Direkt zum Inhalt

Mittelalter: Ottos Tod - Des Kaisers Ermordung

Am 7. Mai 973 erlag Otto I. einer plötzlichen Fiebererkrankung. Angeblich, denn es gibt gute Gründe, am natürlichen Tod des Kaisers zu zweifeln.
Ottos Tod

Auf der Suche nach Helden und Vorbildern für den deutschen Nationalstaat wurden die Gelehrten des 19. Jahrhunderts im frühen Mittelalter gleich doppelt fündig: bei Kaiser Otto I. und seinem angeblich loyalen Vasallen Hermann Billung, der als Prototyp eines Fürsten in unerschütterlicher deutscher Mannes- und Gefolgschaftstreue seinem Kaiser gedient habe. Beide schienen in idealer Weise Wesen und Mission des Deutschtums zu verkörpern – der Sachsenherzog, der seinen Herrn während dessen langer Abwesenheit in Italien uneigennützig vertreten und sich als Verteidiger der Grenzmark gegen die heidnischen Slawen bewährt hatte; und der Liudolfinger, der die Reichsgründung seines Vaters mit der Erlangung der Kaiserwürde zum krönenden Abschluss gebracht, den Vorrang des deutschen Reichs in Europa begründet und es vor dem Ansturm "asiatischer Horden" gerettet hatte. Dies ist aber allenfalls die halbe Wahrheit. Wie uns die Schriftquellen aus jener Zeit lehren, hatte sich in den Jahren vor 973 das Verhältnis von Otto und Hermann derart verschlechtert, dass der eine womöglich nicht vor der Ermordung des anderen zurückschreckte.

Kostenloses Probeheft
Dieser Artikel stammt aus epoc 3/2012
Kostenloses Probeheft | Blättern Sie jetzt schon durch die aktuelle Ausgabe und sichern Sie sich Ihr kostenloses Probeheft!

Denn es gab einen Makel auf der weißen Weste des Billungers: Wie der Chronist Thietmar von Merseburg (975 – 1018) berichtet, empfing der Magdeburger Erzbischof Adalbert am Palmsonntag 972 Hermann Billung mit königlichen Ehren und unter Glockengeläut im kerzengeschmückten Magdeburger Dom. In der königlichen Pfalz hatte der Herzog dann den Platz des Kaisers an der Tafel und sogar dessen Schlafgemach in Beschlag genommen. Adalbert ließ damit Hermann Ehrungen zuteilwerden, die ihm als Statthalter Ottos nicht zustanden. Davon wollten die Historiker des 19. Jahrhunderts jedoch nichts wissen. Spannungen in den Beziehungen zwischen Kaiser und Herzog seien zwar unverkennbar. Auf dem Quedlinburger Hoftag von 973, als beide wieder aufeinandertrafen, hätten sie aber keine Rolle mehr gespielt.

Zuvor war Otto, alarmiert durch Gerüchte über einen Aufstand in Sachsen, im Sommer 972 vorzeitig aus Italien nach Deutschland zurückgekehrt. Nicht einmal der Erwähnung wert seien diese Gerüchte, fügt sein Zeitgenosse, der sächsische Geschichtsschreiber Widukind von Corvey, hinzu. Seine Strategie ist durchsichtig. Die "Gerüchte" waren offenbar wichtig, sonst hätte er sie gar nicht erwähnen müssen. Doch er verharmlost sie, um Kritik an seiner Person vorzubeugen, und verschweigt überdies die hochbrisante Magdeburger Affäre.

Eine plausible Antwort auf die Frage, welche Ziele Hermann und Adalbert verfolgten und wie der in aller Öffentlichkeit aufgebrochene Konflikt gelöst wurde, blieben Historiker bislang schuldig. Der Vorfall war alles andere als eine belanglose Angelegenheit, sondern eine Herausforderung des Herrschers in seiner Abwesenheit. Hermanns Machtposition hatte sich während Ottos langen Italienaufenthalts zu der einer Art Vizekönig in Sachsen entwickelt. Sein Vorgehen konnte von den Zeitgenossen nur als ein Akt der Auflehnung verstanden werden. Offenbar ging es darum auszuloten, ob genügend Rückhalt bei den Großen für eine Neuordnung der Machtverhältnisse zu finden sei. Es stellte sich aber heraus, dass dies nicht der Fall war. Man musste zurückrudern.

Ottos Tod
Ottos Tod | An Pfingsten 973 begann Otto I. plötzlich zu fiebern, so der Chronist Widukind von Corvey. Wenig später bat der Kaiser um die heiligen Sakramente – und verstarb (Holzschnitt aus dem 19. Jahrhundert).

Die Magdeburger Ereignisse waren eine Reaktion auf die langjährige Abwesenheit des regierenden Herrschers im Reichsgebiet nördlich der Alpen. Sie waren Ausdruck der bei Widukind sichtbaren und unter den sächsischen Großen verbreiteten Skepsis gegenüber dem römischen Kaisertum und der Italienpolitik Ottos. Ihres Erachtens entfremdete er sich damit von seinen Stammlanden. Es gab aber auch aktuellen Anlass zu handeln: Ottos Brautwerbung am Hof von Byzanz um eine "Porphyrogenita", eine purpurgeborene Kaisertochter, für den zum Mitkaiser gekrönten Sohn Otto II.

Die Gefahr aus Byzanz

Schlimm genug, dass Otto eine Braut aus sächsischem Adel offenbar nicht mehr als standesgemäß ansah. Dass er sich nun ausgerechnet beim oströmischen Kaiser, der einen Anspruch auf Oberhoheit über den Rest der Welt erhob, um eine Schwiegertochter bemühte, schien auf eine mögliche Fremdbestimmung Sachsens zuzusteuern. Hochgebildete und arrogante Byzantiner aus dem Gefolge der Braut mochten in Zukunft am Hof den Ton angeben – ja der byzantinische Kaiser selbst vielleicht politischen Einfluss auf das junge Herrscherpaar ausüben. Außerdem erschien Theophano in der Heiratsurkunde als Teilhaberin an der Reichsgewalt. Womöglich würde sie zu allem Überfluss auch noch Mitkaiserin werden, im schlimmsten Fall sogar die Alleinherrschaft erringen. Ottos Herrschaft hatte nachhaltig ihren geografischen Schwerpunkt verlagert. Der Versuch, Italien zu erobern, die Erlangung der Kaiserkrone, die Verwicklung in die römischen und italischen Verhältnisse drohten die früheren Stammlande der Ottonen in eine Randlage und die dortigen Magnaten ins Abseits zu verdrängen. Die Sachsen schienen nicht mehr das führende Reichsvolk zu sein.

Bisher haben Mediävisten kaum beachtet, wie reserviert Widukind von der Eheschließung berichtet. Er beschreibt sogar einen fingierten völkerrechtswidrigen Überraschungsangriff der Byzantiner auf eine Heeresabteilung, die Otto I. zur Einholung der Braut abgesandt hatte. Von den Vätern ererbte Hinterlist würde hier zum Tragen kommen. Nur durch sie, nicht durch Tapferkeit hätten die Byzantiner die Weltherrschaft erlangt. Mit Befriedigung schildert er sodann die erfolgreichen militärischen Gegenmaßnahmen der kampferprobten Heerführer Ottos gegen die leichtsinnigen und vor Übermut siegestrunkenen Griechen – und berichtet von der Übersendung verstümmelter Gefangener zum Kaiser nach Byzanz. Untreue, Übermut, Hinterlist und Heimtücke sind die Eigenschaften der Griechen. Der Rückgriff auf uralte Klischees, mit denen bereits antike Autoren feindliche »Barbaren« diffamierten, ist unverkennbar. Außerdem weckt Widukind Zweifel an der hohen Abstammung der griechischen Braut. Theophano war zwar nicht die erwünschte "Porphyrogenita", aber sie konnte einen durchaus respektablen Stammbaum vorweisen. Davon kein Wort bei Widukind. Stattdessen unmittelbar anschließend die überschwängliche Würdigung des Reichsverwesers Erzbischof Wilhelm von Mainz, dessen Mutter "obwohl von einer Ausländerin (einer erbeuteten Slawin!), doch aus adliger Familie stammte". So erscheint die Bemühung Ottos um eine und erst recht um diese Byzantinerin als Braut für seinen Sohn in denkbar schlechtem Licht. Wenn jetzt noch der Kaiser sterben sollte, so drohte die Machtübernahme durch seinen jungen Sohn, der längst dem sächsischen Adel und Sachsen entfremdet war, und dessen ausländische Gemahlin.

Hermann bangt um seine Stellung

Selbst Hermann Billung hatte als "vom König eingesetzter Herzog" Grund, nun um seine Position zu fürchten. Sie beruhte nicht auf eigener dynastischer Tradition, sondern alle Ansprüche mussten bei einem Herrscherwechsel erneut bestätigt werden. Die Alarmglocken dürften demnach auch bei ihm geschrillt haben. Andererseits gab es gute Gründe, sich stark zu fühlen. Seit Jahren hatte er seine Machtstellung in Sachsen ausgebaut und in mehreren Situationen sogar dem fernen Otto erfolgreich die Stirn geboten und sich behauptet. Er verfügte über Rückhalt im sächsischen Adel, zumal seine schärfsten Konkurrenten in den Jahren zuvor gestorben waren. Warum sollte Hermann Billung also dabei zusehen, wie ein Jüngling ohne militärische Bewährung und Regierungserfahrung, verheiratet mit einer Fremden und wenig Rückhalt in Sachsen, ihn womöglich um die Früchte jahrelanger Mühen brachte? Hermanns Empfang 972 in Magdeburg eine Woche vor der geplanten Vermählung Ottos II. mit Theophano war die Reaktion auf das Scheitern seiner Bemühungen, die Heiratsverbindung mit Byzanz abzuwenden. Das Geschehnis in der Elbestadt richtete sich gegen den Nachfolgeanspruch des Kaisersohns. Otto I. musste von den Nachrichten, die aus Magdeburg zu ihm drangen, aufs Höchste alarmiert sein.

Ausdrückliche Hinweise auf Gegenmaßnahmen Ottos oder eine Versöhnung sucht man in den schriftlichen Quellen vergebens. Stattdessen stößt man etwa bei Thietmar von Merseburg auf eine lapidare Notiz zum Hoftag von Quedlinburg: "Herzog Hermann aber starb damals dortselbst und trübte die Freude des Kaisers." Dem zeitgenössischen Leser mussten Zweifel kommen. Noch ungewöhnlicher ist die Position der Todesnachricht bei Widukind. Er bringt sie nicht im Zusammenhang mit dem Bericht über den Hoftag, wo sie hingehört, sondern als Nachtrag, wenn er auf die traurige Stimmung zu sprechen kommt, die auf der Weiterreise Ottos I. nach Memleben geherrscht habe. Nichts erfahren wir über die näheren Todesumstände des damals wichtigsten Manns im Reich nach dem Kaiser, nichts über die unmittelbare Reaktion Ottos, nichts über Trauerfeierlichkeiten. Otto musste im Lauf seiner langen Regierungszeit schon bittere Erfahrungen mit Angriffen aus seiner eigenen Familie machen. Hermann Billung, auf dessen Loyalität er vertraut hatte, verdankte dem Kaiser viel, wenn nicht alles.

Dessen älterer Bruder Wichmann erhob einst Ansprüche auf die Würde eines Heerführers. Statt ihm übertrug Otto sie Hermann. Einen schweren Aufstand des sächsischen Adels und immer neue Erhebungen Wichmanns musste er wegen dieser Entscheidung überstehen. Und nun hatte sein Schützling möglicherweise die Abwesenheit seines Förderers missbraucht, um ihm in den Rücken zu fallen und eigene Herrschaftsansprüche geltend zu machen.

Wäre aber eine Versöhnung gar nicht möglich gewesen? Die gültigen Normen boten zwei Alternativen: Entweder hätte Otto seinen untreuen Vasallen wegen Auflehnung gegen den Kaiser vor Gericht stellen und ihn hinrichten oder in ein Kloster einweisen lassen können. Oder er hätte bei einem Einlenken Hermanns eine öffentliche Unterwerfung fordern und ihn unter Auflagen wieder in seine Huld aufnehmen können. Beides drohte aber angesichts der starken Machtposition des Billungers Konsequenzen bis zu einem erneuten Aufstand nach sich zu ziehen. Womöglich verwarf Otto beide Ideen. Viel mehr noch: Er ließ sich auffällig lange Zeit, aus Rom von der Kaiserkrönung seines Sohns heimzukehren, und stellte dadurch demonstrativ seine Überlegenheit zur Schau. Im Juli 972 war er von Mailand aus aufgebrochen, rasch über die Alpen gezogen und bereits Mitte August in der Abtei Sankt Gallen eingetroffen. Dort verweilte er länger. Vermutlich wollte er Hermann Gelegenheit geben, ihm entgegenzuziehen, sich öffentlich zu unterwerfen und seine Gnade zu erflehen. Dann hätte es vielleicht zu einer gütlichen Beilegung des Konflikts kommen können.

Aber Hermann tat nichts dergleichen. Für September hatte Otto dann eine Synode nach Ingelheim einberufen. Von Hermann Billung verlautete weiterhin nichts. Den Winter verbrachte der Kaiser im Rheingau. Erst im Frühjahr 973 machte er sich erneut auf und traf planmäßig zu Palmsonntag in Magdeburg ein, wo er nun von seinen Gemächern zeremoniell Besitz nahm, um deren Entweihung durch Hermann ungeschehen zu machen. Von dort zog er zu dem glänzenden Reichstag in Quedlinburg, wo das Osterfest begangen und das jungvermählte Thronfolgerpaar den Großen des Reichs, den Gesandten und Fürsten aus aller Herren Länder sowie den Gesandten des Papstes präsentiert werden sollte. Otto I. schien auf einem Höhepunkt seiner Macht zu sein. Eine Unterwerfung und Begnadigung des Billungers hätte am ehesten in Magdeburg, spätestens jedoch in Quedlinburg und auf jeden Fall vor dem Osterfest stattfinden müssen. Dann wäre durch die gemeinsame Teilnahme am Ostergottesdienst die Versöhnung öffentlich und in feierlicher Form erfolgt. Die Quellen schweigen sich allerdings über eine Beteiligung Hermanns aus. Auch in Quedlinburg kam es nicht zur Klärung der Beziehungen. Ein Modell, an dem sich Otto I. hätte orientieren können, war 941 die Niederschlagung des Komplotts, das sein Bruder Heinrich gegen ihn geplant hatte. Damals war er noch vor Ostern von den Plänen der Verschwörer in Kenntnis gesetzt worden, hatte im Stillen die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen getroffen, aber unbeirrt und wie vorgesehen das Osterfest gefeiert. Sobald jedoch die heiligen Tage verstrichen waren, hatte er die Verschwörer verhaften und unverzüglich hinrichten lassen. Erfolgte auch diesmal die Bestrafung des Judas unmittelbar nach dem Tag des Herrn? Wenn ja, müsste sie im engsten Kreis geplant und streng geheim gehalten worden sein. Es bot sich an, einen natürlichen Tod vorzutäuschen – am ehesten mit Gift.

Kein anderer Ausweg als Gewalt?

Die letzte Chance einer friedlichen Beilegung war ungenutzt geblieben. Da eine öffentliche Austragung des Konflikts angesichts der Machtverhältnisse zu riskant erschien und eine Schonung des untreuen Vasallen weder ratsam noch mit den gekränkten Gefühlen des Kaisers vereinbar war, könnte Otto entschieden haben, den Gegner mit Gewalt zu beseitigen. Die Vorteile lagen auf der Hand: Solange dem Kaiser die Urheberschaft am Tod seines Vasallen nicht nachzuweisen war, brauchte er nicht mit weiterem Widerstand von dessen Anhängern zu rechnen. Der plötzliche Tod eines Mannes, der sich königliche Rechte angemaßt hatte, mochte überdies als Gottesurteil erscheinen. Wenn Hermann wirklich, wie die offizielle Version lautete und Historiker bis heute einhellig glauben, noch auf dem Hoftag vier Tage nach Ostern, am 27. März 973, eines natürlichen Todes gestorben sein sollte, wäre Otto ein merkwürdiger Zufall zu Hilfe gekommen.

Kurz nach dem triumphalen Hoftag von Quedlinburg, am 7. Mai 973, starb auch Otto in Memleben eines plötzlichen Todes. Dem Bericht unseres wichtigsten Gewährsmanns Widukind sind die Forscher bisher kritiklos gefolgt. Nur über die Todesursache, die Widukind verschweigt, hat man gerätselt. Vergleicht man seinen Bericht vom Ableben Ottos mit anderen Sterbeszenen in der antiken und frühmittelalterlichen Geschichtsschreibung, insbesondere mit seinen eigenen Darstellungen vom Tod Heinrichs I. und dessen Frau Mathilde, so springt als Erstes ins Auge, wie knapp das Ganze geraten ist. Hier liegt kein Glanzstück literarischer Virtuosität vor, sondern geradezu ein ärztliches Bulletin.

Ohne jede Vorankündigung kommt das Ende. Keine Träume, Visionen, Vorzeichen, die bei dem römischen Schriftsteller Sueton selten fehlen und in der Karlsvita des fränkischen Gelehrten Einhart so breiten Raum einnehmen. Und die bisherige Erklärung aus heutiger Sicht? Ohne jeglichen Anhaltspunkt in den Schriftquellen behaupteten zahlreiche Historiker, der Kaiser habe sich schon bei der Ankunft in Memleben schwach gefühlt oder gar Todesahnungen gehabt. Nicht so Widukind. Exakt, nüchtern und mit für mittelalterliche Verhältnisse ungewöhnlich präzisen Zeitangaben ist bei ihm der ganze letzte Tag des Kaisers beschrieben – ohne besondere Vorkommnisse, ohne die Erwähnung von Krankheitszeichen. Heiter gestimmt sei er zur Tafel gekommen und habe die Hauptmahlzeit eingenommen. Während des anschließenden Vespergottesdiensts in der Pfalzkapelle, genau während des Magnifikat, setzen die Symptome schlagartig ein. Der Kaiser fiebert, man setzt ihn auf einen Sessel. Er neigt sein Haupt, scheint schon tot. Man richtet ihn nochmals auf und spendet ihm auf seine Bitte hin die letzten Sakramente. Nur wenig später stirbt er. Ohne zu klagen, nimmt er willig sein Schicksal an und überantwortet seine Seele vereint mit dem liturgischen Gesang der Liebe des Schöpfers, so Widukind. Erst jetzt, nach Eintritt des Todes, wird er in sein Schlafgemach gebracht. So schnell war alles vonstattengegangen.

Keine Trauer um den Kaiser

Obgleich Ottos Gemahlin Adelheid, sein Sohn Otto II. und seine Schwiegertochter Theophano anwesend waren, nennt Widukind keinen einzigen Namen. Nichts teilt er mit über Bemühungen von Ärzten, nichts über eine Versammlung der engsten Angehörigen bei dem Sterbenden, nichts über letzte Anordnungen, Mahnungen oder Trostworte, nichts über ein wechselseitiges Vergeben der Verletzungen oder ein Sündenbekenntnis, wie es die literarische Tradition erwarten ließe – keine letzten Worte des Kaisers, kein Hinweis auf ein Testament oder auf Stiftungen zur Sicherung des Seelenheils. Zum kargen Gesamteindruck trägt auch das Fehlen der obligatorischen Charakterdarstellung bei. Einzig der Gedanke, dass Ottos Seele vereint mit dem liturgischen Gesang zu Gott emporsteigt, verleiht seinem Ende wenigstens noch einen Anflug literarischer Gestaltung.

Als das Volk von Ottos Tod erfährt, fehlt jeder Hinweis auf Trauer. Lediglich Lob und Dank für zahllose Leistungen und Taten sind Thema der Gespräche. Selbst Widukinds abschließende Würdigung besteht nur aus Titulatur: Er vermerkt pauschal "viele und große Denkwürdigkeiten". Damit bleibt er deutlich hinter seinen Worten zu Heinrich I. zurück, wirkt kühl, distanziert und pflichtschuldig, ohne persönliches Engagement. Außerdem werden die Sachsen anders als bei Heinrich mit keinem Wort erwähnt. Die Gattungstradition verlangte eigentlich eine ausgefeilte, den Regeln der Kunst entsprechende Gestaltung des Dahinscheidens einer Hauptfigur. Widukind irritiert seine Leser aber gezielt durch die Täuschung ihrer Erwartung: Was war die Ursache dieses überraschenden Todes? Wie steht es mit Widukinds Einstellung zum Verstorbenen? Und was ist der Zweck des ungewöhnlichen Tagesprotokolls? Vermutlich kein anderer, als zu signalisieren, dass hier etwas nicht stimmt, dass hier einer nicht alles sagt, was er über die Ursache dieses so unvermuteten Hinscheidens weiß oder mutmaßt. Offenbar waren Zweifel an der offiziellen Version eines natürlichen Todes entstanden. Die Antwort auf die brennenden Fragen lag auf der Hand: Otto war noch frohgemut und heiter zur Tafel erschienen. Er war den ganzen Tag frei von Krankheitssymptomen gewesen. Schlagartig zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt, nämlich kurz nach Einnahme einer Mahlzeit, geht es ihm schlechter. Der Schluss, der Kaiser sei Opfer eines Giftmords geworden, drängt sich geradezu auf. Die Angehörigen des Billungers mussten sich gerächt haben. Widukind hatte seine Schrift Mathilde, der Tochter Ottos I., gewidmet. Vielleicht erhoffte er sich von der politisch einflussreichen Quedlinburger Äbtissin eine Reaktion, wenn sie zwischen den Zeilen lesen würde, dass Otto für seine Italienpolitik mit dem Tod bestraft worden war. Womöglich würde Mathilde dann auf die Abkehr von jener Art der Politik drängen.

Die Quellenlage gestattet es leider nicht, einen kriminalistischen Beweis für die Giftmordhypothese zu erbringen. Wie so häufig, wenn es um das Frühmittelalter geht, kommen wir nicht über Plausibilitäten hinaus. Dass die Zeitgenossen jedenfalls einen Mordverdacht hegten – und zwar als Konsequenz der Italien-, Kaiser- und Heiratspolitik der Ottonen –, zeigt die auffällige Doppelstrategie unserer Autoren, ihr Schwanken zwischen Verschweigen und Andeuten. Auch die politischen Absichten dahinter sind unschwer zu erkennen. Vom Mythos des getreuen Hermann Billung bleibt indes wenig übrig. Er ist ein Konstrukt der Geschichtsforschung des 19. und 20. Jahrhunderts.

Lesermeinung

1 Beitrag anzeigen

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Lesermeinungen können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnervideos