Unterschätzte Lebensphase: Der Wert des Alters

Älter zu werden, gilt in unserer Gesellschaft überwiegend als negativ. Viele Menschen nehmen es vor allem als einen Verfallsprozess wahr – verbunden mit nachlassender Leistungsfähigkeit, sinkender Attraktivität und Kontrollverlust. Ökologinnen und Ökologen hatten lange Zeit eine ähnliche Sicht auf Tiere, die in natürlichen Populationen leben. Ältere Individuen, von denen man annahm, sie hätten ihren reproduktiven Höhepunkt überschritten, galten oft als unwichtig oder sogar entbehrlich für die Gruppe.
Doch immer mehr Forschungsergebnisse stellen das infrage. Bei diversen Spezies, von Fischen über Elefanten und Wale bis hin zu Primaten, haben Fachleute gezeigt, dass ältere Tiere sogar eine besonders bedeutende Rolle für das Gedeihen von Populationen spielen können. Aus dieser Erkenntnis erwächst nun ein ökologisches Ziel, das zunehmend wichtig erscheint: Langlebigkeitsschutz. Im Jahr 2024 argumentierte eine Forschungsgruppe um R. Keller Kopf von der australischen Charles Darwin University, dass der Schutz wild lebender Tiere nicht nur die Erhaltung der Populationsgrößen, sondern der gesamten Altersstruktur innerhalb solcher Gruppen einschließlich ihrer ältesten Mitglieder bedeute.
Die Idee stieß auf breite Zustimmung. 2025 verabschiedete die Internationale Union zur Bewahrung der Natur (IUCN) eine Resolution, in der die Bedeutung älterer Individuen offiziell anerkannt wurde. Auf einer Tagung der Vereinten Nationen 2026 in Brasilien, die mit dem multinationalen Übereinkommen zur Erhaltung wandernder wild lebender Tierarten zusammenhing, diskutierten die Fachleute gezielt die Bedeutung »alter und weiser« Tiere für den Naturschutz.
Tiere einer Art sind untereinander nicht beliebig austauschbar
Fachleuten zufolge leisten ältere Tiere oft auf dreierlei Weise einen wichtigen Beitrag für ihre Gruppe: Sie besitzen wichtige Erfahrungen und Kompetenzen; sie stabilisieren das Sozialgefüge und erhöhen den Fortpflanzungserfolg ihrer Gruppe; und sie haben im Lauf der Zeit diversere und stärkere Abwehrkräfte gegenüber Krankheiten erworben. Zusammengenommen können diese Eigenschaften darüber entscheiden, ob eine Population erhalten bleibt oder zu zerfallen beginnt. »Seit einigen Jahren häufen sich die Belege für das Wissen, die Fähigkeiten und die Führungsqualitäten älterer Individuen innerhalb ihrer Gemeinschaften«, sagt die Verhaltensökologin Jennifer Smith von der University of Wisconsin Eau Claire in den Vereinigten Staaten.
Jahrzehnte lang haben populationsdynamische Ansätze den Naturschutz geprägt. Sie befassten sich mit der Größe von Tierbeständen, ihrer Wachstumsrate und den zahlenmäßigen Verlusten, die sie verkraften können, ohne zusammenzubrechen. Diese Herangehensweise hat sich als nützlich erwiesen, um Bestandsgrößen zu steuern. Sie neigt jedoch dazu, Populationen als Ansammlungen austauschbarer Individuen zu behandeln. Neue, interdisziplinär gewonnene Erkenntnisse wecken Zweifel an diesem Ansatz. Verhaltensökologen, Meeresbiologinnen und Kognitionsforscher finden immer mehr Hinweise auf die Bedeutung des sozialen Lernens und der kulturellen Weitergabe in Tiergesellschaften.
Ältere Exemplare mit starker sozialer Einbettung sind genau jene, die am ehesten ins Visier von Wilderern, Trophäenjägern oder Fischern geraten
Viele Jahre war die Vorstellung umstritten, dass Tiere über eine Kultur verfügen. Doch Fachleute wie Jennifer Smith sind überzeugt, dass die Belege dafür inzwischen eindeutig sind. Naturschutz, argumentiert Smith, müsse nicht nur einzelne Individuen berücksichtigen, sondern auch die sozialen Traditionen, die Populationen zu überleben helfen.
Anhand von Langzeitdaten über Paviane, Elefanten und Delfine haben Smith und ihr Team modelliert, was geschieht, wenn Schlüsselindividuen aus sozialen Gruppen entfernt werden. Es zeigte sich, dass dann wichtige Informationen weniger effizient weitergegeben werden. In der Natur handelt es sich bei diesen Schlüsselindividuen oft um ältere Exemplare mit starker sozialer Einbettung – genau jene, die am ehesten ins Visier von Wilderern, Trophäenjägern oder Fischern geraten. »Nicht alle Tiere einer Spezies sind gleich, wenn es um die soziale Weitergabe von Wissen innerhalb von Gruppen geht«, sagt Smith.
Fehlen alte Bullen, werden jüngere oft aggressiv und konfliktfreudig
Kaum eine Tierfamilie verdeutlicht die Bedeutung älterer Individuen so anschaulich wie Elefanten. Jahrelang galten betagte Bullen als weitgehend entbehrlich – als Tiere, deren Fortpflanzungsfähigkeit erschöpft sei und die daher für die Gesamtpopulation nur von begrenzter Bedeutung wären. Diese Sichtweise übersieht jedoch die Rolle, die ältere Elefanten als Mentoren und stabilisierende Kräfte innerhalb ihrer Gruppe spielen. Ohne ihre Führung werden jüngere Bullen oft aggressiv und konfliktfreudig, da ihnen die soziale Zurückhaltung fehlt, die ältere Männchen durchsetzen.
Elefanten verbringen Jahre damit, die Grundlagen des Überlebens zu erlernen: was sich als Nahrung eignet, wo Wasser zu finden ist und welche Wanderrouten die besten sind. Aber manche Herausforderungen treten nur selten auf. »Auf Dinge, die vielleicht einmal pro Jahrzehnt passieren, sind die meisten Tiere nicht gut vorbereitet«, sagt Ian Redmond, ein erfahrener Elefantenexperte bei der britischen Tierschutzorganisation Born Free Foundation. »Das kann etwa eine Dürre oder eine Überschwemmung sein.« In solchen Situationen kommt es auf die Erfahrung älterer Individuen an. »Ein altes, weises Tier ist dasjenige, an das sich dann die Jungtiere wenden«, erklärt er.
»Jedes Mal, wenn man das Leben eines dieser Individuen verkürzt, schaltet man damit die Funktion aus, die das Tier ausgeübt hat«Ian Redmond, Tierschützer
Die Bedeutung älterer Elefanten geht jedoch über die Verhaltensebene hinaus. Männliche Tiere erreichen ihre Fortpflanzungsreife typischerweise in ihrem zweiten Lebensjahrzehnt, pflanzen sich in der Wildnis aber oft erst deutlich später fort. Entfernt man sie zu früh aus einer Population, kann das sowohl deren Geburtenrate als auch die Sozialstruktur stören. Ältere Bullen tragen außerdem stark dazu bei, die Landschaft um sich herum zu gestalten – beispielsweise indem sie Bäume umstürzen, Vegetation kleinhalten und so offene Lebensräume erhalten. »Sie sind Teil eines Ökosystems, sie haben eine Funktion zu erfüllen«, sagt Redmond. »Jedes Mal, wenn man das Leben eines dieser Individuen verkürzt, schaltet man damit die Funktion aus, die das Tier ausgeübt hat.«
Blutige Hierarchieänderungen im Rudel
An Großkatzen ist ebenfalls zu sehen, wie die selektive Tötung älterer Tiere dazu führt, Populationen zu destabilisieren. Trophäenjäger erbeuten Tiere nicht wahllos; sie suchen die größten, stärksten und optisch beeindruckendsten Exemplare – und diese Merkmale korrelieren oft mit Alter, Dominanz und sozialer Bedeutung.
Bei Löwenrudeln kann die Entfernung eines älteren Männchens zur Folge haben, dass jüngere Rivalen die Führung übernehmen – und dann die Jungtiere töten, die vom alten Rudelführer abstammen, damit die Weibchen schneller wieder paarungsfähig werden. Bei Leoparden zeigen sich derartige Störungen nicht so deutlich, können aber ebenfalls folgenschwer sein. Erwachsene Leopardenmännchen halten ihre Reviere besetzt und zwingen jüngere Männchen aus dem Nachwuchs so zur Abwanderung – was die Wahrscheinlichkeit einer Paarung mit nahen Verwandten verringert. »Erschießt man erwachsene Leopardenmännchen, bleiben ihre Reviere unbesetzt, und junge, noch nicht ausgewachsene Männchen müssen sich keine neuen Gebiete suchen«, sagt Mona Schweizer, Biologin und Expertin für Trophäenjagd bei der Organisation Pro Wildlife in München. Die Folge davon sei, dass jüngere Männchen mit höherer Wahrscheinlichkeit in der Nähe verwandter Weibchen bleiben, was das Inzuchtrisiko erhöhe.
Bei Löwenrudeln kann die Entfernung eines älteren Männchens dazu führen, dass jüngere Rivalen die Führung übernehmen – und dann die Jungtiere töten, die vom alten Rudelführer abstammen, damit die Weibchen schneller wieder paarungsbereit sind.
Das hat mitunter auch gravierende wirtschaftliche Folgen. Als das weithin bekannte Löwenmännchen Cecil im Hwange-Nationalpark in Simbabwe 2015 von einem Trophäenjäger erlegt wurde, konzentrierte sich die internationale Empörung auf den Tod eines charismatischen Tiers. Doch für Mark Jones, Leiter der Politikabteilung bei der Born Free Foundation, ist noch etwas anderes verloren gegangen: »Cecil war zu Lebzeiten ein großer Touristenmagnet im Hwange-Nationalpark. Touristen kamen in den Nationalpark und gaben Geld aus, um ihn zu sehen.« Der Tod des Löwenmännchens bedeutete einen lang anhaltenden wirtschaftlichen Verlust, der den Erlös durch die Trophäenjagd möglicherweise weit überstieg.
»Es gab danach keine Individuen mehr, die sich in den verschiedenen Habitaten auskannten«
Die Ozeane bieten einige der einprägsamsten Beispiele dafür, was passiert, wenn ältere Tiere verschwinden. Der industrielle Walfang im 20. Jahrhundert tötete Millionen von Meeressäugern, wobei vor allem die größten Exemplare ins Visier gerieten – was die Altersstruktur der Populationen tiefgreifend veränderte. »Wir haben dieses unglaubliche Experiment mit den Walen durchgeführt, ohne zu wissen, was wir taten«, sagt Mark Simmonds, wissenschaftlicher Leiter bei der Meeresschutzorganisation OceanCare. Ältere Wale geben laut Simmonds Wissen über Wanderrouten, Nahrungsgründe und Überlebensstrategien innerhalb ihrer Spezies weiter.
Bei Orcas und Pottwalen spielen insbesondere ältere Weibchen eine wichtige Führungsrolle, indem sie Gruppen leiten und Nahrung mit Gruppenmitgliedern teilen. Simmonds vermutet, infolge des Walfangs hätten einige Populationen möglicherweise ihr ökologisches Wissen vollständig verloren. »Es gab danach keine Individuen mehr, die sich in den verschiedenen Habitaten auskannten und wussten, wie diese sich nutzen lassen«, sagt er und verweist auf dokumentierte Fälle, in denen Wale nicht mehr in Gebiete zurückkehrten, die sie zuvor regelmäßig aufgesucht hatten.
Bei Orcas und Pottwalen spielen ältere Weibchen eine wichtige Führungsrolle, indem sie Gruppen leiten und Nahrung mit Gruppenmitgliedern teilen.
In aquatischen Ökosystemen zeigt sich ein weiterer Aspekt, auf den sich Langlebigkeit auswirkt: die Fortpflanzung. Im Gegensatz zu Säugetieren werden viele Fische ihr ganzes Leben lang immer größer. Ein 20 Jahre alter Fisch ist deshalb nicht einfach eine ältere Version eines jüngeren; er kann viel wichtiger als dieser für die Fortpflanzung sein. »Die meisten Fischarten bringen mit fortschreitendem Alter und zunehmender Größe mehr Nachkommen hervor«, sagt der Ichthyologe Zeb Hogan von der University of Nevada in Reno, der seit Jahrzehnten über Süßwasserfische im südostasiatischen Fluss Mekong forscht.
Ein 20 Jahre alter Fisch ist nicht einfach eine ältere Version eines jüngeren; er kann viel wichtiger für die Fortpflanzung sein
Bei langlebigen Arten wie Stören, Welsen und anderen wandernden Süßwasserfischen können die umfangreichsten Exemplare um ein Vielfaches mehr und größere Eier produzieren als kleinere geschlechtsreife Individuen. Einige verfügen möglicherweise auch über wertvolle Erfahrungen zu Wanderrouten und Laichplätzen. Es ist daher problematisch, dass die Fischerei vor allem die besonders großen Tiere wegfängt. Selbst wenn der Bestand anschließend noch stabil erscheint, hat er sich grundlegend verändert. Es sind dann überwiegend jüngere, weniger produktive, weniger erfahrene und weniger widerstandsfähige Exemplare übrig.
Hart erarbeitete Abwehrkräfte
Auf den ersten Blick weniger offensichtlich, aber dennoch bedeutsam ist die Rolle der Immunität älterer Tiere. Christian Walzer arbeitet als Direktor bei der Wildlife Conservation Society in New York und als Professor für Präventivmedizin an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Ihm zufolge dienen ältere Individuen als biologische Archive des Überlebens. »Sie sind diejenigen, die dem selektiven Druck zahlreicher Krankheitserreger standgehalten haben«, so Walzer.
Die lebenslang akkumulierte Widerstandsfähigkeit älterer Tiere ist nicht nur für sie selbst wichtig, sondern auch für andere. Denn Krankheiten bedrohen nicht nur Individuen, sondern mitunter ganze Populationen. Tiere, die einen wiederholten Kontakt mit Erregern überlebt haben, tragen möglicherweise genetische Merkmale in sich, die Resistenz verleihen. Vielleicht praktizieren sie auch Verhaltensweisen, die das Krankheitsrisiko verringern und die sie an Artgenossen weitergeben können. Werden resistente Exemplare zu schnell aus dem Bestand entfernt, argumentiert Walzer, können Populationen insgesamt an Widerstandskraft verlieren – weil sie dann weniger gut gerüstet sind, um mit künftigen Bedrohungen fertigzuwerden. »Ältere Individuen sind keine genealogische Belastung«, sagt er. »Sie sind Speicherorte immunologischen Erfolgs.«
Die Erhaltung gesunder Wildtierpopulationen dient nicht nur dem Natur- und Bestandsschutz, sondern ebenso der öffentlichen Gesundheit des Menschen
Die Auswirkungen einer lebenslang akkumulierten Immunität reichen über die Wildtierbiologie weit hinaus. Das geht aus dem Konzept »One Health« hervor, einer von der Weltgesundheitsorganisation propagierten Sichtweise, die betont, dass die Gesundheit von Tieren, Menschen und Ökosystemen eng miteinander verflochten ist. Die Zerstörung von Lebensräumen, der Klimawandel und der Handel mit Wildtieren führen dazu, dass Arten vermehrt miteinander in Kontakt kommen, die sich vorher kaum je begegnet sind. Krankheitserreger haben es deshalb leichter als früher, von einer Spezies auf eine andere überzuspringen, was das Auftreten von Zoonosen zu einem wachsenden globalen Problem macht. Die Erhaltung gesunder Wildtierpopulationen dient somit nicht nur dem Natur- und Bestandsschutz, sondern ebenso der öffentlichen Gesundheit des Menschen.
Ältere Tiere zu schützen, erscheint demzufolge als drängende Aufgabe. In einer Welt, die von Umweltzerstörungen, ökologischen Verwerfungen und neu auftretenden zoonotischen Krankheiten geprägt ist, lässt sich der Wert resilienter Wildtiere nicht allein an Zahlen messen. Eine Population junger Tiere mag gesund erscheinen, verfügt aber nicht über die hart erarbeiteten Abwehrkräfte älterer Generationen. »Dass betagte Individuen auch in natürlichen Populationen vorkommen, ist nicht bloß ein demografischer Zufall«, betont Walzer. »Es ist eine tragende Säule der Resilienz dieser Populationen.«
Naturschutz im Wandel
Die neuen Erkenntnisse beginnen nun allmählich in den Naturschutz einzufließen, auch wenn noch ungewiss ist, wie das in der Umsetzung genau aussehen wird. Die 2025 verabschiedete IUCN-Resolution war in erster Linie ein Signal, dass die Rolle älterer Tiere bei der Naturschutzplanung formal berücksichtigt werden sollte. Wenig später brachten Fachleute das Thema mit einer gezielten Diskussion über »alte und weise Tiere« auf die Bühne der internationalen Politik.
Für Mark Jones von der Born Free Foundation äußert sich hierin ein Umdenken darüber, was Naturschutz leisten soll. »Man kann Naturschutz nicht einfach als Zahlenspiel betrachten«, sagt er. »Man muss über die Auswirkungen nachdenken, die menschliche Aktivitäten auf das soziale und kulturelle Wohlergehen natürlicher Populationen haben.« In der Praxis könnte das beispielsweise bedeuten, die Quoten für die Trophäenjagd, das Fischereimanagement und andere Bereiche so zu verändern, dass nicht mehr vorrangig die ältesten und sozial wichtigsten Tiere entfernt werden.
Zur Disposition steht auch das verbreitete Unbehagen in der Wissenschaft, Parallelen zum Menschen zu ziehen. Der Naturschutz ist traditionell zurückhaltend gegenüber dem Anthropomorphismus – der Übertragung menschlicher Eigenschaften auf Tiere. Doch die neuen Erkenntnisse zur Rolle alter Individuen deuten darauf hin, dass ein Mensch-Tier-Vergleich in mancher Hinsicht sinnvoller als gedacht sein könnte. Bei Arten mit langer Lebensdauer und komplexen sozialen Strukturen können ältere Exemplare Rollen einnehmen, die denen von Ältesten in menschlichen Gesellschaften ähneln: als Wissensträger, soziale Anker und Bewahrer hart erarbeiteter Erfahrungen. »Ich denke, wir alle können das nachempfinden, weil wir auch bei Menschen sehen, wie wichtig Erfahrung ist«, sagt Mona Schweizer.
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