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News: Ökologische Wehre retten Kleinlebewesen

Eine Sohlengleite - ein Wehr mit Schlupflöchern - "hat keine maßgebliche Barrierewirkung für driftende Kleinorganismen". Bei Gewässerstauungen ist dieses zurückgebaute Wehr für die kleinen Organismen das ökologisch vertretbare, konnte die Jenaer Doktorandin Susanne Korzuch jetzt erstmals belegen.
Die Mitarbeiterin aus der Arbeitsgruppe Limnologie der Universität Jena hat drei Jahre lang den Einfluß von Querverbauungen – das sind Wehre und ähnliche Barrieren – auf das Driftverhalten von Kleinlebewesen in der Ilm untersucht. Ihre Erkenntnisse könnten bei der Renaturierung des Thüringer Flusses helfen und zu einer ökologischen Bewirtschaftung der Ilm-Wehre beitragen.

Während für Fische an manchen Wehren inzwischen Passiermöglichkeiten geschaffen wurden, war der Einfluß von Querverbauungen auf die wirbellosen Gewässertiere bislang nicht erforscht. Doch diese Kleinkrebse, Schnecken und Insektenlarven bestimmen – nicht nur als Nahrung für Fische – den Artenreichtum der Gewässer. "Mit ihrer Eigenheit zu driften – das heißt, sich mit der Strömung zu verbreiten – oder auf dem Gewässergrund zu wandern, sind sie Bestandteil der natürlichen Fließgewässerdynamik", verdeutlicht die Jenaer Umweltwissenschaftlerin ihre Bedeutung. Auf der rund 100 km langen Ilm unterbrechen etwa 60 Querverbauungen diese Drift. Die Wehre müssen zwar vorkommen, erläutert der Limnologen-Chef Dr. Wilfried Schönborn. "Sie sind aber ökologische Zeitbomben", weil sie u. a. Organismen aufhalten, die wichtige Funktionen haben, um das ökologische Gleichgewicht zu erhalten.

Um das Driftverhalten zu erkunden, maßen Susanne Korzuch und ihre Helfer die Fließgeschwindigkeit der Ilm an einer Sohlengleite bei Hetschburg und an einem konventionellen Wehr bei Mellingen – deren Stauwirkung trotz der unterschiedlichen Bauweise durchaus vergleichbar ist. Mit speziellen Driftfallen standen sie regelmäßig nachts in der Ilm und entnahmen Gewässerproben, in denen sich Zehntausende von Eintagsfliegen, Zugmückenlarven, Bachflohkrebsen und anderen Kleinlebewesen befanden.

Mit den Ergebnissen der Freilandversuche wird derzeit am Jenaer Uni-Institut für Ökologie ein Modell entwickelt, das eine räumliche und zeitliche Barrierewirkung von Querverbauungen auf Eintagsfliegen errechnen soll – und damit Prognosen ermöglicht.

Die Auswertungen der Gewässerforscherinnen ergaben je nach Jahreszeit, Tierart und -alter deutliche Unterschiede. Während im Frühjahr und Sommer vor und hinter dem konventionellen Wehr etwa gleich viele Tierchen gezählt wurden, so die Tendenz, waren in der zweiten Jahreshälfte "kaum noch ältere Entwicklungsstadien unterhalb des Wehres vertreten", beschreibt die Biologin. Dieses "Driftloch" tritt an der Sohlengleite nicht auf. Insekten mit nur einem jährlichen Generationszyklus können die Verluste am Wehr kaum ausgleichen, deutet Susanne Korzuch ihre Messungen. Sie sieht darin einen weiteren Erklärungsansatz für "eine Monotonisierung der Arten der Fließgewässerfauna". Um eine Renaturierung der Ilm zu verbessern – was der Wasserzustand zulassen würde – empfiehlt sie, mehr ökologische Wehre einzusetzen. "Bezogen auf die Drift ist die Sohlengleite ökologischer".

Doch selbst ökologische Wehre werden zum Problem, wenn sich die Kleinlebewesen gegen den Strom bewegen wollen. Wie hier eine geeignete Abhilfe aussehen könnte, ist aber bislang ebenso wenig erforscht wie die Frage, ob konventionelle Wehre durch spezielle Luken oder ähnliches tiergerecht umgerüstet werden könnten. Für die Jenaer Limnologen, die seit 1991 die ökologische Sanierung der Ilm begleiten, bleibt genug zu tun. Und selbst wenn nicht alle Ergebnisse übertragbar sind, haben sie dennoch ihre Bedeutung. "Die Ilm", so Dr. Schönborn, "hat auch eine Auswirkung auf den Großraum bis hin zur Nordsee."

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