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Bundestagswahl 2009: "Ohne grüne Gentechnik wird es knapp"

Stefan Schillberg, 47, ist Leiter der Abteilung Pflanzenbiotechnologie des Fraunhofer-Instituts für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie. Sein Institut forscht beispielsweise an der Produktion pharmazeutischer Proteine in Pflanzen sowie der Entwicklung neuer Eigenschaften von Nutzpflanzen. spektrumdirekt sprach mit ihm anlässlich der Bundestagswahl 2009 über Forschungspolitik und internationale Konkurrenz.
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spektrumdirekt: Wie bewerten Sie die aktuelle Wissenschafts- und Forschungspolitik der großen Koalition?

Stefan SchillbergLaden...
Stefan Schillberg | Dr. Stefan Schillberg ist Leiter der Abteilung Pflanzenbiotechnologie des Fraunhofer-Instituts für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie.
Stefan Schillberg: Ich denke, dass wir auf einem sehr guten Weg sind. Wir bei der Fraunhofer-Gesellschaft vertreten ja die angewandte Forschung, und da ist doch viel passiert, etwa beim Pakt der Forschung. Der sichert den Forschungsinstitutionen wie den Fraunhofer-Instituten oder der Max-Planck-Gesellschaft jährliche Etatsteigerungen von fünf Prozent zu. Das geht in die richtige Richtung.

spektrumdirekt: Wo sehen Sie dennoch Handlungsbedarf?

Schillberg: Wichtig wäre meiner Ansicht nach eine stärkere Forschungsbeteiligung der Wirtschaft. Gerade in der angewandten Forschung sind solche Kooperationen bedeutsam. Man muss aber ganz klar sagen, dass andere Länder hier weiter sind, etwa die USA. Ich sehe es als Aufgabe der zukünftigen Regierung an, hier Anreize zu schaffen.

spektrumdirekt: Welche Themenfelder sollten gezielt gefördert werden?

Schillberg: Aus meiner Sicht ist das natürlich ganz klar die grüne Gentechnologie, wobei damit nicht nur genveränderte Organismen, also gentechnisch veränderte Pflanzen gemeint sind, sondern auch entsprechende gentechnische Verfahren, die dazu eingesetzt werden, neue Kenntnisse über zelluläre Abläufe in der Pflanze zu generieren.

spektrumdirekt: Genau das ist ja ein umstrittenes Feld: Bundesforschungsministerin Annette Schavan ist der grünen Gentechnik gegenüber eher offen eingestellt, Agrarministerin Ilse Aigner von der CSU hingegen setzte immer wieder Verbote für den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen durch. Wie stehen hier die Chancen, dass sich dieser Zickzackkurs ändert?

Schillberg: Ihre Frage impliziert ja schon, dass es nicht immer einheitlich ist, was in der Politik in diesem Bereich abläuft.
"Wichtig ist eine stärkere Forschungsbeteiligung der Wirtschaft"
In der Tat ist es so, dass Bundesforschungsministerin Schavan unsere Arbeit eigentlich unterstützt. Sie hat beispielsweise den Runden Tisch zur grünen Gentechnik initiiert an dem verschiedene Experten und Wissenschaftler zusammen kamen, um über die Zukunft der grünen Gentechnik zu sprechen. Wir würden uns natürlich wünschen, dass das noch weiter unterstützt wird. Mit Sicherheit sind aber auch weitere Diskussionen nötig, um die gegensätzlichen Fronten etwas aufzuweichen.

spektrumdirekt: Wie erklären Sie sich diese Fronten?

Schillberg: Ich habe den Eindruck, dass es bei vielen Bürgern und Politikern noch Erklärungsbedarf gibt.
"Grüne Gentechnik ist nicht gleichzusetzen mit gentechnisch manipulierten Pflanzen"
Grüne Gentechnik ist ja nicht direkt gleichzusetzen mit gentechnisch manipulierten Pflanzen. Gentechnische Methoden werden auch angewandt, um Pflanzen zu untersuchen, ebenso wie im Züchtungsbereich, Stichwort "Smart Breeding". Hier werden viele gentechnische Verfahren eingesetzt, um den Züchtungserfolg zu verbessern und zu begleiten, ohne dass die Pflanzen gentechnisch verändert werden.

spektrumdirekt: Genau diese gentechnische Veränderung macht aber vielen Bürgern Angst. Können Sie das nachvollziehen?

Schillberg: Die Technologie ist für Laien schwierig zu verstehen. Vieles ist nicht sichtbar, weil es auf molekularer, auf zellulärer Ebene passiert.
"Wissenschaftler sind in einer Bringschuld, die Techniken besser zu erklären"
Da entstehen schnell Ängste. Man darf aber nicht alles über einen Kamm scheren. Es gibt Anwendungen mit unterschiedlichen Risiken, die man auch unterschiedlich bewerten sollte. Wissenschaftler sind hier in einer Bringschuld, die Techniken besser darzustellen und zu erklären. Denn ich gehe davon aus, dass wir in der Zukunft ohne Gentechnik und gentechnisch veränderte Pflanzen gar nicht mehr auskommen werden.

spektrumdirekt: Warum?

Schillberg: Wir haben einen globalen Weltmarkt, auch Pflanzen werden global gehandelt, und da können sich Europa oder Deutschland nicht abgrenzen. Wenn man gentechnisches Material nicht ins Land lässt, wird es in der Zukunft sicherlich zu Knappheiten etwa bei Futtermittelpflanzen kommen. Zudem wird die Agrarfläche für die wachsende Bevölkerung immer knapper. Einige Länder wie China oder Saudi-Arabien kaufen daher schon riesige Flächen in Afrika auf, um die Ernährung der eigenen Bevölkerung zu gewährleisten – gefährden damit aber die Ernährung der lokalen Bevölkerung. Das verdeutlicht, dass wir die Erträge der Nutzpflanzen dringend steigern müssen. Die Gentechnik bietet hier eine Möglichkeit.

spektrumdirekt: Welche Förderungen wünschen Sie sich von der Politik?

Schillberg: Ich denke, dass viele Politiker schon die richtige Einstellung haben.
"Zu einer fundierten Erforschung gentechnisch veränderter Pflanzen gehören auch Freilandversuche"
Die Diskussion mit uns Wissenschaftlern wird vorangetrieben, es herrscht eine eher offene Grundhaltung. Aber natürlich würde ich mir eine bessere Finanzierung und auch bessere Rahmenbedingungen wünschen, insbesondere bei der Sicherheitsforschung und etwa den Versuchen im Freiland. Die werden hier zu Lande eindeutig zu restriktiv gehandhabt.

spektrumdirekt: Gerade gegen diese Freilandversuche richten sich aber oft die stärksten Proteste. Sollte sich die Politik hier nicht ihren Bürgern verpflichtet fühlen und an den Verboten festhalten?

Schillberg: Wollen wir das Risikopotenzial von gentechnisch veränderten Pflanzen objektiv bewerten, dann ist eine fundierte Erforschung dieser Pflanzen zwingend erforderlich, und dazu gehören auch Freilandversuche. Zudem darf man Deutschland nicht so isoliert betrachten. Wenn diese Technologie in Deutschland nicht gewollt wird, so ist sie doch in anderen Ländern erwünscht. In den USA und in Japan wird viel mehr investiert. Das hat zur Folge, dass die deutsche Forschung abgehängt wird, hervorragende Wissenschaftler ins Ausland abwandern. Das ist nicht nur schlecht für die Forschung, sondern auch für die Wirtschaft und die Landwirtschaft, die unseren Produkten vielleicht positiv gegenübersteht.
39. KW 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 39. KW 2009

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