Ohrstöpsel: Stille Nacht, gute Nacht?

Schon ein paar kräftige Schnarcher der besseren Hälfte reichen, und man ist hellwach. Auch Straßenlärm oder Geräusche der Nachbarn sind häufige Gründe, warum Menschen nicht gut schlafen. Viele reagieren dann pragmatisch und greifen zu Ohrstöpseln. Laut einer YouGov-Umfrage mit 5363 erwachsenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern nutzt sie etwa ein Viertel der Bevölkerung, acht Prozent sogar »immer« oder »oft«. Aber wie gesund ist es, die Nacht quasi geräuschlos zu verbringen?
Rund ein Drittel des Tages sollte man schlafen – so lautet die gängige Empfehlung. Sieben bis acht Stunden sind optimal, am besten nachts und möglichst störungsfrei. Doch immer mehr Menschen haben Schlafprobleme. Fast 40 Prozent der Deutschen schlafen nicht genug, zeigen Zahlen des Online-Statistikportals Statista. Schlafforscher Ingo Fietze kann das bestätigen. »Die Zahl der Menschen mit Schlafstörungen nimmt zu und das Alter geht immer weiter nach unten«, sagt er. Seit 35 Jahren forscht Fietze im Schlaflabor der Charité Berlin. Seine Beobachtung: »Die häufigsten Störfaktoren sind Stress und Ängste, danach folgt Lärm, dann Temperatur und Licht.«
Wer lärmempfindlich ist, bleibt lärmempfindlich
Wer gut schlafen will, sollte alles eliminieren, was von außen die Schlafqualität beeinträchtigt, rät der Mediziner. Doch nicht immer bringt das den gewünschten Erfolg. Denn wie sensibel Personen auf Geräusche reagieren, ist individuell sehr verschieden. »Lärmempfindlichkeit ist ein stabiles Persönlichkeitsmerkmal«, erklärt Psychoakustiker André Fiebig. Er lehrt an der TU Berlin und forscht zu den psychischen Auswirkungen von Umgebungsgeräuschen. Während manche Menschen neben laut schnarchenden Partnern schlafen können, ist anderen schon das leise Ticken eines Weckers zu viel, sagt Fiebig. Das Problem: Stabile Persönlichkeitsmerkmale sind nicht beeinflussbar. Wer lärmempfindlich ist, bleibt in der Regel lärmempfindlich.
Ingo Fietze empfiehlt generell eine Schlafumgebung, die ruhiger ist als 30 Dezibel, um eine ungestörte Nachtruhe zu gewährleisten. Die Lautstärke entspricht etwa einem leisen Flüstern oder dem Ticken einer Uhr. »Je stiller, desto besser«, erklärt der Forscher. Schon bei nächtlichen Geräuschquellen von 40 Dezibel könne die subjektive Schlafqualität sinken. Ab etwa 55 Dezibel werde die Schlafstruktur messbar gestört, wie Fietze bei seinen Experimenten im Schlaflabor ermittelt hat. Dementsprechend hatten Probanden einer Studie der FU Berlin in einer Schallumgebung von maximal 33 Dezibel die längsten Tiefschlafphasen und wachten am seltensten auf.
»Lärmempfindlichkeit ist ein stabiles Persönlichkeitsmerkmal«André Fiebig, Psychoakustiker
Gleichmäßige, monotone Hintergrundgeräusche hingegen können einschläfernd wirken, sagt Fietze. Etwa ein Podcast mit einer sonoren Männerstimme, die eine eher langweilige Geschichte erzählt. Problematisch sind die zufälligen, lauten Geräusche: zuschlagende Türen, kräftige Stimmen, Hundegebell. Im Innenraum beeinflussen bereits einzelne Schallspitzen von 35 Dezibel die Schlafstadien. Selbst in der Tiefschlafphase, in der man am wenigsten lärmempfindlich ist, können solche Schallereignisse aufwecken.
Der Hörsinn als Gefahrendetektor
Eine weit verbreitete Lösung dagegen sind Ohrstöpsel. Seit 1907 sorgen sie bereits für stillen Schlaf: In diesem Jahr perfektionierte der Apotheker Maximilian Negwer eine Mischung aus Baumwolle und hautfreundlichem Paraffinwachs und gab ihr den einprägsamen Namen »Ohropax« – deutsch-lateinisch für »Ohr-Frieden«. Seine Erfindung hatte sofort Erfolg. Selbst Franz Kafka ließ sich die Lärmschutzkugeln nach Prag schicken und schrieb: »Ohne Ohropax bei Tag und Nacht ginge es gar nicht.« Die Ohrstöpsel beseitigen Geräusche zwar nicht komplett, dämpfen aber Pegelspitzen und senken insgesamt die Lärmbelastung. Das kann bei vielen Menschen die Einschlafzeit verkürzen und Aufwachreaktionen seltener machen, wie auch aktuelle Studien zeigen.
Eine praktische Lösung, denn »absolute Stille gibt es kaum noch, gerade in industrialisierten Ländern«, sagt André Fiebig. Dennoch sieht er die Verwendung von Ohrstöpseln kritisch, denn aus evolutionärer Sicht ist Hören ein wichtiger Sinn. »Das Ohr ist zum Erkennen von Gefahren vorgesehen, deswegen nehmen wir auch im Schlaf unsere akustische Umgebung wahr«, erklärt Fiebig. Nutzt man aber Ohrstöpsel, dann wird der Gehörsinn beeinträchtigt und das, so der Psychoakustiker, kann Stress produzieren. »Wenn das Ohr als primäres Warnorgan nicht mehr funktioniert, kann das verunsichern.«
Das Bewusstsein für Gehörschutz ist gewachsen
Schlafforscher Fietze sieht derweil die andere Seite des Problems: »Wenn man mindestens dreimal in der Woche und über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten beim Schlafen gestört wird, dann beginnt man, ernsthafte Probleme zu entwickeln.« Rund ein Drittel aller Deutschen leidet unter Schlafstörungen, ein weiteres Drittel hat einen sensiblen Schlaf und nur das letzte Drittel bestehe aus »begnadeten Schläfern«, sagt Fietze. Die Gefahr, Schlafstörungen zu entwickeln oder weiter auszubilden, sei somit sehr hoch.
»Je stiller, desto besser«Ingo Fietze, Schlafmediziner
»Lieber trage ich jede Nacht Gehörschutz und schlafe erholt, bevor ich gar nicht schlafe«, sagt auch Eberhard Schmidt, Präsident der Bundesinnung der Hörakustiker – rät aber ebenfalls zur Vorsicht. Aus Sicht des Hörakustikermeisters können die Stöpsel eine gute Lösung für einen erholsamen Schlaf sein. Doch Gehörschutz ist nicht gleich Gehörschutz, betont er. Zwar werde »Ohropax« inzwischen fast synonym für Ohrstöpsel aller Art genutzt, tatsächlich existieren heutzutage aber die unterschiedlichsten Modelle für Tag und Nacht. »Die Anzahl der Produkte hat zugenommen«, sagt Schmidt, sieht den Grund allerdings nicht unbedingt in der lauter gewordenen Umwelt. »Das Bewusstsein für Gehörschutz ist gewachsen«, erklärt er. So gebe es inzwischen auch Produkte für den Alltag, die beispielsweise von Musikern und bei Konzerten genutzt werden. Schmidt warnt allerdings: »Sie funktionieren nicht für jeden und auch nicht dauerhaft.« Statt zu Ohrstöpseln aus Drogerie oder Apotheke rät der Hörakustiker daher zu individuell angefertigten Varianten – aus mehreren Gründen.
Ohrstöpsel nach Maß
Standardlösungen aus Schaum, Wachs oder weichem Silikon funktionieren nur, wenn sie korrekt eingesetzt werden und der Gehörgang sie toleriert. Doch Ohrkanäle unterscheiden sich stark in Durchmesser, Krümmungen und Hautempfindlichkeit. »Viele Gehörgänge sind kleiner oder verwinkelter. Dann wird der Stöpsel nicht richtig platziert, dämpft schlecht oder drückt«, sagt Eberhard Schmidt. In solchen Fällen bietet maßgefertigter Hörschutz Vorteile. Aus einem Ohrabdruck entsteht im Labor mittels Scan und 3D-Fertigung eine passgenaue Otoplastik aus biokompatiblem, sehr weichem Silikon. Der Weichheitsgrad lässt sich je nach Vorliebe abstimmen, und für Seitenschläfer sind flache, tiefsitzende Formen vorteilhaft, weil sie die Ohrmuschel entlasten. Ein weiterer Pluspunkt: Die maßgefertigten Stöpsel sind langlebiger als Standardmodelle. Allerdings sind sie auch kostspielig.
»Wer häufig Gehörschutz nutzt, sollte das mit einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt abklären«Eberhard Schmidt, Hörakustiker
Obwohl die medizinischen Ohrstöpsel einige Vorteile haben, warnt Eberhard Schmidt vor Problemen. »Wer häufig Gehörschutz nutzt, sollte das mit einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt abklären«, sagt er. Denn Menschen mit Wucherungen im Gehörgang sollten eher darauf verzichten. Zudem bilden manche Personen mehr Ohrenschmalz. Fehlende Belüftung und Reinigung des Ohrs können dann Entzündungen und Infektionen begünstigen. Helfen kann eine gute Hygiene. Schmidt rät, Silikonstöpsel mit lauwarmem Wasser sowie milder Seife zu reinigen und anschließend zu trocknen.
Psychoakustiker Fiebig hat dennoch Bedenken: »Durch wiederholte Handlungen läuft man Gefahr, dass etwas zunehmend notwendig wird.« Wer jede Nacht Ohrstöpsel trägt, kann theoretisch eine psychische Abhängigkeit entwickeln und irgendwann nicht mehr ohne sie einschlafen. Kann man von Ohropax also quasi süchtig werden? »Ich wüsste nicht, dass es Studien dazu gibt«, sagt Fiebig. Vielmehr bezieht er die Abhängigkeit darauf, dass die Stille zur Gewohnheit wird und die Nutzung der Ohrstöpsel zu einem Ritual.
Süchtig nach Stille?
Rituale sieht die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin eigentlich als positiv an. Auch auf ihrer Website empfiehlt die DGSM »persönliche Einschlafrituale«, verzichtet aber auf konkrete Anleitungen. Unabhängig davon lohnt es sich, zunächst das Schlafzimmer zu optimieren, bevor man zu Ohrstöpseln greift: gluckernde Heizkörper entlüften, alte Fensterdichtungen erneuern, tickende Uhren entfernen, Geräte leiser stellen. Viel nächtlicher Lärm ist hausgemacht und technisch lösbar. Nur wenn Lärmquellen von außen nicht beherrschbar sind, sieht Fiebig in Gehörschutz ein geeignetes Hilfsmittel. Tatsächlich werde absolute Stille von vielen Menschen sogar als negativ empfunden. »Wir haben beobachtet, dass sich Probanden in reflektionsarmen, künstlich stillen Räumen nicht wohlfühlen«, erzählt Fiebig.
»Das Ziel ist also nicht die absolute Stille«, betont der Psychoakustiker. »Evolutionär und psychologisch gesehen sollte man nicht dauerhaft alle Geräusche unterdrücken.« So führt absolute Stille mitunter zu akustischen Halluzinationen, wie Experimente in schallarmen Kabinen nahelegen. Die Probanden hören dann Geräusche, die gar nicht da sind, was wiederum Angst verursachen kann.
Schlafforscher Fietze hingegen ist pragmatisch. Er sieht es zwar nicht als optimal an, jede Nacht Ohrstöpsel zu verwenden, »aber wenn man dadurch einen erholten Schlaf hat, ist das für die Psyche und den Körper besser, als wenn man nicht gut schläft«. Sein Rat: Alles, was dem Schlaf guttut und medizinisch unbedenklich ist, kann als Ritual etabliert werden.
Lieber abhängig als immer schlafgestört
Für gesunde Ohren sei die Verwendung von Gehörschutz unproblematisch, sagt Schmidt und vergleicht es mit dem Tragen von Kontaktlinsen. Dennoch rät er in generell ruhigen Umgebungen von Ohrstöpseln eher ab. Das Gehirn gewöhne sich an die Ruhe und man werde geräuschempfindlicher, sagt er.
»Für lärmsensible Menschen und sensible Schläfer können Ohrstöpsel sehr hilfreich sein«, resümiert Fietze. »Aber absolute Geräuschlosigkeit ist weder nötig noch zwingend gesund«, ergänzt Psychoakustiker Fiebig. Die Experten sind sich einig: Wichtiger und nachhaltiger als totale Stille ist ein flexibler Umgang mit Geräuschen. Dazu gehört auch, in lauten Nächten lieber zu Ohrstöpseln zu greifen und eine Abhängigkeit von Ritualen zu riskieren, als überhaupt nicht zu schlafen.
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