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Tiefsee: Schwämme plündern vulkanischen Friedhof

Vor Tausenden von Jahren ging ein Ökosystem unter - und wird jetzt verspeist. Die Reste der einst von vulkanischen Gasen lebenden Organismen ernähren nun eine blühende Kolonie.
Schwämme und Seesterne.

Eine große Kolonie von Schwämmen überlebt in der extrem nährstoffarmen Hocharktis, indem sie sich von den fossilen Überresten eines lange verschwundenen Ökosystems ernährt. Wie ein Team um Antje Boetius vom Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie berichtet, besiedeln die Schwämme den Gipfel eines Tiefseebergs, dessen austretende Gase vor langer Zeit große Kolonien von Bakterien, Würmern und anderen Tieren ernährte. Als vor Tausenden von Jahren die Energie des Vulkans erlahmte, ging das blühende Ökosystem zu Grunde. Die Schwämme fleddern jetzt die Leichen.

Der Langseth-Rücken, zu dem der Gipfel gehört, liegt auf 87 Grad nördlicher Breite – so nah am Nordpol, dass der Ozean darüber die meiste Zeit eisbedeckt ist. Wie das Team um Boetius in »Nature Communications« berichtet, liefert der umgebende Ozean deswegen weniger als ein Prozent der Nahrung, die die Schwammkolonie benötigt. Der Rest kommt von symbiontischen Bakterien – aber zu einem beträchtlichen Teil aus den jahrtausendealten fossilen Überresten der Würmer, Muscheln und anderen Tieren, die einst von den vulkanischen Phänomenen lebten. Das zeigt einerseits die ungewöhnlich große Biomasse der Schwämme auf dem Gipfel, die auf eine zusätzliche Nährstoffquelle hindeutet. Andererseits analysierte das Team um Boetius auch die Verteilung von Stickstoff- und Kohlenstoffisotopen in Schwämmen, dem umgebenden Wasser und den fossilen Überresten der Vulkanfauna.

Insbesondere die Stickstoffisotope legen nahe, dass die Schwämme sich an den organischen Überresten von Würmern und Muscheln gütlich tun. Dass nach Tausenden von Jahren überhaupt noch essbare organische Materie übrig ist, liegt vermutlich daran, dass die Gipfel der Tiefseeberge in einer kalten, nährstoffarmen und unzugänglichen Region liegen. Allerdings ist das wohl nicht der einzige Grund, weshalb die Schwämme den vulkanischen Friedhof goutieren. Die Arbeitsgruppe vermutet, dass die Überreste des Ökosystems auch die wenigen herumschwebenden Sedimente sehr gut einfingen und gleichzeitig besonders geeignete Sitzplätze für die überwiegend sesshaften Schwämme bieten.

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