im Mittelmeerraum dagegen geht es den Wohnungslosen besser als zwischen Flensburg und Garmisch. Gerade zum Beispiel für Spanien hat Kunstmann dieses Ergebnis überrascht, weil dort die Arbeitslosigkeit mit über zwanzig Prozent sehr hoch ist. Doch hier gibt es eben oft noch familiäre Auffangnetze und vergleichsweise mehr Wohneigentum, wo man dann eben schon irgendwie unterkommt.

Kunstmann weiß aber auch zu berichten, daß Deutschland in einigen Punkten gut dasteht: Es gibt einen Beratungsanspruch für Wohnungslose, die medizinische Versorgung ist abgesichert (auch wenn sie in der Praxis nur selten funktioniert) und neue Hilfen der Kommunen wie eine Mietkostenübernahme bei drohendem Wohnungsverlust wirken vorbeugend. Doch Kunstmann beklagt auch Rückstände in Deutschland: "Es fehlt an gemeinnützigem Wohnraum, auf den die Kommunen wirklich Zugriff haben, wie in Dänemark, oder Meldelisten für Wohnungsnotfälle wie in England." Durch solche Mittel wäre eine noch effektivere Hilfe möglich, meint der Sozialwissenschaftler, der an der Universität Witten/Herdecke in der Fakultät für Medizin die sozialmedizinische Ausbildung der angehenden Ärzte leitet.

"Gerade bei der medizinischen Versorgung der Obdachlosen gibt es in Deutschland neue Ansätze zur sogenannten aufsuchenden Hilfe. Da gehen Ärzte auf die Straße zu den Wohnungslosen und versorgen sie. Doch die Gefahr ist groß, daß – bei allem bewundernswerten Engagement der Ärzte – die Versorgung unzureichend bleiben muß. Auf der Straße lassen sich meist nur kleine Wunden versorgen, aber zum Beispiel ernsthafte innere Erkrankungen können dort oft nur schlecht erkannt werden. Deshalb müssen die Ärzte draußen vor allem Brücken in die Regelversorgung bauen, denn eine Arztpraxis suchen die meisten Wohnungslosen nur selten freiwillig auf", erläutert Kunstmann.

Er fordert für all diese Menschen ein Umdenken innerhalb der Gesellschaft: Weniger an den Phänomenen herumkurieren, sondern nach den Ursachen suchen und sie bekämpfen, wäre seiner Meinung nach der richtige Weg. Doch das erfordert auch von den Helfern viel Fingerspitzengefühl: "Diese Menschen haben meist viel Mist in ihrem Leben erlebt, deshalb ist es schwierig, auf sie zuzugehen, ohne sie zu bedrängen. Wie wollen Sie wissen, wann Sie jemandem zu Nahe treten, wenn es nicht einmal ein Tür gibt, an die man vorher anklopfen muß", beschreibt Kunstmann das Problem der Helfer.

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