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News: Ohren gespitzt?

Für vegetationsnah jagende Fledermäuse ist es kein Kinderspiel, in stockdunkler Nacht kleinste Insekten aufzuspüren. Obwohl die Flattertiere mit einem ausgefeilten siebten Sinn ausgestattet sind, versagt das Echoortungssystem einiger Arten offenbar, wenn die akustischen Signale der Beute mit denen des Hintergrundes verschmelzen. Dann hilft dem Großen und Kleinen Mausohr nur noch eines: Sich zu Fuß auf die Suche zu machen und auf verräterische Geräusche zu lauschen.
Fledermäuse, die sich in Bodennähe mittels Echoortung auf Beutejagd begeben, stehen vor einem grundlegenden Problem: Mit Schall beleuchtet setzen sich Insekten und Spinnen keineswegs vom Untergrund wie Blättern oder Baumstämmen ab. Vielmehr reflektieren derartig kleine Lebewesen nahezu dieselben Schallfrequenzen wie ihre unmittelbare Umgebung und sind somit optimal akustisch im "Echosalat" der Vegetation maskiert.

Um auf der Suche nach Nahrung nicht den Kürzeren zu ziehen, haben jene Fledermäuse jedoch raffinierte Strategien entwickelt. Im Gegensatz zu denjenigen Vertretern, die im freien Luftraum aktiv sind und relativ lange Laute nahezu derselben Frequenz aussenden, zeigen die Rufe der vegetationsnah jagenden Arten oftmals eine große Bandbreite: Ihre Echoortungssignale fallen innerhalb von einigen Millisekunden von sehr hohen Frequenzen steil zu niedrigen ab und liefern ein recht präzises Hörbild der Umgebung. Einige schalten ihr Ortungssystem sogar ganz aus, kurz bevor sie Beute von Oberflächen wegschnappen.

Raphael Arlettaz von der Universität Bern der Université de Lausanne und seine Kollegen interessierte nun näher, inwieweit das Große Mausohr (Myotis myotis) und das Kleine Mausohr (Myotis blythii) – zwei Fledermausarten mit auffällig großen Ohren – beim Aufspüren von Beutetieren auf ihre frequenzmodulierten Echoortungsrufe angewiesen sind oder ob sie womöglich auch auf andere Hinweise wie Insektengeräusche zurückgreifen.

Um dieser Fragestellung nachzugehen, wandelten sie ihr Labor in vier künstliche Lebensräume um, welche die natürlichen Jagdgründe der Flattertiere nachahmten: Eine auf dem Boden liegende Plexiglasplatte simulierte eine unbewegte Wasseroberfläche, und ein Kunstrasen stand stellvertretend für eine frisch gemähte Wiese. Zusätzlich imitierten die Forscher mit Blattwerk einen Laubwald, während sie im Habitat "freier Luftraum" keinerlei Hindernisse aufbauten. In diesen unterschiedlichen Jagdrevieren setzten sie ihre Versuchstiere aus und zeichneten neben ihren Ortungsrufen den Beuteerfolg auf.

Und die Ergebnisse fielen eindeutig aus: In allen Testumgebungen spürten das Kleine und Große Mausohr sich bewegende Insekten zielsicher auf. Mühelos entdeckten sie ebenfalls starr verharrende Beutetiere im freien Luftraum und auf der Plexiglasplatte. Sichtliche Schwierigkeiten bereite es den Probanden hingegen, auf der Blätterschicht und dem Kunstrasen bewegungslose Insekten wahrzunehmen. Hier gelang es ihnen die Beute nur auszumachen, indem sie sich auf dem Untergrund niederließen und sich zu Fuß auf die Suche begaben. In allen anderen Fällen schnappten die Flattertiere die Insekten jedoch direkt im Fluge.

In einer uneinheitlichen Umgebung sind die frequenzmodulierten Ortungsrufe für die Angehörigen des Großen und Kleinen Mausohrs offenbar von geringem Nutzen, um Beutetiere aufzuspüren. Die akustischen Spiegelungen des Insekts gehen im Echowirrwarr des hindernisreichen Lebensraumes nahezu vollständig unter und machen die Fledermäuse geradezu "hörblind". Ihre einzige erfolgversprechende Jagdmethode besteht somit im passiven Hören. Aus diesem Grund sind die beiden Arten wahrscheinlich mit riesigen Ohren ausgestattet: Mit ihrer Hilfe fangen die nachtaktiven Jäger jedes noch so leise Geräusch ein, das ihnen die Anwesenheit eines potentiellen Beutetieres verrät.

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