Wirksamkeits-Check: Hilft Osteopathie bei Kreuzschmerzen?

Wer Rückenschmerzen hat, will vor allem eines: dass sie verschwinden. Doch gerade bei den häufigsten Formen findet die Medizin oft keine körperliche Ursache; das macht die Behandlung schwierig. Die Osteopathie verspricht Hilfe – aber erfüllt sie die Erwartung auch? Genau das untersucht der jetzt veröffentlichte Evidenzbericht des IGeL-Monitors.
Chronische oder wiederkehrende Schmerzen im unteren Rücken sind sehr verbreitet und können verschiedenste körperliche Ursachen wie Bandscheibenvorfälle, Brüche, Entzündungen und vieles mehr haben. Bei etwa 85 von 100 Personen detektieren die Untersuchungen einschließlich bildgebender Methoden allerdings keine krankhafte Veränderung, die die Schmerzen erklären könnte.
Reale Rückenschmerzen, unklare Ursache
Ärzte sprechen dann meist von verspannten Muskeln oder blockierten Wirbelgelenken – die offizielle Diagnose lautet dagegen »unspezifische Rückenschmerzen«. Die Schmerzen sind real, doch ihre Ursache lässt sich eben nicht eindeutig festlegen. Als Auslöser gelten Überlastung (schweres Heben), Fehlhaltung oder eine schwache Rumpfmuskulatur. Auch Daueranspannung und psychischer Stress bis hin zu Depressionen begünstigen Kreuzschmerzen. Es handelt sich vermutlich oft um ein Zusammenspiel von biologischen und psychologischen Faktoren, die auch durch soziale Umstände beeinflusst werden können.
Erkennt der Radiologe keine organische Ursache, mag das erst einmal beruhigen. Auf Dauer macht es die Schmerzen jedoch nicht unbedingt erträglicher, insbesondere, wenn sie chronisch werden (länger als zwölf Wochen anhalten) oder immer wiederkehren. Auf der Suche nach einer wirksamen Behandlung setzen inzwischen viele Schmerzgeplagte auf »Osteopathie«. Wörtlich übersetzt würde der Begriff »Knochenkrankheit« bedeuten, was ziemlich irreführend wäre. Gemeint ist eine alternativmedizinische oder komplementäre Behandlungsmethode, die sich keineswegs nur auf die Knochen fokussiert. Sie geht ursprünglich auf den US-amerikanischen Chirurgen Andrew Taylor Still (1828–1917) zurück, der das Vertrauen in die kruden medizinischen Praktiken seiner Zeit verloren hatte.
Die Ursprünge der Osteopathie
Still formulierte seine Ideen im Jahr 1874 und gründete 1892 die erste Schule für Osteopathie in Kirksville, Missouri. Der Arzt betrachtete Krankheiten des Körpers bereits im Zusammenspiel mit Seele und Geist. Heute ist uns diese ganzheitliche Denkweise sehr geläufig, damals war sie zumindest in der westlichen Medizin aber ungewöhnlich.
In Deutschland verbreitete sich die Osteopathie erst ab dem Ende der 1980er-Jahre. Sie gilt derzeit als individuelle Gesundheitsleistung (Abkürzung: IGeL): Die Kosten – pro Sitzung zwischen 80 und 150 Euro – übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht oder zumindest nicht ganz: Aufgrund der großen Nachfrage vergeben viele Kassen inzwischen Zuschüsse, um Mitglieder zu gewinnen oder zu halten. Denn die Osteopathie ist beliebt und gehört mit Platz 9 zu den häufigsten in Anspruch genommenen Selbstzahlerleistungen.
Eine osteopathische Behandlung zielt darauf ab, die Selbstheilungskräfte durch gezielte Handgriffe des Therapeuten zu unterstützen. Muskeln sollen etwa gedehnt, Gelenke in eine günstigere Position gebracht und so strukturelle Ungleichgewichte behandelt werden, die zu den Schmerzen und zu Stauungen bis hin zu Verdauungsproblemen beitragen könnten. Die Osteopathie geht davon aus, dass sich alle Körperstrukturen und -funktionen gegenseitig beeinflussen, und behandelt mit ihren diversen manuellen Techniken explizit nicht nur die Knochen, sondern auch die Muskeln, Faszien, inneren Organe und das Nervensystem. Das unterscheidet die Osteopathie von der Chiropraktik, die etwas später unabhängig davon entstand und sich auf die Wirbelsäule konzentriert. Anders als in der Physiotherapie muss sich der Patient oder die Patientin während einer osteopathischen Behandlung in der Regel nicht aktiv bewegen.
Osteopathie in Deutschland
Osteopathen hierzulande gehen bei der Behandlung vermutlich meist »handwerklicher« vor als ihre Kollegen im Ursprungsland USA, bei denen es sich immer um medizinisch voll ausgebildete Ärzte handelt. In Deutschland dagegen ist (anders als etwa in Frankreich oder Finnland) die Berufsbezeichnung »Osteopath« nicht geschützt – im Prinzip kann sich also jeder Osteopath nennen. Praktizieren darf Osteopathie aber nur, wer eine heilkundliche Erlaubnis als Heilpraktiker oder Arzt hat. Zudem darf Letzterer die Behandlung an Physiotherapeuten per ärztlicher Verordnung delegieren.
Die Praktizierenden haben in der Regel eine mehrjährige Zusatzausbildung durchlaufen. Diese kann sich wiederum je nach Ausbilder recht unterschiedlich gestalten. Im Bemühen, einen einheitlichen Standard zu etablieren, führt der »Verband der Osteopathen Deutschland« deshalb Listen mit Therapeuten, die bestimmte Qualitätskriterien erfüllen.
Das Fazit des IGeL-Monitors zum Nutzen und Schaden
Aber wirkt Osteopathie nun – oder nicht? Der Evidenzbericht des IGeL-Monitors des Medizinischen Dienstes Bund dürfte bei vielen Patienten und Osteopathen Enttäuschung auslösen: Er bewertet den Nutzen der Osteopathie als »unklar«, und das nicht zum ersten Mal: Das gleiche Urteil hatte er nämlich bereits 2018 gefällt. Demnach zeigen die dieses Mal ausgewerteten Studien wiederum keinen überzeugenden Nutzen der Osteopathie bei unspezifischen Kreuzschmerzen.
Für ihre Analyse sichtete das wissenschaftliche Team des IGeL-Monitors rund 260 Arbeiten und stufte drei Metaanalysen sowie zwei Einzelstudien als relevant ein. Als »Leitreview« diente eine 2021 publizierte Studie aus Italien, die ihrerseits zehn Einzelstudien umfasste.
Das etwas detailliertere Fazit des IGeL-Monitors: Insgesamt weise die Studienlage bei chronischen unspezifischen Rückenschmerzen bei Erwachsenen auf mögliche Vorteile der Osteopathie hinsichtlich Schmerzreduktion und körperlicher Funktionalität hin. Das Leitreview und etliche andere einbezogene Studien hatten eine statistisch signifikante Verringerung des Schmerzes gefunden. Ein Hinweis auf einen Nutzen, so der Evidenzbericht, lasse sich bei chronischen Beschwerden daraus trotzdem nicht ableiten. Der Grund: Die »Evidenzqualität« sei niedrig bis sehr niedrig, es fehle also die geforderte Aussagekraft. Die Studien in Metaanalysen seien zu heterogen, viele seien zu klein oder differenzierten nicht zwischen akuten und chronischen unspezifischen Kreuzschmerzen, zudem sei das Vorgehen der Therapeuten zu unterschiedlich (was allerdings in der Natur einer ganzheitlichen Behandlung liegt). Zudem müsse man bedenken, dass Studien, die keinen Effekt finden, seltener publiziert werden.
Ähnliches gilt für Hinweise auf einen möglichen Schaden. Auch hier lasse sich nichts ableiten, denn dieser wurde nur in einem Teil der Studien überhaupt und dort auch nicht adäquat erhoben.
Der IGeL-Monitor selbst hat die Osteopathie bislang nur für unspezifische Kreuzschmerzen systematisch bewertet. Konkret geplant sei eine Bewertung für weitere Anwendungsgebiete momentan nicht, sagt die Pressestelle auf Nachfrage, man schließe es aber für die Zukunft nicht aus. Für diverse Indikationen existieren bereits Metaanalysen; einen klaren klinischen Nutzen oder Mehrwert gegenüber konservativen Methoden zeigen sie aber bisher kaum.
Was andere dazu sagen – Stellungnahmen
Deutlich kritischer als der IGeL-Evidenzbericht bewertet Daniel Belavy, Professor im Studienbereich Physiotherapie an der Hochschule Bochum, die Datenlage in einer Stellungnahme gegenüber dem Science Media Center. Das Fazit sei wegen des gewählten Leitreviews sogar noch zu positiv ausgefallen.
Seiner Ansicht nach ist bereits belegt, dass die Osteopathie im Vergleich zur Scheinbehandlung im besten Fall einen kleinen, klinisch nicht bedeutsamen Effekt hat. Laut ihm sollten Menschen Osteopathie zwar weiterhin nutzen können, wenn sie diese komplett aus eigener Tasche bezahlen möchten, dabei aber nicht von den Krankenkassen unterstützt werden: »Wir brauchen nicht mehr ineffektive Behandlungen im deutschen Gesundheitssystem, sondern weniger. Und wir benötigen eigentlich auch keine weiteren Studien.«
Das sieht der Neurowissenschaftler David Hohenschurz-Schmidt vom Imperial College London anders. Er findet den Monitor-Bericht eher etwas zu kritisch: »Ein Mangel an belastbaren Belegen ist nicht gleichbedeutend mit einem Beleg für fehlende Wirksamkeit«, oder anders gesagt: Ein Nichtbeweis ist kein Gegenbeweis. Immerhin lieferten die beiden größten und methodisch stärksten Studien zu diesem Thema durchaus Hinweise auf Vorteile osteopathischer Behandlungen hinsichtlich körperlicher Einschränkungen von Menschen mit Rückenschmerzen. Die Einstufung des IGeL-Monitors als »unklar« sei zwar wissenschaftlich vertretbar, »sie stellt jedoch eher eine vorsichtige Interpretation der verfügbaren Evidenz dar«, so der Schmerzforscher, der ebenfalls zum Thema publiziert hat. Hohenschurz-Schmidt, der selbst ausgebildeter Osteopath ist, merkt aber an: »Für viele der speziell in der Osteopathie gelehrten Erklärungsmodelle und Techniken fehlt eine überzeugende wissenschaftliche Grundlage.«
Die bewerteten Studien schlossen verschiedenste Techniken ein, die den Fokus auf den Bewegungsapparat, die inneren Organe sowie ihre Verankerungen oder den Schädel legen. Betrachtet wurden die Besserung von Schmerzen, der Funktion (etwa der Beweglichkeit) und der Begleitsymptome wie Angst oder Schlafproblemen. Die Kontrollgruppen hatten entweder gar keine Behandlung, eine Scheinbehandlung oder eine konservative Therapie erhalten, zum Beispiel eine Physio- oder Bewegungstherapie.
Wie behandeln Osteopathen?
Eine Sitzung beim Osteopathen dauert bis zu eine Stunde und beginnt in der Regel mit einem ausführlichen Gespräch. Sowohl die Diagnose als auch eine Behandlung erfolgen ausschließlich durch Abtasten, Erspüren und sanften Druck – Palpation genannt. Dadurch sollen laut osteopathischer Lehre (energetische) Blockaden und Verspannungen der Knochen, Muskeln sowie Organe ertastet und anschließend gelöst werden. Zudem sollen osteopathische Behandlungen die Selbstheilungskräfte des Patienten aktivieren.
Man unterscheidet drei Formen der Osteopathie:
- Die parietale Osteopathie konzentriert sich auf Muskeln, Bindegewebe und das Skelett. Sie ist der manuellen Therapie am nächsten, die ausgebildete Physiotherapeuten durchführen.
- Bei der viszeralen Osteopathie gehen die Behandelnden davon aus, dass innere Organe und umgebendes Gewebe in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind und durch »Verschieben« wieder mobilisiert werden müssen. Helfen soll diese osteopathische Anwendung beispielsweise bei Lungen-, Nieren- und Gebärmutterleiden. Für diese Annahme fehlt jedoch medizinische Evidenz.
- Die kraniosakrale Osteopathie basiert auf der Annahme, dass Schwingungen im Körper – besonders im Gehirn und am Rückenmark – aus dem Takt geraten und wieder »harmonisiert« werden müssen. Eingesetzt wird diese Form etwa bei Kopfschmerzen, Migräne oder verspanntem Kiefer, je nach Anbieter aber auch bei Atemwegserkrankungen, Herz-Kreislauf-Beschwerden und Schlafstörungen. Beweise für die Existenz solcher Schwingungen fehlen.
entnommen aus März, S.: Heilende Hände oder Hokuspokus?
Ist mehr Forschung zur Wirksamkeit von Osteopathie nötig?
Im Gegensatz zu Belavy plädiert Hohenschurz-Schmidt wie die Autoren des IGeL-Berichts für eine Fortführung der Wirksamkeitsforschung, die unter bestimmten Bedingungen ablaufen: »Nur placebokontrollierte Studien können untersuchen, ob es die der Osteopathie eigenen therapeutischen Komponenten und Techniken sind, die zum Effekt beitragen – oder ob dieser eher der sorgenvollen Aufmerksamkeit von Therapeutinnen und Therapeuten sowie der positiven Erwartung von Patientinnen und Patienten zu verdanken ist.«
Der Placeboeffekt macht eine Behandlung nicht sinnlos – so sieht es Lucia Gassner vom Austrian Institute for Health Technology Assessment in Wien, die ebenfalls zur Wirksamkeit und Sicherheit von Osteopathie geforscht hat. Zuwendung, therapeutische Beziehung und Erwartungseffekte hätten für Patienten und Patientinnen ja einen realen Nutzen.
Letztlich könnte man wohl sagen: Viele Menschen schwören auf osteopathische Behandlungen, auch wenn die Techniken an sich anderen etablierten Behandlungsmethoden möglicherweise nicht überlegen sind. Vielleicht profitieren sie stärker von der ganzheitlichen Herangehensweise, der intensiven therapeutischen Begleitung sowie dem unmittelbaren Körperkontakt, der für manuelle Behandlungen typisch ist.
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