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Osmanisches Elitekorps: Der Untergang der Janitscharen

Vor 200 Jahren zerschlug Sultan Mahmud II. das berühmte Korps der Janitscharen. Die anfangs zwangsrekrutierte, mächtige Elitetruppe war für das Osmanische Reich zur Belastung geworden.
Eine historische Szene zeigt eine Gruppe von Menschen in traditioneller Kleidung vor einem Gebäude mit Säulen. Im Vordergrund sind mehrere Personen in lebhaften Gesprächen oder Handlungen vertieft. Im Hintergrund sind weitere Figuren und architektonische Details zu sehen. Die Szene vermittelt eine Atmosphäre von Aktivität und kultureller Bedeutung.
Immer wieder riefen die Janitscharen zum Aufstand – und installierten einen Sultan ihrer Wahl. So auch 1730. Doch als die Rebellen mehr Macht forderten, ließ sie der neue Sultan überwältigen. Das Bild von Jean Baptiste Vanmour zeigt das Ereignis.

Am Abend des 14. Juni 1826 herrschte Aufruhr in Istanbul. Lautstark zogen Janitscharen durch das Regierungsviertel der Hauptstadt des Osmanischen Reichs. Sie suchten nach hohen Staatsbeamten, um sie wegen der offenbar bevorstehenden Auflösung ihrer Truppe zur Rede zu stellen – oder gleich zu töten. Seit Wochen hatten sich die Anzeichen verdichtet, dass Sultan Mahmud II. entschlossen war, seine angekündigte Heeresreform tatsächlich durchzuziehen und das traditionsreiche Korps in ein neues, nach westlichem Vorbild gedrilltes Heer einzugliedern.

Nun hieß es, der Herrscher wolle die Reform bereits am nächsten Tag offiziell verkünden und damit das Ende des Elitekorps besiegeln. Die Soldaten würden in das neue Heer überführt werden und – der Gipfel der Unverfrorenheit – in Zukunft Uniformen nach europäischem Vorbild tragen müssen. Nachdem die aufgebrachten Soldaten bis zum späten Abend durch die Altstadt gestreift waren, ohne jemanden aus der Führungsriege des Landes anzutreffen, setzten sie einige Amtsgebäude in Brand und kehrten in ihre Kasernen zurück. Man wollte den nächsten Tag abwarten und dachte wohl, das Korps sei immer noch stark und einflussreich genug, um auch diese Reform zu verhindern.

Der Janitscharenverband hatte sich seit seiner Gründung im 14. Jahrhundert zu einem bedeutenden Machtzentrum im Osmanischen Reich entwickelt. Die Männer waren gewohnt, ihren Willen durchzusetzen – wenn nötig mit Gewalt. Gut zwei Jahrhunderte zuvor, 1622, hatten die Janitscharen mit Osman II. (1604–1622) erstmals einen reformfreudigen Herrscher gestürzt, erdrosselt und durch einen gefügigeren ersetzt. Seither hatten sie in rund einem Dutzend großer Aufstände vier weitere Sultane sowie mehr als 20 Wesire um Thron oder Amt gebracht – und nicht wenige davon auch ums Leben.

Die Rebellionen waren nicht immer gegen Heeresreformen gerichtet, meist ging es um mehr Sold. Doch bekam es keinem Sultan gut, eine Erneuerung des Heeres anzustreben. Es waren noch keine 20 Jahre vergangen, seit die selbstbewusste Truppe 1807 Mahmuds Vorvorgänger Selim III. gestürzt hatte, der ebenfalls seine Armee nach westlichem Vorbild umbauen wollte. Das Korps würde auch Mahmud die Grenzen seiner Macht aufzeigen.

Mahmud II. |

Der Maler Wilhelm Heinrich Schlesinger porträtierte 1837 den osmanischen Sultan zu Pferd. Gut zehn Jahre nach dem letzten Aufstand der Janitscharen.

Niederschlagung eines Aufstands

Doch der amtierende Sultan hatte aus den Fehlern seiner Vorgänger gelernt und sich auf die Konfrontation vorbereitet. Während die Janitscharen seit 1821 – vergeblich – damit beschäftigt waren, einen Aufstand in Griechenland niederzuschlagen, hatte der Sultan in Istanbul loyale Truppen zusammengezogen, sie von europäischen Offizieren trainieren und mit modernen Waffen, insbesondere Artillerie, ausrüsten lassen.

Als sich am Morgen des 15. Juni 1826 die Janitscharen vor den Kasernen sammelten, um dort den Aufstand durch ein traditionelles Zeichen, das demonstrative Umwerfen ihrer Feldkessel, zu beginnen, wurden sie von loyalen Einheiten in ihre Quartiere zurückgedrängt. Die Truppen nahmen die Holzgebäude unter Artilleriebeschuss; die Bauten gerieten in Brand, und tausende Soldaten kamen qualvoll in den Flammen ums Leben. Innerhalb weniger Stunden war jeder Widerstand gebrochen, und noch am selben Abend war das jahrhundertealte Korps tatsächlich Geschichte.

Kinder wurden zwangsrekrutiert

Entstanden war es gegen Ende des 14. Jahrhunderts als »neue Einheit«, zu Türkisch »yeniçeri« – Janitscharen. Die aus zwangsrekrutierten und -islamisierten Christen zusammengesetzte Truppe gehörte zu den sogenannten Sklaven der Pforte, den »kapıkulu« des Sultans. Die bestens ausgerüsteten Fußsoldaten dienten zunächst als Leibregiment und waren dem Herrscher persönlich verpflichtet. Als sich die Dynastie der Osmanen im folgenden Jahrhundert als Großmacht etablieren konnte und ihr Herrschaftsgebiet mit einer Reihe von Eroberungen rasant ausdehnte, wuchs das Korps mit dem Reich – zu dessen Expansion es seinerseits stetig beitrug. Bestand die Truppe anfangs aus vermutlich 1000 Mann, befehligte Süleyman I. (1494/96–1566) bereits rund 15 000 Janitscharen; zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte ihre Zahl 100 000 überschritten.

Der Nachwuchs wurde lange Zeit vor allem durch die »Knabenlese« rekrutiert, bei der christliche Jungen aus unterworfenen Provinzen in den Dienst des osmanischen Herrschers gezwungen wurden. Alle ein bis fünf Jahre erschienen hauptsächlich auf dem Balkan Offiziere in den Dörfern, ließen alle männlichen Kinder und Jugendlichen antreten und wählten nach Aussehen, körperlicher Verfassung und Intelligenz geeignete Kandidaten aus. Familien mit nur einem Sohn sowie Juden und Roma waren ausgenommen. Auch Städte wurden ausgespart. Im Schnitt traf es etwa jeden 40. Haushalt einer betroffenen Provinz. Schätzungen zufolge wurden auf diese Weise jährlich zwischen 1000 und 12 000 Jungen ihren Familien entrissen – je nachdem, wie hoch der Bedarf an Soldaten gerade war.

Anführer |

Das Bild aus der Werkstatt des Jean Baptiste Vanmour zeigt einen Oberbefehlshaber der Janitscharen. Das Gemälde entstand in der Zeit, als der flämisch-französische Maler in Istanbul weilte – von etwa 1700 bis zu seinem Tod 1737.

Die Kinder wurden in kleinen Gruppen nach Istanbul gebracht und dort erneut gemustert und selektiert. Ein kleiner Teil kam in den Palastdienst, während die Mehrheit für einige Jahre an anatolische Bauernfamilien gegeben wurde, bei denen sie Sprache, Kultur und den islamischen Glauben verinnerlichen sollte. Erst danach folgte die militärische Ausbildung. Die Elitetruppe zeichnete sich durch einen ausgeprägten Korpsgeist und strenge Verhaltensregeln aus. Der gesamte Lebensstil war militärisch geregelt und auf Disziplin, Gehorsam und Gemeinschaft ausgerichtet. Sie lebten kaserniert und unterlagen einer asketischen Ordnung. So war es Janitscharen verboten, Alkohol zu trinken oder zu fluchen, auch durften sie keinen Handel treiben und erst nach ihrer Dienstzeit, meist mit Mitte 40, eine Familie gründen.

Was der Dienst bei den Janitscharen brachte

Der Charakter der Truppe, die im 15. und 16. Jahrhundert zu den schlagkräftigsten Infanterieverbänden der Welt gehörte, begann sich mit der Zeit allerdings grundlegend zu verändern. Zwar waren die Janitscharen formal Sklaven des Sultans, doch brachte der Dienst im Korps auch Privilegien mit sich. Die Männer erhielten regelmäßig Sold, Steuervergünstigungen und soziale Absicherung – Vorteile, die im Osmanischen Reich nicht selbstverständlich waren.

Ab dem späten 16. Jahrhundert drängten daher zunehmend muslimische Familien darauf, ihre Söhne in das Korps zu bringen. Ende des 17. Jahrhunderts wurde die Knabenlese schließlich eingestellt. Auch viele der strengen Regeln wurden schrittweise aufgeweicht. Janitscharen durften nun heiraten, Familien gründen und Handel treiben. Viele eröffneten Werkstätten oder Geschäfte, vor allem in Istanbul, wo das Korps tief in das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der Stadt hineingewachsen war. Manche Angehörige der Truppe erschienen kaum noch zum militärischen Dienst, bezogen jedoch weiterhin Sold. Andere ließen ihre Namen gegen Bezahlung in die Register eintragen, obwohl sie nie eine Waffe getragen hatten.

Gleichzeitig verschlechterte sich die militärische Leistungsfähigkeit des Verbands – immer häufiger gingen Schlachten und Kriege verloren. Während europäische Armeen ihre Ausbildung, Bewaffnung und Organisation modernisierten, hielten die Janitscharen lange an traditionellen Strukturen fest. Für viele von ihnen galten Reformen nicht nur als Bedrohung ihrer militärischen Stellung, sondern auch ihrer wirtschaftlichen Interessen und gesellschaftlichen Privilegien. Immer wieder gelang es ihnen, Veränderungen zu blockieren.

Gerade in Istanbul verfügten die Janitscharen über enge Kontakte zur Stadtbevölkerung, insbesondere zu Händlern und Handwerkern. Ihre Kasernen waren daher nicht nur militärische Einrichtungen, sondern auch Zentren sozialer Netzwerke und politischer Mobilisierung. Wenn die Truppe rebellierte, blieb das selten auf die Armee beschränkt. Oft griffen Unruhen rasch auf Teile der Hauptstadt über.

Der letzte Aufstand der Janitscharen

Im Frühjahr 1826 war der Ruf der einstigen Eliteeinheit jedoch mehr als angeschlagen. Zumal sie die Rebellion in Griechenland auch nach fünf Jahren nicht unter Kontrolle gebracht hatte. Zuletzt musste der Sultan den Statthalter von Ägypten, Muhammad Ali Pascha (1769–1849), zur Hilfe rufen, dem mit seinen Truppen gelang, wozu die Janitscharen offenbar nicht mehr in der Lage waren: einen militärischen Sieg zu erringen.

Janitschar |

Der Soldat trägt die typische Kopfbedeckung der Janitscharen, den »keçe«. Sie bestand aus verschiedenen Textilien. Charakteristisch ist der lang über den Rücken fallende weiße Filz, nach dem die Haube benannt ist. Im Lauf des 18. Jahrhunderts wurde der »keçe« durch einen Turban ersetzt.

Als ihr eigener Aufstand gescheitert war, ging es sehr schnell. Bereits am 17. Juni 1826 ließ Sultan Mahmud II. nach dem Mittagsgebet in der Sultan-Ahmed-Moschee, der Blauen Moschee, die Auflösung des Korps verkünden. Ganz in der Nähe hatte in den zwei Tagen zuvor der Großwesir persönlich die Verhöre von rund 200 dem Feuer entkommenen Janitscharen geleitet und diese anschließend in einem Keller unter dem Gotteshaus hinrichten lassen. Nun wurden ihre Leichen auf dem Platz vor der Moschee zur Schau gestellt.

Die Botschaft war klar: Das Janitscharenkorps sei zu einer korrupten Institution verkommen, zu einer Bande gesetzloser Schurken, die nicht mehr in der Lage war, das Reich vor den Feinden des Islam zu schützen, schreibt der Historiker Mehmet Sunar von der Istanbul Medeniyet Universität. Vielmehr noch: Der Verband terrorisiere den Staat und seine Untertanen. »Somit war die Aufhebung der Truppe ein entscheidender Dienst sowohl für die osmanische Gesellschaft als auch für den Staat«, erläutert Sunar die damals offizielle Sichtweise. »Jeder, der mit ihrer Sache sympathisierte oder ihre Abschaffung kritisierte, musste wahrscheinlich mit einer ähnlichen Strafe rechnen.«

Der Sultan ließ sein brutales Vorgehen als »wohltätiges Ereignis« (Vak’a-i Hayriye) feiern, als welches es auch in die offizielle osmanische Geschichtsschreibung einging. Und nicht nur in diese.

Prozession |

Truppen der Janitscharen marschieren in einer Prozession, die den Leichnam Sultan Süleymans I. (abgebildet auf einer weiteren Seite) 1566 von Ungarn zurück nach Istanbul bringt. Die Malerei ziert ein Manuskript aus dem Jahr 1579.

War das Korps tatsächlich unfähig?

Lange Zeit erzählten Historiker (auch im Westen) die Geschichte der Janitscharen vor allem als Niedergang: Hier die reformwilligen Sultane, dort eine zunehmend korrupte und rückständige Truppe, die jede Modernisierung des Reichs sabotierte. Mittlerweile betrachten Fachleute diese Darstellung differenzierter. Der Historiker Cemal Kafadar von der Harvard University weist darauf hin, dass die Janitscharen keineswegs bloß eine militärische Kaste gewesen seien. Vielmehr waren sie fest in die osmanische Gesellschaft eingebunden und hätten sich parallel zu den sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen im Reich gewandelt. Dass sie sich Reformen widersetzten, lag demnach nicht allein an Starrsinn oder Rückständigkeit, sondern auch daran, dass die geplanten Neuerungen tief in ihre bestehenden Machtverhältnisse eingegriffen hätten.

Tatsächlich war das Janitscharenkorps über Jahrhunderte hinweg weit mehr als nur eine militärische Elitetruppe. Es war ein politischer Machtfaktor. Zudem ermöglichte es gesellschaftlichen Aufstieg und bot ein wirtschaftliches Netzwerk. Gerade diese Vielschichtigkeit machte es für die osmanischen Sultane zunehmend unkontrollierbar. Mahmud II. zog daraus die radikalste Konsequenz.

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  • Quellen
  • Kafadar, C., International Journal of Turkish Studies 13, 2007
  • Schweizer, G., Die Janitscharen, 1984
  • Sunar, M. M., Kocaeli Üniversitesi Sosyal Bilimler Dergisi 17, 2009
  • Yildiz, A. et al. (Hg.), Payitaht Yeniçerileri. Padişahın »Asi« Kulları 1700–1826, 2022

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