Artenschutz: Die letzten Orcas der Salish Sea

Auch ich bin wegen der Orcas auf die Insel gekommen – wie viele andere Menschen, die San Juan Island besuchen, die zweitgrößte Insel der gleichnamigen Inselgruppe. Dieser kleine Flecken Wald und Ackerland vor der Küste des US-Bundesstaats Washington gilt als einer der besten Orte weltweit, um den Meeressäugern zu begegnen. Allerdings halten sich Schwertwale nicht an irgendwelche Zeitpläne. Also schlage ich an jenem sonnigen Julitag 2025 die Zeit tot und schlendere gerade durch eine saftige Wiese, als ich mal wieder das Handy herausziehe und mich plötzlich ein Adrenalinschub durchfährt: Ich habe drei Anrufe von Deborah Giles verpasst, einer Wissenschaftlerin bei der SeaDoc Society, einer gemeinnützigen Organisation für Meeresforschung. Die Southern Resident Orcas sind zum ersten Mal seit Monaten in der Nähe gesichtet worden. Ich habe noch 40 Minuten Zeit, um Giles auf der anderen Seite der Insel zu treffen.
Die Southern Residents leben seit Tausenden von Jahren im Pazifik vor der US-amerikanischen Nordwestküste. Sie haben keinen Kontakt zu den geschätzten 50 000 anderen Artgenossen, die sich auf der Erde tummeln – nicht mal zu solchen in denselben Gewässern. Sie haben ihre eigene Sprache, ihre eigenen Bräuche und ihre eigene Kultur. Und sie sind die am besten erforschte Schwertwalpopulation der Welt. Aber massive menschliche Eingriffe in küstennahen Gebiete und Gewässern ihres Territoriums bedrohen ihre Existenz.
Nur wenige Augenblicke bevor Giles eintrifft, erreiche ich ihren Bootsanlegeplatz. Die Wissenschaftlerin lebt nach der »Walzeit«, bedeutet: Sie lässt alles stehen und liegen, um ihren Forschungsobjekten – den Southern Resident Orcas – zu begegnen. Seit Jahren habe sie keinen Urlaub mehr außerhalb von San Juan Island gemacht, erzählt sie mir. Sie würde dann nicht entspannen können. Was, wenn die Tiere auftauchen, während sie weit weg ist?
»Komm schon, Kleine, auf geht’s!«, ruft Giles ihre kleine braun-weiße Hündin namens Eba und geht die Metallbrücke aufs Boot hinunter. Langsam trottet Eba an der Leine hinterher und blinzelt mit ihren schwarzen Augen in die Nachmittagssonne. Giles steigt in das Motorboot und setzt sich hinter das Steuer. Ihr Mann und Forschungspartner Jim Rappold hebt währenddessen Eba auf den Bug und legt sie auf eine mit Teppich ausgelegte Plattform, die er speziell für sie angefertigt hat. Giles’ Forschungsassistentin Aisha Rashid reicht allen Schwimmwesten, bevor sie auch Eba eine orangefarbene anlegt. Ich setze mich hinten neben das Bordlabor – eine große Metallbox, in der sich verschiedene Fläschchen, eine Zentrifuge und weitere Forschungsgeräte befinden.
Orcas und Forschung – beides in Gefahr
Wir brausen durch die Haro-Straße, ein rund 40 Kilometer langes und 20 Kilometer breites Wasserband entlang der Westseite der Insel. Früher schwammen die Southern Resident Orcas diesen Kanal derart oft hoch und wieder herunter, dass die Einheimischen das repetitive Bewegungsmuster »West Side Shuffle« nannten. Die Wale nutzten dabei den steil abfallenden Unterwassercanyon der Meerenge, um ihre Lieblingsspeise zu jagen: große, fette Chinook-Lachse. Aber seit dem Rückgang der Lachspopulationen werden auch die Southern Residents nur noch selten in der Nähe der Insel gesichtet.
Im Lauf des letzten Jahrhunderts hat sich die Welt um die Orcas herum dramatisch verändert. An den Küsten entstanden Metropolen, und ihr Hauptlebensraum verwandelte sich in eine viel befahrene Wasserstraße. Giftstoffe verpesteten zunehmend ihre Heimat, die Salish Sea. Entsprechend wurden die Fische seltener, auf die sich die Meeressäuger mit tödlicher Präzision spezialisiert hatten. Innerhalb einer einzigen Lebensspanne eines Schwertwals haben die Menschen die Southern Residents an den Rand des Aussterbens gebracht.
Giles und noch ein paar andere Wissenschaftler haben sich zum Ziel gesetzt, die Ursachen für den Rückgang jener alten Walpopulation genauer zu verstehen und ihn aufzuhalten. Indem sie sich ein Bild vom Gesundheitszustand, von den Gewohnheiten und der Ernährung der Tiere machen, wollen sie entschlüsseln, auf welche unterschiedlichen Arten die Menschen ihr Leben beeinflussen. Die Erkenntnisse sollen helfen, Schutzmaßnahmen einzuleiten, die über Leben und Tod der Orcas entscheiden.
Doch auch diese Forschungsarbeit ist in Gefahr. Maßnahmen der Trump-Regierung könnten eine Reihe von Studien, die dem Schutz der Southern Residents und weiterer bedrohter Populationen dienen, verzögern, einschränken oder ganz beenden – und zwar zu einem entscheidenden Zeitpunkt. »Die Wissenschaft ist jetzt in Gefahr«, sagt Giles, »genau wie die Wale.«
Intelligente Kosmopoliten mit eigener Kultur
Orcas sind Kosmopoliten. Wir Menschen leben auf allen Kontinenten, Orcas in allen Ozeanen. Ähnlich wie wir hat sich die größte Delfinart durch ihre Intelligenz und ihr Sozialverhalten an unterschiedliche Umgebungen angepasst – von der eisigen Antarktis bis zum milden Golf von Kalifornien. Orcas geben ihr Wissen an nachfolgende Generationen weiter, etwa darüber, wo man Beute findet und wie man sie erlegt. Sie teilen ihre Nahrung und kümmern sich gemeinsam um den Nachwuchs. Sie haben sogar eigene kulturelle Trends. In den 1980er-Jahren, als Teenager Fallschirmhosen und Stulpen trugen, begannen die Jugendlichen der Southern Residents, tote Lachse wie »Hüte« auf ihrem Kopf zu tragen.
Durch ihr großes Gehirn und ihre ausgeprägte Intelligenz haben die Schwertwale ein komplexes Innenleben. »Sie sind eindeutig sehr schlaue Tiere, sie sehen nur anders aus als wir«, sagt Amy Van Cise, Assistenzprofessorin an der University of Washington, die Orcas und andere Wale erforscht. »Schwertwale schreiben zwar keine Bücher, aber sie können sich mit Echolot orientieren. Können wir das auch?«
Im Jahr 2018 machte ein Orcaweibchen namens Tahlequah Schlagzeilen, weil sie ihr totes Neugeborenes 17 Tage lang mit sich herumtrug, was in den Medien als »Tour der Trauer« bekannt wurde. Die Mutter legte fast 1000 Meilen zurück, wobei sie ihr Baby auf ihrer Stirn drapierte oder vorsichtig im Maul hielt. Im Januar 2025, als ein weiteres Kalb starb, wiederholte Tahlequah dieses Ritual.
»Die Wissenschaft ist jetzt in Gefahr, genau wie die Wale«Deborah Giles, Meeresforscherin
Das zeigt bereits: Wie wir Menschen sind auch Orcas sehr familienorientierte Tiere. Die Nachkommen der im Pazifik ansässigen Schwertwale bleiben ihr ganzes Leben bei ihren Müttern und bilden einen fast unzertrennlichen Familienverband, der als Matrilinie bezeichnet wird. Eine Handvoll Matrilinien bilden zusammen eine Schule, die im Englischen »pod« genannt wird. Solche Pods werden von älteren Weibchen angeführt, die bis zu 100 Jahre alt werden können – also mehr als doppelt so alt wie die meisten Bullen.
Die Southern Residents bestehen aus drei Pods: J, K und L. Früher verbrachten die Gruppen einen Großteil der Zeit von April bis Oktober im Puget Sound, einer Meeresbucht in der Salish Sea im Nordwesten des US-Bundesstaats Washington, sowie in der Nähe der Inselgruppe San Juan Islands. Dort schlossen sie sich oft zu einem »Superpod« zusammen. In den kälteren Monaten neigen die Pods dazu, sich aufzuteilen und mehr Zeit an den Außenküsten der Bundesstaaten Washington, Oregon und sogar Kalifornien zu verbringen. Doch egal, wie weit die Schulen voneinander entfernt sind, sie bleiben stets durch ihre gemeinsame Sprache, Ernährung, ihre Gewohnheiten und Verhaltensweisen miteinander verbunden – eine Kultur, die sich von der jeder anderen Population unterscheidet.
Die gemeinsame Geschichte von Menschen und Schwertwalen ist lang und kompliziert. Über Jahrtausende lebten die indigenen Gemeinschaften des pazifischen Nordwestens friedlich mit Orcas zusammen. Jeder Stamm hat seine eigene Beziehung zu den Tieren. In der Regel werden sie als heilig betrachtet – oft als Wächter des Meeres oder gar als Familienmitglieder unter den Wellen. Die Siedler, die im 19. Jahrhundert ankamen, hatten jedoch eine andere Sichtweise: Orcas wurden als Konkurrenten der Fischer gefürchtet und als Schädlinge verachtet, die man meiden oder besser noch ausrotten sollte.
Dann, im Jahr 1965, eroberte Namu, der weltweit erste Orca in Gefangenschaft, die Herzen und Geldbörsen der Besucher des Seattle Marine Aquarium. Seine überraschend sanfte Art – der Delfin ließ sogar seinen Fänger Ted Griffin auf seinem Rücken reiten – schockierte und begeisterte die Zuschauer zugleich. Bald darauf begannen Aquarien auf der ganzen Welt, Schwertwale zu bestellen. So wurden im Lauf des darauffolgenden Jahrzehnts Dutzende meist junger Orcas aus der Salish Sea gefangen, teilweise verendeten sie dabei. Fast 50 dieser Tiere waren Southern Residents. Als die Praxis Mitte der 1970er-Jahre eingestellt wurde, war die Population bereits auf 71 Wale geschrumpft.
Wissenschaftler hofften zunächst, dass sich die Southern Residents erholen würden. Mitte der 1990er-Jahre war ihre Zahl wieder auf 98 Exemplare angewachsen. »Dann beobachteten wir einen plötzlichen Rückgang«, sagt Kim Parsons, leitende Forschungsbiologin am Northwest Fisheries Science Center der National Oceanic and Atmospheric Administration, der Wetter- und Ozeanografiebehörde der USA. Zu jener Zeit erforschte Parsons als Studentin die Southern Residents und kannte jedes einzelne Tier. Im Lauf von sechs Jahren starb ein Fünftel der Herde, darunter auch Parsons’ Lieblingswal, J3. »Er hatte diese wirklich coole Rückenflosse«, sagt die Biologin. »Sie sah fast so aus, als wäre sie verkehrt herum angebracht.« Der starke Rückgang konnte nicht allein dadurch erklärt werden, dass Generationen an Walen in Gefangenschaft geraten waren. Was war mit den Southern Residents los?
Jahrtausendelang war es in der Salish Sea ruhig, heute ist sie eine der verkehrsreichsten Wasserstraßen Nordamerikas. Rund neun Millionen Menschen leben inzwischen im umliegenden Einzugsgebiet, weshalb reichlich Abwasser der Haushalte, der Industrie und der Landwirtschaft ins Meerwasser gelangt. Als Fachleute anfingen, den Rückgang der Southern Residents zu untersuchen, fanden sie in deren dicken Fettschicht eine Vielzahl giftiger Chemikalien: zum Beispiel polychlorierte Biphenyle (PCBs), polybromierte Diphenylether (PBDEs) und Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT). Solche Schadstoffe sammeln sich im Fleisch von Tieren auf jeder Stufe der Nahrungskette an. Je höher ein Lebewesen in dieser Hierarchie steht, desto konzentrierter liegen die Stoffe in ihm vor – und Orcas stehen ganz oben in der Kette.
Doch das kann nicht die ganze Geschichte sein. Denn benachbarte Orcagruppen, die weitgehend denselben Lebensraum teilen, sind nicht in vergleichbarem Maß zurückgegangen. Solche anderen Schwertwale, die als »Transients« bekannt sind, ernähren sich von Säugetieren, die in der Nahrungskette eine Stufe höher stehen als jene Fische, die von den »Residents« gefressen werden. Folgerichtig sammeln sie in ihrem Körper tendenziell noch mehr Schadstoffe an. Der entscheidende Unterschied war ein anderer: Die Transient-Orcas fanden reichlich zu fressen; die Southern Residents nicht.
Die bevorzugten Beutetiere der Transients, darunter Robben, Seelöwen und Schweinswale, haben sich seit dem Inkrafttreten des Marine Mammal Protection Act von 1972 – eines Gesetzes, das die Jagd auf diese Tiere verbietet – stark vermehrt. Die favorisierte Nahrung der Southern Residents, der Chinook-Lachs, ging hingegen seit den 1980er-Jahren deutlich zurück. Schuld daran ist eine Kombination aus verschiedenen Faktoren: Flussaufstauungen, Zerstörung ihres Lebensraums, Überfischung und Umweltverschmutzung. Acht Populationen des Chinook-Lachses wurden auf die Liste der gefährdeten und bedrohten Arten gesetzt, und 2005 kamen schließlich auch die Southern Resident Orcas dazu.
In früheren Studien konnte Deborah Giles zeigen, dass der fast permanente Lärm der Schiffe in und um die Salish Sea die Situation zusätzlich verschlimmert. Die jetähnlichen Laute der Motoren von Containerschiffen können kilometerweit hallen, und viele Bootsmotoren geben Geräusche in dem Frequenzbereich ab, den die Wale zur Kommunikation nutzen. 2008 war Giles bei der Entwicklung eines akustischen Geräts beteiligt, das man mit Saugnäpfen am Rücken der Orcas befestigt, um die Tiere bei der Jagd zu belauschen. Damit fand die Wissenschaftlerin heraus, dass die Weibchen in lauten Gewässern regelrecht zu sagen scheinen: »Scheiß drauf. Ich werde gar nicht erst versuchen, Futter zu suchen.« Die Männchen würden es zwar probieren. »Sie verfehlen aber ihr Ziel, weil der Schiffsverkehr zu laut ist und ihre Fähigkeit beeinträchtigt, sich mittels Echoortung zu orientieren und Beute zu finden«, erklärt Giles.
Die Northern Residents Orcas, die weiter nördlich leben, bieten eine weitere Vergleichsmöglichkeit: Ihre Zahl hat sich seit der Zeit, in der die Tiere für Aquarien gefangen wurden, verdoppelt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Northern Residents in ruhigeren, weniger verschmutzten Gewässern vor der Küste von British Columbia leben.
Heute gibt es noch 74 Southern Resident Orcas. Jahrzehntelange Forschungen haben folgende drei Faktoren als zentral für ihren Rückgang identifiziert: Umweltverschmutzung, Störungen durch Schiffe sowie Nahrungsmangel. Aber jede dieser Bedrohungen ist dynamisch und ein Universum für sich, mit unzähligen Variablen und unbekannten Faktoren.
Orcas in Sicht
Der Bootsmotor dröhnt; weiße Gischtspritzer prickeln auf meiner Haut, als wir uns dem nördlichen Rand der Haro-Straße nähern. Das Meer ist ruhig, geschützt durch bewaldete Inseln ringsherum. Ein riesiges Containerschiff kreuzt unseren Weg. Seine Abgase vermischen sich mit einem tief hängenden, gelbgrünen Dunst am sonst wolkenlosen Himmel. Dann, kurz nachdem wir die Wildwasserpassage hinter uns haben, ruft Jim Rappold: »Wale!« Ich drehe mich gerade noch rechtzeitig um, um einen Blick auf den riesigen schwarz-weißen Körper zu erhaschen, der sogleich wieder im Meer verschwindet. Giles lächelt – wir haben die Southern Residents gefunden.
Die Sichtungen sind zunächst rar und unvorhersehbar. Doch irgendwann ändert sich die Situation; plötzlich tauchen einige Dutzend Meter entfernt schwarze Rückenflossen (Finnen), weiße Schwanzflossen und schließlich U‑Boot-ähnliche Körper aus dem Wasser auf. Giles ruft ihrer Assistentin Aisha Rashid zu, welche Verhaltensweisen sie dokumentieren soll. »Spyhop!«, was so viel wie »Spionage-Sprung« bedeutet, ruft sie, als ein Wal seinen riesigen Kopf aus dem Wasser streckt und wieder untertaucht. »Tail slap«, also »Schwanzschlag!«, tönt es, als die Fluke eines Orcas aus dem Wasser ragt und dann auf die Wasseroberfläche schlägt.
Während sich unser Boot den Orcas nähert, holt Giles drei laminierte Blätter hinter dem Steuerrad hervor. Darauf sind Fotos von sanft gerundeten Rückenflossen zu sehen – Schnappschüsse von jedem einzelnen Individuum der Southern Residents. Giles achtet auf die Flossen und Sattelflecken, das sind weiße, individuelle Muster hinter der Finne. Auf diese Weise kann sie die gesehenen Tiere als Teil des J-Pods identifizieren. Allerdings erspähen wir nur eine Handvoll der insgesamt 27 Mitglieder. Das ist ungewöhnlich. Giles erzählt mir, dass sich die Pods in den letzten Jahren vermehrt aufgeteilt haben, vielleicht, um die knappe Nahrung effektiver zu nutzen.
»Baby-breach!«, ruft Giles, als ein für Orcaverhältnisse kleiner Körper aus der See schießt, bevor er einen weiten Bogen durch die Luft beschreibt und mit einem Bauchplatscher wieder aufs Wasser klatscht. Ein zweites, etwa eine Tonne schweres Jungtier folgt ihm. Mit etwas Glück haben wir die beiden Kälber der Southern Residents gefunden, die dieses Jahr überlebt haben. Zwei weitere haben es nicht geschafft.
Informationen im Kot
Am Bug des Boots beobachtet Rappold aufmerksam die Hündin Eba, deren Verhalten sich verändert: Ihr Körper wird steif, sie wird wachsamer und ihr sonst immer wedelnder Schwanz senkt sich nach unten. Sie lehnt sich über den Bug und streckt ihre Schnauze so nahe wie möglich an die Wasseroberfläche. In der Ferne springt ein Orca aus dem Meer, aber niemand beachtet ihn. Alle Augen sind jetzt auf Eba gerichtet – sie hat offenbar den Geruch von Orcakot wahrgenommen. »Lasst ihn uns finden!«, sagt Rappold und spornt Eba an.
Walkot zu sammeln, ist schwierig. Zunächst muss man natürlich die Tiere ausfindig machen. Dann muss einer der Meeressäuger Fäkalien ausscheiden, und schließlich gilt es, dieser habhaft zu werden, bevor sie absinken, von Möwen aufgegriffen werden oder in der rauen See zerfallen. Hier kommt Eba ins Spiel: Ihre feine Nase hilft Giles, den Kot aufzuspüren. Orcakot ist derartige Mühe wert, denn er ist ein regelrechter Datenschatz. Mit nur einem erbsengroßen Klumpen können Biologen mithilfe gentechnischer Methoden entschlüsseln, von welchem Orca die Probe stammt. Sie können dann den Gehalt an giftigen Chemikalien in diesem Individuum ermitteln und die Bakterien und Parasiten in seinem Mikrobiom katalogisieren.
Hormonanalysen zeigen zudem an, ob ein Exemplar trächtig ist. Erfolgreiche Schwangerschaften sind ein wichtiger Indikator für die Gesundheit der Population. Durch jahrelanges Sammeln solcher Daten kristallisiert sich ein Bild des Gesundheitszustands der Southern Residents heraus. Das hilft zu verstehen, wie sich die Kombination aus Umweltverschmutzung, Störungen durch Schiffe und Beutemangel auf die Körper der Orcas auswirkt. Die Analysen könnten sogar neue Bedrohungen aufdecken – etwa Schadstoffe oder gefährliche Bakterien – und außerdem Wale mit gesundheitlichen Problemen frühzeitig identifizieren.
Die Kotproben geben auch Aufschluss darüber, was Orcas fressen. Bis Anfang der 2000er-Jahre ließ sich die Nahrung der Wale nur bestimmen, indem man sie beim Jagen beobachtete oder die Mägen kurz zuvor verendeter Tiere aufschnitt. Kotproben sind in der Regel leichter zu beschaffen und liefern detailliertere Informationen.
Durch den Abgleich von DNA-Fragmenten in einer Probe mit einer Datenbank von Fischgenomen können Parsons und Van Cise genau ermitteln, welche Arten ein Individuum innerhalb der letzten 24 Stunden zu welchen Anteilen gefressen hat – zum Beispiel 60 Prozent Chinook-Lachs, 30 Prozent Ketalachs und 10 Prozent Heilbutt. Ihre Forschung hat gezeigt, dass die Southern Residents zwar hauptsächlich Chinook verspeisen, sich aber auch von verschiedenen anderen Fischen ernähren. Die Zusammensetzung schwankt dabei im Lauf des Jahres. Vor allem Keta- und Silberlachs spielen im Spätsommer und Frühherbst offenbar eine wichtigere Rolle als bisher angenommen. Es sind aber noch mehr Proben nötig, vor allem zwischen Oktober und April, um sich ein vollständigeres Bild machen zu können. Deborah Giles zufolge ist es sehr wichtig zu wissen, was, wo und wann die Wale fressen. Nur so ließe sich sicherstellen, dass die Tiere das ganze Jahr über genug Nahrung finden. Wenn zum Beispiel die Fischereimanager wüssten, dass die Southern Residents im November normalerweise viel Ketalachs im Puget Sound verspeisen, könnten sie theoretisch die Fangquoten anpassen, um den Bedürfnissen der Meeressäuger gerecht zu werden.
Eba winselt leise und bewegt sich in Richtung der rechten Seite des Bugs. Giles dreht das Boot etwas, um der Spur zu folgen. Als Eba wieder nach links umschwenkt, passt Giles erneut den Kurs an. Sie behält dieses Zickzackmuster bei, um im »Geruchskegel« der Exkremente zu bleiben. Mit jedem Durchgang kommen wir dem Ziel näher. Plötzlich wird Eba noch unruhiger. Sie stützt ihre Vorderpfoten auf den Bug und jault wie ein Kapuzineräffchen. Insgeheim frage ich mich, ob sie deshalb ihren Spitznamen »Fluffy Monkey« bekommen hat. Wir sind anscheinend ganz nahe dran. Giles verlangsamt das Boot, und Rappold sucht aufmerksam das Wasser ab. »Da, da, da!«, schreit Rappold. Er wirft eine Handvoll Frühstücksflocken ins Wasser, um zu markieren, was er gesehen hat. Giles dreht das Boot wieder um, lehnt sich über das Steuerrad und blinzelt ins grelle Licht. Eine Spur aus Bläschen treibt auf der schillernden Wasseroberfläche. »Nun, was denkst du?«, fragt Rappold Eba leise. Er wendet sich wieder Giles zu.
»Es ist echt komisch«, meint Giles. Sie sucht das Meer nach Anzeichen von Kot ab, kann aber nichts entdecken. Das Boot schaukelt träge, Wasser plätschert gegen den Rumpf. Der Außenbordmotor summt. Eba bellt. Die hoffnungsvolle, frenetische Energie von vor wenigen Augenblicken beginnt zu verblassen. Giles entscheidet, dass es nichts für uns zu sammeln gibt; wir sollen weiterfahren. Sie dreht das Boot um und steuert uns zurück zu den Orcas.
So wichtig andere Arten für die Ernährung der Southern Residents sein mögen – und so sehr Giles und ihre Kollegen daran interessiert sind, mehr über sie zu erfahren – , Chinook-Lachse machen immer noch den größten Teil ihrer Beute aus. Aber der Schutz der Fische ist enorm komplex. Es gibt Dutzende von Chinook-Populationen in Hunderten von Flüssen von Kalifornien bis Alaska, die allesamt mit jeweils einzigartigen Herausforderungen konfrontiert sind. Dazu zählen etwa unpassierbare Staudämme, Überfischung oder die Ausbreitung von Städten. Und an jedem Fluss und Nebenfluss sind viel Forschung, Zeit und Mühe notwendig, um zu zeigen, dass sich der Schutz des Chinooks lohnt – sowohl für die Art selbst als auch für die Wale.
Zu diesem Zweck arbeiten Parsons und Van Cise daran, noch mehr Informationen aus dem genetischen Durcheinander im Walkot herauszufiltern. Sie möchten verstehen, auf welche Lachsläufe die Southern Residents am stärksten angewiesen sind. »Wenn wir unser Management auf bestimmte Flüsse ausrichten könnten, würde das den Schutz der richtigen Populationen erleichtern«, sagt Van Cise. Mit ausreichender Finanzierung würden sie das Problem wahrscheinlich in den nächsten Jahren lösen. Doch angesichts des drastischen Rückgangs der Forschungsgelder im Jahr 2025 wird es womöglich nicht gelingen.
Trübe Aussichten für die Wissenschaft
Nur wenige Tage nach Donald Trumps Amtsantritt 2025 begann seine zweite Regierung, die US-amerikanischen Wissenschaftsbehörden auszuhöhlen. 2026 will sie diese Institutionen sogar noch weiter verkleinern. Die Regierung hat bereits Tausende von Forschungszuschüssen in Höhe von insgesamt mehreren Milliarden Dollar gestrichen. »Ich habe miterlebt, wie eine Finanzierungsquelle nach der anderen beendet wurde«, sagt Van Cise, die fast ausschließlich auf Mittel der NOAA, der National Science Foundation (NSF) und des Office of Naval Research angewiesen ist. Sie sagt, sie habe Glück, dass sie keine ihrer aktuellen Förderungen verloren habe, aber sie habe auch keine neuen erhalten – und ihre bestehenden Mittel gehen langsam zur Neige. Für sie ist es gerade eine entscheidende Zeit, weil sie als Nachwuchsforscherin dabei ist, sich in ihrem Fachgebiet zu etablieren. »Wenn die Finanzierung so bleibt wie bisher«, sagt Van Cise, »werde ich zusehen müssen, wie meine Karriere endet, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat.«
Im März 2025 beantragte Giles zusammen mit Partnern der San Diego Zoo Wildlife Alliance eine NSF-Förderung für ein dreijähriges Forschungsprojekt. Hierbei fliegen Drohnen durch die Fontänen von Orcas und sammeln Proben ihres Atems. Diese Herangehensweise eröffnet eine völlig neue Dimension, was die Untersuchung der Gesundheit und des Mikrobioms der Tiere anbelangt. Außerdem werden nun Infrarotkameras eingesetzt, mit denen sich feststellen lässt, ob die Wale an Krankheiten oder Verletzungen leiden. Beispielsweise können heiße Stellen auf Entzündungen hindeuten. Doch weniger als einen Monat, nachdem die Gruppe ihren Antrag eingereicht hatte, schickte die NSF ihn zurück – ungeöffnet. Giles erfuhr, dass es damals mehr als der Hälfte der NSF-Anträge so erging.
»Ich habe miterlebt, wie eine Finanzierungsquelle nach der anderen beendet wurde«Amy Van Cise, Biologin
Die NOAA spielt eine zentrale Rolle beim Schutz aller gefährdeten Meeresarten. Ihre Mitglieder betreiben Forschung, ermitteln kritische Lebensräume, erstellen Pläne zu deren Schutz und Wiederherstellung und arbeiten dabei mit Bundesstaaten, indigenen Stämmen und anderen Nationen zusammen. 2025 hat die Trump-Regierung die Behörde durch Entlassungen, Vorruhestandsregelungen und ein Programm zur bezahlten Freistellung um mehr als 2000 Mitarbeiter verkleinert. Eine dieser Mitarbeiterinnen war Lynne Barre, die seit zwei Jahrzehnten als Koordinatorin für die Erholung der Southern-Resident-Population zuständig war. Barre hatte nicht vor, mit 55 Jahren in den Ruhestand zu gehen, aber angesichts der Massenentlassungen von Mitarbeitern in der Probezeit, der eingefrorenen Budgets, »der Unsicherheit und des Chaos« erschien es ihr als die beste Option.
Das Northwest Fisheries Science Center und das West Coast Regional Office – wo der Großteil der Arbeit der NOAA im Zusammenhang mit den Southern Residents stattfindet – haben 2025 fast 30 Prozent ihrer Mitarbeiter verloren, darunter viele Forscherinnen und Forscher mit jahrzehntelanger Erfahrung. »Das ist ein schwerer Schlag für unsere Belegschaft«, sagt Barre.
Wie geht es nun weiter mit den Southern Residents? Alle Wissenschaftler, mit denen ich gesprochen habe, sind sich einig: Die Southern Residents haben keine Zeit zu verlieren. »Es ist eine kritische Phase«, sagt Parsons. »Die Population befindet sich schon lange auf diesem vergleichsweise niedrigen Niveau, und das ist kein gutes Zeichen.«
»Die Population befindet sich schon lange auf diesem vergleichsweisen niedrigen Niveau, und das ist kein gutes Zeichen«Kim Parsons, Biologin
Im Jahr 2025 erließ der Bundesstaat Washington eine neue Verordnung, nach der Schiffe einen Mindestabstand von 1000 Metern zu den Orcas einhalten müssen (aus dieser Entfernung sieht eine Walflosse kleiner aus als ein Sesamkorn). Ziel ist es, die Echoortung der Southern Residents nicht durch den Lärm der Bootsmotoren zu stören, um ihnen das Jagen zu erleichtern. Van Cise erzählt, dass es jahrelange Forschungsarbeit gebraucht habe, um die Maßnahme durchzusetzen, und es wiederum Jahre – und weitere Forschung – dauern werde, bis klar wird, welche Auswirkungen sie hat. Dasselbe gelte für jegliche Maßnahmen, die die Gesundheit oder Ernährung der Wale betreffen. »Ohne eine solide wissenschaftliche Grundlage können wir keine guten Entscheidungen treffen«, sagt sie. Und bei einer so kleinen Gruppe von Walen bleibt kaum Spielraum zwischen Erholung und jenem Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt vom Weg in den Untergang.
Gegen Ende unserer Begegnung mit den Southern Residents schwimmen ein Muttertier und ihr Kalb direkt auf unser Boot zu. Ihre glänzenden schwarzen Körper tauchen etwa alle zehn Meter rhythmisch aus dem Wasser auf. Giles stellt den Motor ab, und wir werden alle still – außer Eba, die jault und winselt. Die Delfine tauchen nur wenige Meter entfernt mit tiefen Seufzern auf. Das Kalb tummelt sich an der Oberfläche, dreht seinen weißen Bauch zum Himmel und reibt sich am Rücken seiner Mutter. Es rollt sich auf die Seite und schlägt mit einer kleinen Brustflosse aus dem Wasser. Als seine Mutter wieder abtaucht und beginnt, von uns wegzuschwimmen, folgt es ihr.
Giles sammelt an diesem Tag keine Kotproben. Als die Orcas bei Sonnenuntergang nach Süden schwimmen, machen wir uns auf den Weg zur San Juan Island. Für den Rest der Woche werden keine Mitglieder der Southern Residents mehr gesichtet.
An meinem letzten Abend mit Giles besuchen wir den Ort, an dem die Einheimischen früher im Sommer fast jeden Tag Orcas sehen konnten: den Lime Kiln Point State Park. Er liegt auf der Westseite der Insel und beherbergt einen stattlichen weißen Leuchtturm, einen Imbisswagen und jenen Platz, den wir ansteuern – den Orca Whale Watching Point. Hier hat Giles 1987 zum ersten Mal Orcas gesehen. Sie führt uns zu einem zerklüfteten Felsvorsprung am Rand des Ozeans und blickt aufs Meer, wo Büschel aus Seetang in der Brandung schaukeln. »Ich erinnere mich, wie ich auf den Ozean hinausschaute und alle Southern Residents hier waren«, sagt Giles. »Sie suchen genau dort, direkt vor dem Algenwald, nach Nahrung.« Unter dem dunklen, zerklüfteten Wasser vor uns fällt der Meeresboden auf fast 300 Meter ab – der tiefste Kanal der San Juan Islands. Einst war es ein besonderer Ort, an dem sich Menschen und Orcas nur wenige Meter voneinander entfernt versammelten.
»Seit vier Jahrzehnten kenne ich diese Wale und habe miterlebt, wie sich ihre Population nicht erholen konnte«, sagt Giles, während sie ein Foto von sich selbst als 18-Jährige anschaut. Darauf kniet sie auf demselben Felsen, hinter ihr ein Orca, der mitten im Sprung verewigt wurde. »Ich werde einfach weiter versuchen, herauszufinden, wie ich ihnen helfen kann, damit wir wieder jeden Tag springende Wale direkt vor Lime Kiln sehen können.«
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