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Modellierung organisierter Kriminalität: Ein Mathematiker bekämpft Mexikos Drogenkartelle

Rafael Prieto-Curiel entwickelt mathematische Modelle, um gegen organisierte Kriminalität vorzugehen. Seine Simulationen helfen herauszufinden, welche politische Maßnahmen sich lohnen – und welche nicht.
Eine Person sitzt im Freien vor einem historischen Gebäude mit weißen Wänden und großen Fenstern. Im Hintergrund sind üppige grüne Bäume zu sehen. Die Person trägt ein hellblaues Hemd und schaut in die Kamera. Die Szene wirkt ruhig und sonnig.
Der mexikanische Mathematiker analysiert den Einflussbereich der Kartelle und mögliche Maßnahmen gegen die organisierte Kriminalität.

Im Jahr 2023 veröffentlichte der Mathematiker Rafael Prieto-Curiel eine Studie, die in seinem Heimatland Mexiko für Aufsehen sorgte. Er und seine Kollegen hatten ein Modell entwickelt, um das Ausmaß der Macht von mexikanischen Drogenkartellen zu erfassen. Daraus ging hervor, dass rund 175 000 Menschen in diesen Organisationen arbeiten. Das macht die Kartelle zum fünftgrößten Arbeitgeber des Landes.

Als einer der wenigen Versuche, die organisierte Kriminalität des Landes zu quantifizieren, wurde die Studie von Diplomaten und Forschenden gleichermaßen gelobt – zog jedoch den Zorn von Andrés Manuel López Obrador, dem damaligen mexikanischen Präsidenten, auf sich. Während einer Pressekonferenz im September desselben Jahres sagte López Obrador, die Ergebnisse seien falsch. Der damalige Präsident legte jedoch keine Beweise vor, um seine Behauptung zu stützen.

Heute nutzt Prieto-Curiel ähnliche Methoden bei seiner Arbeit am Complexity Science Hub, einem unabhängigen Forschungsinstitut in Wien, um das organisierte Verbrechen zu verstehen und zu bekämpfen. Die Gegenreaktionen politischer Führer sind nicht seine einzige Sorge – im Hinterkopf hat er stets die Drohungen und möglichen Übergriffe von den Kartellen. Mit solch einer Angst sind nur wenige Mathematiker während ihrer Karriere konfrontiert. Doch Prieto-Curiel ist entschlossen, seine Fähigkeiten zum Wohl der Gesellschaft einzusetzen: »Ich tue es aus Liebe zur Wissenschaft und aus Liebe zu meinem Land.«

Städte mit Gleichungen sicherer machen

Seit Jahrzehnten sind die schattenhaften Kartelle eine allgegenwärtige Macht in Mexiko. Es wird angenommen, dass der Handel mit illegalen Drogen wie Heroin, Kokain und Fentanyl den Großteil ihres Geldflusses ausmacht. Ihr Einfluss reicht aber auch in andere Branchen hinein, indem sie lokalen Unternehmen, von Landwirten bis hin zu Bekleidungshändlern, Schutzgeld abverlangen. Allein im Jahr 2023 beliefen sich diese Erpressungen laut dem mexikanischen Arbeitgeberverband (Coparmex) in Mexiko-Stadt auf rund 1,3 Milliarden US-Dollar.

Mexikos Kartelle sind zudem die Hauptursache für die anhaltende Gewalt im Land, die seit mehr als zehn Jahren zunimmt. So stieg die Zahl der Tötungsdelikte laut dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung von rund 23 000 im Jahr 2013 auf über 32 000 im Jahr 2023, ein Anstieg um rund 40 Prozent. Die Folgen sind weitreichend: In den Vereinigten Staaten – dem größten Markt der Kartelle – starben im Jahr 2023 rund 100 000 Menschen an einer Überdosis, etwa doppelt so viele wie noch vor einem Jahrzehnt. Illegale Drogen sind für den Großteil dieser Todesfälle verantwortlich.

Die Bekämpfung von Kriminalität stand nicht immer auf Prieto-Curiels Wunschliste. Nach seinem Abschluss in Angewandter Mathematik am Autonomen Technologischen Institut von Mexiko im Jahr 2009 arbeitete Prieto-Curiel zunächst als Analyst bei einer Finanzberatungsfirma. »Ich war sehr glücklich, weil ich Turnschuhe zur Arbeit tragen konnte, leger gekleidet war und viel darüber lernte, wie man Daten aufbereitet«, sagt Prieto-Curiel. Aber er wollte etwas Sinnvolleres tun, als die Reichen noch reicher zu machen. Also kündigte er seinen Job nach nur sieben Monaten, sehr zum Leidwesen seiner Mutter, wie er sagt.

Bald darauf fand er sich bei einem Vorstellungsgespräch für eine Stelle im neu gegründeten Zentrum für Notfallmaßnahmen und Bürgerschutz in Mexiko-Stadt wieder, das 2015 in C5 CDMX umbenannt wurde: die Schaltzentrale des Videoüberwachungsprogramms der Stadt. Das war ein starker Kontrast zur glamourösen Welt der Finanzen. Für den Job musste Prieto-Curiel seinen eigenen Laptop und Stuhl mitbringen, und es wurde erwartet, dass er lange Arbeitszeiten in Kauf nahm, darunter auch an manchen Wochenenden. Doch ihn trieb der Gedanke an, mit Mathematik seine Heimatstadt sicherer zu machen.

Mexikanische Zeitungen |

Im Februar 2026 tötete die mexikanische Armee den Führer des JNGC-Kartells, Nemesio Oseguera Cervantes, auch bekannt als »El Mencho«.

Im Februar 2010 begann Prieto-Curiel als stellvertretender Leiter der Statistikabteilung. Im Juni wurde er zum Leiter der strategischen Analyse befördert, eine Position, die er drei Jahre lang innehatte. Zu seinen Aufgaben gehörten die Zusammenarbeit mit der Polizei und die Erstellung von Modellen, um die Kriminalität in Mexiko-Stadt zu untersuchen.

Prieto-Curiels mathematisches Interesse erwies sich als besonders wertvoller Gewinn für das Videoüberwachungsprogramm der Stadt, resümiert sein ehemaliger Chef Alejandro Herrera Bonilla. Damals waren rund 8000 Sicherheitskameras in 80 000 Wohnblöcken installiert – doch nur ein paar Dutzend Polizeibeamte überwachten die Kameras. Das erschwerte es enorm, Kriminelle in der riesigen Stadt zu fassen, sagt Herrera Bonilla.

Um dieses Problem anzugehen, entwickelten Prieto-Curiel und sein Team ein Modell auf Grundlage von Strafregistern. Es enthielt Daten wie die Art des Verbrechens, die Straße, in der es begangen wurde, und den Zeitpunkt des Vorfalls. Mit diesen Informationen konnte das Modell vorhersagen, wo und wann am wahrscheinlichsten bestimmte Verbrechen stattfinden würden. Dadurch musste jeder Mitarbeiter nur noch etwa fünf Bildschirme statt eines Dutzends überwachen. »Zu Beginn des Programms haben wir jeden Tag einen Straftäter gefasst«, bilanziert Herrera. »Nach einem Jahr waren es 120 pro Tag.«

»Die Stelle wurde zum Job meines Lebens«, sagt Prieto-Curiel. Doch er wollte mehr über Statistik und andere mathematische Strategien lernen, um Kriminalität zu bekämpfen. Im Jahr 2014 wandte er sich an Steven Bishop, einen Mathematiker am University College London, um bei ihm eine Doktorarbeit zu schreiben. »Er war definitiv jemand, der Ideen hatte«, sagt Bishop über seinen ehemaligen Studenten.

Eine dieser Ideen war, nicht nur die Kriminalität zu modellieren, sondern auch die Angst der Menschen davor. Mehr als die Hälfte der Mexikanerinnen und Mexikaner stuft Kriminalität und Gewalt als die größte Sicherheitsbedrohung in ihrem Alltag ein – laut einem im Mai 2025 veröffentlichten Bericht des australischen Institute for Economics and Peace (IEP) ist dies die dritthöchste Quote weltweit.

2017 entwickelten Prieto-Curiel und Bishop ein mathematisches Modell, um jene Faktoren vorherzusagen, welche die Sicherheitswahrnehmung der Menschen prägen. Wie ihre Ergebnisse zeigten, ist die Angst vor Kriminalität ansteckend. Oft reichen schon wenige Vorfälle an einem Ort aus, damit sich Menschen sorgen – selbst wenn sie in relativ sicheren Gegenden leben. Das Modell zeigte auch, dass ein Rückgang der tatsächlichen Kriminalität kaum etwas an der Wahrnehmung der Menschen ändert.

Die Blackbox der Kartelle knacken

In den vergangenen zehn Jahren hat die mexikanische Regierung verschiedene Strategien ausprobiert, um die organisierte Kriminalität zu schwächen: vom gezielten Vorgehen gegen Drogenbarone bis hin zu Investitionen in Sozialprogramme, die Menschen davon abhalten sollen, sich kriminellen Banden anzuschließen. Insgesamt gibt Mexiko jährlich fast zehn Milliarden US-Dollar für Sicherheit und rund neun Milliarden für Sozialprogramme aus. Doch diese Ansätze haben bisher kaum den Einfluss der Kartelle gemindert. Die organisierte Kriminalität ist weiterhin eine der Hauptursachen für extreme Gewalt, wie der IEP-Bericht feststellt.

Im Februar 2022 wurden 17 Menschen bei einer Totenwache in San José de Gracia erschossen. Die Stadt befindet sich im Bundesstaat Michoacán, der seit Langem von gewalttätigen Revierkämpfen zwischen Kartellen heimgesucht wird. Der damalige Präsident López Obrador beschrieb das Ereignis in den Medien als »Abrechnung« zwischen Kartellen. Laut ihm sei die Gewalt in Mexiko hauptsächlich dadurch getrieben, dass sich Kartellmitglieder gegenseitig umbringen, nicht aber Zivilisten. Wäre dies wahr, hätte sich ihre Größe im Laufe der Jahre verringern müssen, statt zuzunehmen, sagt Prieto-Curiel. Der Anstieg deute darauf hin, dass etwas anderes vor sich gehe. »Das war der Moment, an dem mir klar wurde, dass unsere Sichtweise auf Kartelle falsch ist.«

Die Erforschung von Kartellen ist bekanntermaßen schwierig – laut Prieto-Curiel sind sie wie eine Blackbox. Deswegen nutzten er und seine Kollegen öffentliche Daten zu Tötungsdelikten, Haftstrafen und vermissten Personen aus den vergangenen zehn Jahren, um ein mathematisches Modell zu den Aktivitäten von Kartellen zu erstellen. Damit simulierten sie die Wirksamkeit von verschiedenen politischen Maßnahmen, etwa der Verfolgung von Kartellmitgliedern sowie Präventionsmaßnahmen.

Laut dem Modell war die Anzahl der Kartellmitglieder von 115 000 im Jahr 2012 auf 175 000 im Jahr 2022 gestiegen. Das entspricht etwa der Zahl aller Gefängnisinsassen Mexikos in jenem Jahr. Gleichzeitig waren die Kartelle im Jahr 2022 der fünftgrößte Arbeitgeber des Landes. Etwa ein Drittel aller aktiven Kartellmitglieder gehören laut dem Modell den drei mächtigsten Organisationen an: Jalisco Nueva Generación (CJNG), Sinaloa (CDS) und Nueva Familia Michoacana.

Allein im Jahr 2021 haben die Kartelle laut dem Modell rund 19 300 Menschen rekrutiert und 12 200 Mitglieder durch Konflikte und Inhaftierungen verloren. Dabei müssen sie wöchentlich zwischen 350 und 370 Mitglieder gewinnen, um den Zusammenbruch ihrer Organisationen zu verhindern, sagt Prieto-Curiel.

Als die Forschenden verschiedene Zukunftsszenarien untersuchten, zeichnete sich ein düsteres Bild ab. Würde die Regierung ihre derzeitigen Strategien zur Bekämpfung der Kartelle nicht ändern, gäbe es bis 2027 etwa 40 Prozent mehr Opfer, und die Kartelle würden um 26 Prozent anwachsen. Selbst eine Verdopplung der Inhaftierungen würde weiterhin zu einem Anstieg der Gewalt führen. »Dieses Ergebnis ist eines der düstersten, das ich in meiner Forschungskarriere je erhalten habe«, sagt er.

Schwer bewaffnet |

Zwei Polizisten stehen im Februar 2026 vor etlichen Postern mit vermissten Personen.

Doch Prieto-Curiels Modellierung zeigt auch, was die Gewalt der Kartelle eindämmen könnte. Gäbe es eine Möglichkeit, die Rekrutierung neuer Mitglieder zu unterbinden, würde dies bis 2027 die Zahl der Opfer um ein Viertel senken und die Größe der Kartelle um elf Prozent reduzieren. Demnach könnten Präventionsmaßnahmen deutlich wirksamer sein, als sich ausschließlich auf Inhaftierungen zu konzentrieren, erwartet Prieto-Curiel.

In einer im Juli 2025 veröffentlichten Arbeit führten Prieto-Curiel und sein Team ihren Ansatz einen Schritt weiter und modellierten verschiedene Szenarien, um zu untersuchen, wo man Ressourcen am besten einsetzen sollte. Wie sie feststellten, verursacht allein das CJNG-Kartell jährliche Kosten von 19 Milliarden US-Dollar – mehr als doppelt so viel wie die Investitionen des Landes in Wissenschaft und Technologie im Jahr 2023. Ein Großteil davon steht im Zusammenhang mit den durch das Kartell verursachten Schäden und Tötungsdelikten. Gleichzeitig fließen nur sechs Prozent der 19 Milliarden Dollar in das Sicherheitsbudget. Behält das Land die derzeitigen Budgets für Sozial- und Sicherheitsprogramme bei, könnten die Kartellmorde laut dem Modell innerhalb eines Jahrzehnts um 15 Prozent steigen und über 30 Jahre hinweg mehr als 800 Milliarden Dollar kosten.

Würde man hingegen das gesamte Sicherheitsbudget in Sozialprogramme stecken, könnte die Anzahl der Rekrutierungen um sechs Prozent sinken, aber die Inhaftierungsrate würde auf null heruntergehen. Umgekehrt würde die Streichung von Sozialprogrammen und eine ausschließliche Konzentration auf Inhaftierungen die Rekrutierungsrate um mehr als ein Viertel erhöhen. Prieto-Curiels Berechnungen legen damit nahe, dass das Land deutlich mehr investieren muss, um die Gewalt zu reduzieren.

Auch wenn die Arbeit »ehrgeizig und technisch ausgefeilt« ist, hat sie ihre Grenzen, sagt der Kriminologe Francesco Calderoni von der Katholischen Universität in Mailand. Oft beruhen solche Modelle auf Annahmen, die ein stark vereinfachtes Bild der Realität zeichnen. Zudem seien konkrete Strategien zur Verringerung der Rekrutierung durch Kartelle leichter vorgeschlagen als umgesetzt, da das erhebliches politisches Engagement und Ressourcen erfordere. »Die Schwierigkeit liegt nicht darin, die Prioritäten zu erkennen, sondern sie in die Praxis zu übertragen«, sagt Calderoni.

Werkzeuge für den Frieden

Seit ihrem Amtsantritt als mexikanische Präsidentin im Oktober 2024 verfolgt die ehemalige Energie- und Klimawissenschaftlerin Claudia Sheinbaum einen harten Kurs gegen die Kartelle. Am 22. Februar 2026 führte die Regierung eine Operation durch, bei der der Anführer des CJNG, Nemesio Oseguera Cervantes, alias »El Mencho«, in der Stadt Tapalpa getötet wurde. Das löste eine Welle der Gewalt im ganzen Land aus. Zwischen Oktober 2024 und Dezember 2025 hat Sheinbaums Regierung nach eigenen Angaben fast 1900 Drogenlabore zerschlagen, mehr als 300 Tonnen illegale Drogen beschlagnahmt und rund 21 000 Schusswaffen sichergestellt. Es wurden fast 40 000 Menschen festgenommen, wobei unklar ist, wie viele davon vor Gericht gestellt oder verurteilt wurden.

Im Dezember 2025 gab die Regierung bekannt, dass die durchschnittliche Zahl der täglichen Morde seit Sheinbaums Amtsantritt um 37 Prozent gesunken sei. Prieto-Curiel warnt jedoch, dass die Zahl der Vermissten gestiegen ist. Das deute darauf hin, dass viele Morde wahrscheinlich noch nicht aufgedeckt wurden. Auch die Ermordung von Politikern sei ein besorgniserregender anhaltender Trend, fügt er hinzu. Im November 2025 beispielsweise wurde Carlos Manzo Rodríguez, der Bürgermeister von Uruapan im Bundesstaat Michoacán, von einem Teenager erschossen, der Berichten zufolge Mitglied des CJNG war. Manzo ist einer von zehn Bürgermeistern, die im Jahr 2025 ermordet wurden.

»Wir sind nicht dazu verdammt, gewalttätig zu sein«Rafael Prieto-Curiel, Mathematiker

Prieto-Curiel hat seine Erkenntnisse inzwischen Botschafterinnen und Botschaftern aus mehr als zwölf Ländern in Lateinamerika und anderen Regionen vorgestellt. Er arbeitet zudem mit den Vereinten Nationen und der Interamerikanischen Entwicklungsbank zusammen, um herauszufinden, wie sich seine Forschungsergebnisse in politische Maßnahmen umsetzen lassen.

Auch wenn die Idee, mathematische Modelle zu nutzen, um Strategien zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität zu verstehen und zu entwickeln, noch in den Kinderschuhen steckt, hält Prieto-Curiel sie für entscheidend, um Mexiko und Lateinamerika für alle sicherer zu machen. »Wir sind nicht dazu verdammt, gewalttätig zu sein«, sagt er. »Wir können in einer friedlichen Gesellschaft leben, und wir können das schaffen – wenn wir nur die richtigen Werkzeuge haben.«

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  • Quellen

Prieto-Curiel, R. et al., Science 10.1126/science.adh2888, 2023

Prieto-Curiel, R. et al., arXiv 10.48550/arXiv.2508.06509, 2025

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