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Atomtest vor 80 Jahren: Unser Freund das Atom

Vor 80 Jahren zündeten die USA auf dem Bikini-Atoll zwei Atombomben. Bald ließen sich die Menschen durch das politisch gewollte Narrativ unerschöpflicher Atomenergie verleiten.
Eine historische Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt drei Personen in formeller Kleidung, die gemeinsam eine Torte in Form einer Pilzwolke anschneiden. Die Torte ist detailliert dekoriert und steht im Mittelpunkt des Bildes. Die Personen lächeln und wirken feierlich. Im Hintergrund sind Möbel und eine Wand mit Dekorationen zu sehen.
»Ich flehe zu Gott, dass das Bild nicht in Russland abgedruckt wird«: Vizeadmiral William H. P. Blandy (links) feiert den gelungenen Atomtest auf Bikini mit einer Atompilz-Torte.

Am 6. August 1945 um 8:16 Uhr explodierte über der japanischen Großstadt Hiroshima eine Atombombe. Bis zu 80 000 Menschen starben sofort. Drei Tage später, am 9. August um 11:02 Uhr, tötete eine weitere Atombombe in Nagasaki innerhalb von Minuten bis zu 40 000 Menschen. Damit hatte die neue Waffe ihr apokalyptisches Potenzial unmissverständlich unter Beweis gestellt. Doch kein ganzes Jahr später ragte im Pazifik erneut ein Atompilz in den Himmel.

Am 1. Juli 1946 – heute vor 80 Jahren – zündeten die US-Streitkräfte auf dem Bikini-Atoll die erste Atombombe in Friedenszeiten. Der Geist war endgültig aus der Flasche. In den folgenden fünf Jahrzehnten des Kalten Kriegs führten die Vereinigten Staaten über 1000 und die Sowjetunion mehr als 700 über- und unterirdische Atomtests durch – immer mit dem Ziel, dem Gegner die Instrumente zu zeigen. Vorsorglich. Für den Fall der Fälle.

Jene »Operation Crossroads« (Operation Scheideweg) auf dem Bikini-Atoll bestand aus zwei getrennten Bombenabwürfen: Able und Baker. Im Rahmen der beiden Tests sollte erkundet werden, ob und wie Kriegsschiffe einen Atomschlag überstehen könnten. Dafür postierte die eigens gegründete Joint Task Force One unter dem Kommando von Vizeadmiral William H. P. Blandy (1890–1954) rund um das Zielgebiet 95 ausgediente Schiffe. Korallenriffe, die im Weg waren, wurden kurzerhand weggesprengt. An Bord waren mehr als 10 000 Instrumente und Sensoren installiert und Tausende von Versuchstieren zurückgelassen worden – Schweine, Ziegen, Meerschweinchen, Ratten, Mäuse: »Im Dienst der Menschheit«, wie es in einem Bildband hieß, der das Spektakel in die Wohnzimmer der Amerikaner brachte und auf dem Umschlag schwärmte: »Die gesamte Welt verfolgt mit angehaltenem Atem jede neue Entwicklung des ›Wunders der modernen Wunder‹ – der Atomenergie.«

Die Bewohner hatten sich leicht umsiedeln lassen, nachdem der amerikanische Militärgouverneur der Marshallinseln, Commander Ben H. Wyatt, sie zuvor in einer zynisch anmutenden Ansprache mit den Kindern Israels verglichen hatte, die der Herr in das gelobte Land führte. »Zum Wohle der Menschheit und um alle künftigen Kriege zu verhindern« sollten sie sich zu einer Nachbarinsel aufmachen. Die Folgen der Atomtests verschwieg er. Stattdessen versicherte er ihnen, dass sie anschließend zurückkehren könnten. Im Vertrauen darauf, dass »alles in Gottes Hand liege«, willigten die 167 Bewohner von Bikini ein. Sie sahen ihre Heimat niemals wieder.

A wie Able |

Für den ersten Test der Operation Crossroads wurde eine Bombe vom Nagasaki-Typ über dem Atoll abgeworfen. Knapp 70 weitere Sprengkörper sollten im Lauf der Jahre folgen.

Die Erkenntnisse waren überschaubar

Was vor 80 Jahren, am 1. und am 25. Juli 1946, auf Bikini geschah, ist millionenfach dokumentiert. Vor Ort waren 42 000 Soldaten an Bord von 149 Begleitschiffen und 156 Flugzeugen. Mehr als 500 Kameras bannten die Explosionen auf Zelluloid. Es stiegen sogar ferngesteuerte B-17-Bomber auf und dokumentierten, was die beiden rund 23-Kilotonnen-Bomben mit den Spitznamen »Gilda« (Test Able) und »Helen of Bikini« (Test Baker) anrichteten. Berichten zufolge wurde dafür etwa die Hälfte des weltweit verfügbaren Filmmaterials aufgekauft. Gilda explodierte in einer Höhe von 158 Metern über dem Meer, während Helen of Bikini in einer Wassertiefe von 27 Metern gezündet wurde. Zehn Prozent der Versuchstiere starben in der Druckwelle, weitere 15 Prozent infolge der Strahlung des Feuerballs.

Der amerikanische Schauspieler und Komiker Bob Hope (1903–2003) kommentierte das Ganze damals mit den Worten: »Sobald der Krieg zu Ende war, fanden wir den einen noch unberührten Flecken Erde und sprengten ihn in die Luft.« Unterdessen nannte der französische Modeschneider Louis Réard (1896–1984) seinen knappen Badezweiteiler für Damen, der erstmals einen Blick auf den Nabel gewährte, nach besagtem Atoll und bewarb ihn mit dem Slogan »Der Bikini, die erste anatomische Bombe!«.

Und der Sinn der Atomtests? Der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn jedenfalls war deutlich geringer, als öffentlich behauptet wurde. Der US-Physiker Robert Oppenheimer, der vom »Vater der Atombombe« zu ihrem scharfen Kritiker geworden war, hatte schon vorher abgeraten, mit dem Argument, dass mathematische Berechnungen und Modellversuche bessere Daten liefern würden. Intern mahnte William Blandy seine Mitarbeiter, »die breite Öffentlichkeit dürfe keinesfalls den irrigen Eindruck gewinnen, der alleinige Zweck der Tests bestehe darin, die Auswirkungen atomarer Sprengkörper auf Marineschiffe zu erkunden«. Tatsächlich aber waren darüber hinausgehende Fragestellungen, die der Menschheit beim Umgang mit der neuen Technologie helfen könnten, nur vorgeschoben.

Und jetzt: Kuchen für alle!

So rücksichtslos die Amerikaner die Bewohner des Atolls vertrieben und deren Heimat zerstört hatten, so unbedarft zynisch feierten sie den Erfolg der Operation. Am 7. November 1946 berichtete die »Washington Post« in dem Beitrag »Salute to Bikini« über einen Empfang in Washington. Ein Bild zeigte Admiral Blandy mit Gemahlin, wie er eine Torte anschneidet, die mit einem riesigen Atompilz aus Baisers dekoriert war. Der Pastor Reverend Arthur Powell Davies äußerte sich dazu in einer wenig später von »Associated Press« verbreiteten Predigt wie folgt: »Würde ich sagen, was ich empfinde, so würde ich es als obszön bezeichnen … Ich kann kaum in Worte fassen, was dieses Bild in mir auslöst. Ich flehe zu Gott, dass es nicht in Russland abgedruckt wird und all jene Behauptungen bestätigt, mit denen die Sowjetregierung dem russischen Volk einredet, wie ›amerikanische Degenerierte‹ das grausamste, erbarmungsloseste und abscheulichste Todesinstrument, das die Menschheit je erfunden hat, mit solcher Leichtfertigkeit behandeln.« Seine Gebete wurden nicht erhört: Wenig später erschien das Bild auch in russischen Zeitungen.

Anatomische Bombe |

Modedesigner Louis Réard benannte seinen Badezweiteiler nach dem Südseeatoll, dessen Name plötzlich in aller Munde war. 

Pastor Davies’ Worte fanden politisch ebenso wenig Beachtung wie die jener Physiker, die nach den Erfahrungen von Hiroshima und Nagasaki schon früh vor den Folgen nuklearer Aufrüstung warnten: Niels Bohr, Albert Einstein, Robert Oppenheimer, um nur einige zu nennen. Das atomare Wettrüsten ließ sich nicht mehr aufhalten, die Rüstungsspirale drehte immer schneller.

Die Atomtorte war nur der Anfang eines beispiellosen, aus heutiger Sicht bizarr anmutenden Realitätsverlustes, der Jahrzehnte anhielt: einer Zeit, in der das grausame Erscheinungsbild der Atomkraft umgemünzt wurde in das einer Kraft, die der Mensch bändigen und in friedlichem Sinn nutzen kann. War die Atomtorte noch Ausdruck einer unreflektierten Freude über die Zerstörungskraft von Able und Baker, stellte der amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower (1890–1969) in seiner berühmten »Atoms for Peace«-Rede vom 8. Dezember 1953 erstmals die Weichen für eine grundlegende Neudeutung der Atomenergie. Im ersten Teil seiner Rede verkündete er noch voller militärischem Selbstbewusstsein, dass sich das amerikanische Atomwaffenarsenal »selbstverständlich täglich vergrößert«, um dann unmissverständlich zu warnen: »Sollte ein solcher atomarer Angriff gegen die Vereinigten Staaten geführt werden, so wären unsere Reaktionen rasch und entschlossen.« Das Land eines solchen Aggressors würde in Schutt und Asche gelegt.

Im zweiten Teil jedoch gelobte er, dass die Vereinigten Staaten zur Lösung dieses furchtbaren Dilemmas beitragen wollten und »sich mit ganzem Herzen und Verstand dafür einsetzen würden, dass der wunderbare Erfindungsreichtum des Menschen nicht dem Tod, sondern dem Leben geweiht wird«. Er schlug die Gründung einer Internationalen Atomenergie-Organisation vor, die tatsächlich wenige Jahre später, im Sommer 1957, in Wien ihre Arbeit aufnahm. Eisenhower hoffte, dass alle Atommächte einen Teil ihres spaltbaren Materials in die Obhut der International Atomic Energy Agency (IAEA) geben würden, deren Experten die Atomenergie für friedliche Zwecke nutzbar machen sollten, nämlich, um »jene Regionen der Welt, die unter Energiemangel leiden, mit reichlich elektrischer Energie zu versorgen«.

Euphorisch und nicht selten bizarr

Das neue Narrativ verfing. Vor allem in der amerikanischen Gesellschaft wurde die Atomenergie zur Chiffre schier unbegrenzten Wachstums und verleitete ihre Anhänger zu euphorischen, nicht selten bizarren Unternehmungen. So plante die United States Atomic Energy Commission (AEC) im Jahr 1958 bei Point Hope in Alaska den »Bau« eines Hafens – mithilfe einer Reihe von Wasserstoffbombenexplosionen. Edward Teller (1908–2003), der Miterfinder der Wasserstoffbombe, unterstützte das Vorhaben und scherzte, der Hafen könne, wenn gewünscht, auch die Form eines Eisbären haben. Später diskutierten Ingenieure über die Verbreiterung des Panamakanals oder die Schaffung einer ganz neuen Wasserstraße, des Nicaraguakanals. Keiner dieser irrwitzigen Pläne im Rahmen des »Project Plowshare« wurde verwirklicht. Zum Glück.

Ein Glanzstück der Propaganda gelang der US-Regierung, indem sie Walt Disney Productions den Lehrfilm »Our Friend the Atom« produzieren ließ. Darin erzählt der damals in den USA lehrende und später in Deutschland als TV-Moderator populär gewordene Physiker Heinz Haber (1913–1990) die Geschichte des Atoms entlang des arabischen Märchens vom Fischer und dem Flaschengeist. Die Wissenschaftler, so Haber, hätten die Kraft des Atoms im Uran befreit, damit sie nur Gutes tun könne. Der unter dem Titel »Unser Freund das Atom« auch im deutschen Fernsehen ausgestrahlte Film stand am Anfang einer Ikonisierung der Atomenergie, die selbst Architekten und Designer des »Atomic Age« beflügelte: das Atomium in Brüssel, der Flughafen von Los Angeles, aber auch die Sputnik-Lampen oder futuristisch anmutende Sitzmöbel.

Da strahlt der Sohnemann |

Die Firma Gilbert brachte in den 1950er-Jahren einen Nuklearchemie-Baukasten heraus mit Messgeräten wie einem Geigerzähler. Ebenfalls enthalten waren Uranerze und anders schwach strahlendes Material.

Die Nevada Test Site, das wichtigste Atomwaffenversuchsareal der USA, entwickelte sich rasch zur Touristenattraktion. Das Desert Inn Hotel in Las Vegas lud in seinem Panorama Sky Room zu »bomb parties«. Von hier konnte man mit einem Atomic Cocktail in der Hand die mächtigen Pilzwolken beobachten. Las Vegas wurde zur Atomic City, in der Elvis Presley als »Nation’s only atomic powered singer« auftrat, wo Atomfrisuren in Mode kamen und »Miss Atomic Bomb«-Schönheitswettbewerbe abgehalten wurden.

Geradezu loriotesk mutet das »Gilbert U-238 Atomic Energy Laboratory« an, ein Experimentierkasten, der Anfang der 1950er-Jahre unter manchem Weihnachtsbaum lag. Er enthielt mehrere radioaktive Substanzen, ein Geiger-Müller-Zählrohr, ein Spinthariskop zur Sichtbarmachung ionisierender Strahlung und andere Dinge für den wissbegierigen Jungen (sic!). »Vollkommen harmlos! Spannend! Sicher!«, hieß es auf dem Kasten. Und daneben der Hinweis: »10 000,00 Dollar Belohnung – Diesen Betrag zahlt die Regierung der Vereinigten Staaten jedem, der ein Uranerzvorkommen entdeckt!« Einzelheiten dazu fand der Hobbyprospektor in einem beiliegenden Buch.

Mit der Erkenntnis wächst die Skepsis

Ganz praktischen Nutzen versprach der Automobilhersteller Ford mit seiner Konzeptstudie »Nucleon«. Das schnittige Sportcoupé sollte im Heck über einen bierglasgroßen Reaktor verfügen, dessen Kernbrennstoff für ganze 8000 Kilometer reichen würde. Für einen fahrenden Prototyp reichte aber selbst der größte Enthusiasmus nicht. Ein derart kleiner Reaktor war technisch schlichtweg nicht umsetzbar. Überdies schätzten die Ingenieure, dass allein der bleierne Strahlenschutz an die 50 Tonnen wiegen müsste. Und überhaupt: Was tun mit den radioaktiv strahlenden Abfällen? – eine Frage, die so alt ist wie die friedliche Nutzung der Kernenergie und bis heute fast überall unbeantwortet bleibt.

Im Space Age gelandet |

Die Architektur des Flughafens von Los Angeles spiegelt den ungebremsten Technooptimismus der 1960er-Jahre wider.

Die atomare Euphorie erfuhr einen nachhaltigen Dämpfer, als die Amerikaner 1954, ebenfalls auf dem Bikini-Atoll, den Wasserstoffbombentest Castle Bravo durchführten. Die Explosion fiel deutlich stärker aus als erwartet und kontaminierte große Gebiete des Pazifiks. Weltweit bekannt wurde damals der Fall des japanischen Fischerboots »Glücksdrache V«. Alle 23 Besatzungsmitglieder wurden verstrahlt, einer der Männer starb – obwohl das Boot in rund 150 Kilometern Entfernung kreuzte. Immer mehr prominente Wissenschaftler warnten daraufhin öffentlich vor der nuklearen Aufrüstung und den Folgen radioaktiven Fallouts.

In den 1960er- und 1970er-Jahren verstärkte die Umweltbewegung das Misstrauen in die Nutzung der Atomkraft; sowohl in die militärische als auch in die friedliche. Spätestens der Reaktorunfall von Three Mile Island zerstörte das Bild der beherrschbaren Kerntechnik: Erstmals sah eine breite Öffentlichkeit live, wie Experten die Kontrolle über ein Atomkraftwerk zu verlieren drohten. Die Tschernobyl-Katastrophe (1986), die auch die Menschen in Europa in Angst und Schrecken versetzte, führte der Welt schließlich drastisch vor Augen, dass sich Atomunfälle in einem wesentlichen Punkt von Erdbeben, Vulkanausbrüchen oder Hurricanes unterscheiden: Man kann danach nicht einfach die Trümmer wegräumen und mit dem Wiederaufbau beginnen. Radioaktive Substanzen können ganze Regionen unbewohnbar machen. Für Generationen.

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  • Quellen
  • US Joint Task Force, Operation Crossroads – The Official Pictorial Record, 1946
  • Weisgall, J.M, Operation Crossroads: The Atomic Tests at Bikini Atoll, 1994

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