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Ökologie: Der tausendfache Tod im Mulchmäher

Die Mahd von Grünland erhält wertvolle Lebensräume, herkömmliche Mulchmäher töten jedoch zahlreiche Tiere und überdüngen manche Biotope. Dabei gäbe es schonendere Alternativen.
Mähen am Straßenrand
Deutsche Gründlichkeit: Wenn mit dem Mulchmäher gemäht wird, lebt anschließend nur noch wenig.

Die Idee klingt recht praktisch: Warum sollte man abgemähtes Gras mühsam einsammeln und entfernen, wenn man es nicht als Tierfutter nutzen will? Man könnte es ja auch einfach liegen lassen. Nach diesem Prinzip arbeiten so genannte Mulchgeräte, die das Pflanzenmaterial zerkleinern und auf der Fläche verteilen, damit es direkt dort verrottet. Das spart nicht nur Arbeit, sondern auch Dünger, da die Nährstoffe dem Boden wieder zugeführt werden. Und die lästige Frage »Wohin mit dem Mähgut?« erübrigt sich.

Zum Einsatz kommen solche Geräte etwa auf Brachflächen, in öffentlichen Grünanlagen und an Straßenrändern sowie in einigen Privatgärten. Viele Naturschützer und Ökologen sehen diese Entwicklung allerdings kritisch – und das gleich aus zwei Gründen. »Sowohl das Mulchen an sich als auch der dadurch ausgelöste Nährstoffschub können der Artenvielfalt schaden«, sagt Holger Pfeffer vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) im brandenburgischen Müncheberg.

Einer der Knackpunkte ist dabei die eingesetzte Technik. Grundsätzlich gibt es zwei unterschiedliche Möglichkeiten, um Grünland zu mähen oder die Vegetation zu kürzen. Eine besteht darin, die Pflanzen mit scharfen Messern abzuschneiden, beispielsweise mit einer Sense oder einem so genannten Balkenmähgerät. Letzteres hat in der Regel zwei Schienen mit dreieckigen Messern, die sich beim Mähen gegeneinander bewegen.

Die andere Form von Mähgeräten schlägt die Vegetation mit rotierenden Klingen ab. Zu diesem Typ gehören beispielsweise Kreiselmäher, wie Landwirte sie oft zum Mähen von Wiesen einsetzen. Diese Geräte sind effizienter und robuster als Balkenmähgeräte und können ein höheres Tempo erreichen. Deshalb haben sie sich in der Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten zunehmend durchgesetzt. Auch die Mulchgeräte arbeiten in der Regel nach diesem Prinzip und zerkleinern das Mähgut gleichzeitig noch. Und genau da liegt das Problem. Denn Rotationsmähwerke töten bei der Arbeit besonders viele Tiere.

Tabula rasa im Garten | Auch in privaten Gärten werden zunehmend Mulchmäher genutzt: Das zerhäckselte Grün bleibt gleich liegen und düngt den Rasen wieder. Auf der Strecke bleiben Insekten und empfindlichere Pflanzen.

Vorsicht, Messer!

Rainer Oppermann kennt Berichte aus den 1960er Jahren, laut denen Wiesen nach dem Einsatz eines Kreiselmähers einem Schlachtfeld glichen. »Das hört sich aus heutiger Sicht erst mal übertrieben an«, sagt der Leiter des Instituts für Agrarökologie und Biodiversität in Mannheim. Aber ist es das auch? Um das herauszufinden, haben er und sein Team schon in den 1990er Jahren mit Untersuchungen zu den ökologischen Folgen des Mähens begonnen.

Anlass war damals die Sorge um die Weißstörche, deren Populationen in Deutschland trotz aller Schutzbemühungen vielerorts zurückgingen. Konnte das vielleicht am weit verbreiteten Einsatz von Kreiselmähern liegen, die viele Amphibien töteten und den Vögeln so die Nahrungsgrundlage nahmen? »Diesem Verdacht sind wir zunächst im Naturschutzgebiet Federsee in Baden-Württemberg nachgegangen«, erinnert sich Oppermann. Experimente mit Froschattrappen auf gemähten Wiesen deuteten tatsächlich darauf hin, dass an dem Verdacht etwas dran sein könnte. Das Schicksal der echten Amphibien aber blieb ungeklärt: »Es gab einfach so wenige, dass wir keine statistisch soliden Untersuchungen zu den Folgen des Mähens erstellen konnten.«

Also fuhren er und sein Team für neue Versuche in den Nordosten Polens, wo auf manchen Wiesen noch immer zwischen 300 und 1200 Amphibien pro Hektar unterwegs sind. Dort haben die Forscher 40 mal 50 Meter große Flächen mit verschiedenen Geräten gemäht und das Mähgut dann mit Heugabeln auf Amphibien durchsucht.

Dabei erwiesen sich Balkenmäher als die mit Abstand amphibienfreundlichsten Geräte. Bei einer Schnitthöhe von sieben Zentimetern töteten oder verletzten sie rund zehn Prozent der auf einer Fläche lebenden Frösche. Dagegen hinterließ der Kreiselmäher tatsächlich eine Spur der Verwüstung: Die Verlustraten lagen bei erwachsenen und jugendlichen Tieren im Schnitt bei 27 Prozent, auf manchen Flächen sogar bei mehr als 40 Prozent. Nur ganz junge Frösche, die kleiner als zweieinhalb Zentimeter waren, blieben häufiger verschont.

Die Unterschiede in den Opferzahlen kommen durch die verschiedenen Wirkungsbereiche der Geräte zu Stande. Beim Balkenmäher riskieren die Tiere Leben und Gesundheit nur dann, wenn sie direkt zwischen die fünf bis zehn Zentimeter langen Klingen geraten. Bei Kreiselmähern, deren rotierende Messer oft eine Breite von mehr als einem Meter erfassen, ist der Gefahrenbereich dagegen deutlich größer. Und je langsamer der Traktor fährt, umso leichter werden die Amphibien erstaunlicherweise erfasst. »Das liegt daran, dass sich Frösche so lange wie möglich ducken und erst im letzten Moment wegspringen«, sagt Rainer Oppermann. Wenn der Mäher langsam unterwegs ist, haben sie dabei besonders viel Zeit, ins Mähwerk zu hüpfen.

Angesichts solcher Verlustraten dürfte der Einsatz von Rotationsmähwerken tatsächlich erhebliche Folgen für die ohnehin schon bedrohten Amphibienpopulationen haben. Nach Einschätzung von Oppermann könnten die Auswirkungen sogar noch größer sein, als es die Zahlen vermuten lassen. »Man muss bedenken, dass Gras- und Moorfrösche drei Jahre brauchen, bis sie geschlechtsreif sind«, sagt der Biologe. »Bis zur Familiengründung müssen sie also mehrere Mahdtermine überstehen.« Und mit jedem davon sinken ihre Überlebenschancen. Der Forscher plädiert daher dafür, in Amphibienlebensräumen nur Balkenmähgeräte einzusetzen.

Mahd mit der Sense | Die für Insekten und andere Tiere wohl schonendste Mahd dürfte die mit der Sense sein. Allerdings dauert sie am längsten und ist anstrengend. Doch Balkenmäher wären immerhin eine bessere Alternative als Mulchmäher.

Massaker am Straßenrand

Frösche sind aber nicht die einzigen Opfer der rotierenden Messer. Das zeigen die vielen Mähversuche, die Rainer Oppermann und sein Team inzwischen durchgeführt haben. »Betroffen sind alle möglichen Grünlandbewohner, die zwischen der Bodenoberfläche und einem halben Meter Höhe leben«, berichtet der Forscher. Die Palette reicht dabei von Rehkitzen und Junghasen über Ringelnattern und Eidechsen bis hin zu Spinnen und Insekten.

So befürchtet ein Team um Johannes Steidle von der Universität Hohenheim, dass der Tod im Mähwerk ein bisher unterschätzter Faktor sein könnte, der zum viel diskutierten Insektensterben beiträgt. In einer Studie haben die Wissenschaftler untersucht, welchen Einfluss das Mähen und Mulchen von Straßenrändern auf die dortige Insektenfauna hat. Das ist eine interessante Frage, weil solche Böschungen und Grünstreifen für die Sechsbeiner durchaus wichtige Lebensräume sein können. Immerhin gibt es in Deutschland rund 6800 Quadratkilometer davon, das sind fast zwei Prozent der gesamten Landesfläche. Und anders als Wiesen werden all diese Flächen nicht kommerziell genutzt. Dementsprechend werden sie meist auch nur ein- oder zweimal im Jahr gemäht und bleiben von Dünger und Pestiziden weitgehend verschont.

Nach Einschätzung von Johannes Steidle und seinen Kollegen können Straßenränder daher durchaus zu Refugien werden, die das lokale Aussterben von Insektenarten verhindern. Und gleichzeitig können die Tiere solche Korridore nutzen, um zu anderen Lebensräumen zu wandern und so für genetischen Austausch zwischen den Populationen zu sorgen. Zumindest, wenn ihnen nicht die Mulchmäher dazwischenkommen.

Was solche Geräte anrichten können, hat das Team entlang von Straßen in Baden-Württemberg getestet. Zum Einsatz kam dabei ein konventioneller Mulchkopf für Böschungen und Straßenränder, der nach dem Rotationsprinzip arbeitet. In diesen Versuchen haben die Forscher massive Verluste dokumentiert. So wurden auf den gemulchten Flächen 29 Prozent der Wanzen und jeweils rund die Hälfte der Spinnen und Zikaden getötet. Auch Fliegen, Mücken und Hautflügler, zu denen zum Beispiel Bienen und Wespen gehören, büßten rund die Hälfte ihrer Vertreter ein. Insektenlarven wurden sogar um 73 Prozent und Schmetterlinge um 87 Prozent dezimiert.

Alternativen sind vorhanden

Dabei gibt es für das Mähen von Straßenrändern inzwischen auch spezielle »Ökomäher«, die als besonders insektenfreundlich beworben werden. Ein solches Modell, das von der gleichen Firma wie der konventionelle Mulchkopf stammt, haben die Forscher zum Vergleich ebenfalls getestet. Dieses Gerät mäht nicht tiefer als zehn Zentimeter über dem Boden und hat durch speziell gestaltete Messer eine geringere Angriffsfläche als ein konventionelles Rotationsmähwerk. Zudem sollen die Form der Messer und die weitgehend geschlossene Unterseite des Ökomähers verhindern, dass Insekten durch einen gefährlichen Sog ins Mähwerk gerissen werden. Und schließlich wird das Material nicht gemulcht, sondern durch eine ausgeklügelte Luftführung von oben eingesaugt und abtransportiert.

Artenreiche Wiese | Blütenreiche Wiesen sind in Deutschland mittlerweile selten geworden. Neben Überdüngung, häufiger Mahd und fehlender Beweidung durch Rinder spielen dabei zunehmend auch Mulchmäher eine Rolle. Sie fördern das Aufkommen weniger, sehr robuster Gräser und weniger Wildkräuter.

In der Tat rettet diese Technik offenbar Insektenleben, wie die Untersuchungen von Johannes Steidle und seinen Kollegen zeigen. Bei Spinnen, Zikaden, Wanzen, Schmetterlingen und Insektenlarven ließ sich gar kein Schwund mehr nachweisen. Bei Hautflüglern gab es immerhin 15 Prozent und bei Zweiflüglern 25 Prozent weniger Verluste. »Investitionen in innovative Technik haben deshalb aus unserer Sicht ein hohes Potenzial, den Insektenrückgang im Grünland wirksam zu reduzieren«, sagt Steidle. Vor allem an extensiv unterhaltenen Straßenrändern, die nur ein- oder zweimal im Jahr gemäht werden, könne das ein wichtiger Baustein im Kampf gegen das Insektensterben sein.

Refugien für Sechsbeiner

Eine tierschonende Mahd hat allerdings nicht nur technische Aspekte. Der »Maßnahmenkatalog Insektenschutz Brandenburg«, den ein Team vom ZALF zusammen mit dem Senckenberg Deutschen Entomologischen Institut und der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde entwickelt hat, nennt noch eine Reihe von weiteren Komponenten. »Wichtig ist es beispielsweise auch, große Flächen nicht komplett abzumähen«, sagt Holger Pfeffer. Wenn Streifen mit Altgras stehen bleiben und einige Bereiche später gemäht werden als andere, können die Grünlandbewohner dort überleben und die gemähten Flächen später zurückerobern.

Auf den Grasschnitt einfach komplett zu verzichten, ist dagegen keine Option. Schließlich sind viele wertvolle Lebensräume vom Magerrasen bis zur Orchideenwiese überhaupt erst durch landwirtschaftliche Nutzung entstanden. Früher wurden solche Flächen beweidet oder gemäht, obwohl sie keine sonderlich guten Erträge abwarfen. Mähgeräte oder knabbernde Tiere hielten diese Landschaften offen und drängten keimende Büsche und Bäume zurück. An diese Verhältnisse hat sich eine spezialisierte Tier- und Pflanzenwelt angepasst.

Doch inzwischen sind viele traditionelle Nutzungsformen nicht mehr wirtschaftlich. Aus Wiesen werden Brachflächen, auf denen die Gehölze rasch wieder die Oberhand gewinnen. »Das aber entwertet diese Lebensräume«, betont Holger Pfeffer. Wo vorher ein blüten- und insektenreiches Biotop war, machen sich dann Allerweltsarten breit. »Dieses Problem schwelt schon lange«, sagt der Forscher. Vielerorts könne artenreiches Grünland einfach nicht mehr optimal gepflegt werden. »Da ist man dann auf die Idee gekommen, einfach mal zu mulchen, statt gar nichts zu tun.« Nur ist das für viele Flächen eben erst recht keine gute Lösung.

Zusätzlicher Dünger

Denn zum einen wird der Boden durch das zerkleinerte Mähgut abgedeckt und beschattet. »Das fördert starkwüchsige Pflanzen«, sagt Rainer Oppermann. Löwenzahn oder Grasarten wie Wiesenschwingel, Knaulgras oder Fiederzwenke haben damit keine Probleme. Zartere und empfindlichere Gewächse wie Blutwurz, Frühlingsenzian oder verschiedene Nelkenarten auf Magerrasen kommen dagegen gar nicht erst durch die Mulchschicht.

Vor allem aber führt das Verrotten des Materials auf den Flächen zu einer Anreicherung von Nährstoffen. Und das bringt Probleme für die dortigen Ökosysteme mit sich. Denn viele der artenreichsten und wertvollsten Grünlandgemeinschaften sind an nährstoffarme Verhältnisse angepasst. Da ist ein zusätzlicher Düngerschub nicht hilfreich. Dieser kann dazu führen, dass konkurrenzstärkere Arten die spezialisierten Hungerkünstler verdrängen. »Auf solchen Flächen sollte man also am besten Balkenmähgeräte verwenden und das Mähgut von der Fläche entfernen«, sagt Holger Pfeffer. Anschließend könne man es an Nutztiere verfüttern, kompostieren oder in einer Biogasanlage zur Energiegewinnung nutzen. »Damit sich das umsetzen lässt, ist die Förderpolitik gefragt«, betont der Experte. In Brandenburg gibt es zum Beispiel Programme, die solche Maßnahmen gezielt unterstützen. Landwirte können eine Investitionsförderung beantragen, um die nötige Mähtechnik anzuschaffen. Anschließend gibt es einen Zuschuss, damit diese auf für den Naturschutz wertvollen Flächen eingesetzt wird.

Doch auch die Kommunen haben nach Einschätzung von Holger Pfeffer eine Verantwortung, mehr schonend gemähte Grünlandlebensräume bereitzustellen. Da sieht der Forscher großes Potenzial: »Der kommunale Bereich kann für den Insektenschutz genauso wichtig werden wie die Landwirtschaft.«

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