Mimikry: Ölkäferlarven stellen Bienen mit Blumenduft eine Falle

Nicht nur Pflanzen locken mit Düften Bestäuber an. Die Larven des Ölkäfers verströmen einen blumigen Geruch, der Bienen täuscht, damit Letztere sie in ihre Nester tragen. Dieses bislang unbekannte Beispiel chemischer Mimikry brachte eine Studie eines Forschungsteams um Ryan Alam vom Max-Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena an den Tag.
Ölkäfer legen im Frühjahr Tausende Eier. Daraus schlüpfen etwa zwei Millimeter große, orangefarbene Larven, die an Blütenstielen emporwandern. Dort bilden sie Gruppen und warten, bis eine solitäre Wildbiene vorbeifliegt. Mit ihren hakenartigen Fortsätzen klammern sich die Larven an das Insekt und lassen sich so in dessen Nest mitnehmen. Hier ernähren sie sich von den Eiern der Biene sowie von Pollen‑ und Nektarvorräten, bevor sie sich verpuppen.
Um herauszufinden, wie die Larven die Wildbienen anlocken, sammelte das Jenaer Forschungsteam zwischen Februar und April Ölkäfer in Thüringen und untersuchte anschließend die von frisch geschlüpften Larven abgegebenen Duftstoffe mit gaschromatografischen und massenspektrometrischen Methoden. Dabei identifizierten die Forscher eine Mischung aus 17 flüchtigen Verbindungen. Alle Duftstoffe ähnelten den Düften von Pflanzen wie Weiden, Schlehen oder Berberitzen – genau jenen Arten, die Wildbienen im Frühjahr bevorzugt anfliegen. Bis auf zwei Ausnahmen waren diese Verbindungen bislang nicht bei Insekten bekannt.
Ob die Duftstoffe tatsächlich Bienen anziehen, testete das Forschungsteam mit Wahlversuchen. In y‑förmigen Glasröhren konnten sich einzelne Bienen zwischen zwei Luftströmen entscheiden: Einer war mit den Duftstoffen der Larven angereichert, der andere diente als geruchsfreie Kontrolle. Dabei zeigte sich, dass Wildbienen deutlich häufiger in Richtung des Larvendufts flogen als zur Kontrollseite. Ähnlichen Versuchen zufolge reagieren die Larven ebenfalls auf den Duft und ziehen sich gegenseitig an, was die typischen Gruppenansammlungen an Blütenstielen erklären könnte. Die Effekte traten nicht nur bei lebenden Larven auf, sondern auch bei künstlich hergestellten Duftmischungen, die exakt die 17 identifizierten Substanzen enthielten. Weitere genetische und biochemische Experimente zeigten schließlich, dass die Larven die Duftstoffe selbst herstellen und nicht aus Pflanzen aufnehmen.
Weltweit sind rund 3000 Ölkäferarten bekannt, zwölf gelten in Deutschland als heimisch. Unter ihnen fallen zwei besonders auf: der Schwarzblaue (Meloe proscarabaeus) und der Violette Ölkäfer (Meloe violaceus). Mit bis zu dreieinhalb Zentimetern Körperlänge sind die Weibchen der beiden Spezies recht groß, die Männchen fallen oft etwas kleiner aus. Fühlen sich Ölkäfer bedroht, sondern sie aus ihren Kniegelenken Hämolymphe ab. In dieser gelben, öligen Flüssigkeit – dem Insektenblut – findet sich das giftige Cantharidin. Nach Kontakt mit der Haut verursacht es einen blasenbildenden Ausschlag. Gelegentlich stirbt das betroffene Gewebe daraufhin sogar ab. Wer Cantharidin verschluckt, muss mit Magen-Darm-Beschwerden, neurologischen Symptomen und Nierenschäden rechnen. Bereits einige Milligramm können zum Tod führen.
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