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Ozeane: Was löste 2025 die Krakeninvasion vor England aus?

Statt Muscheln und Krustentieren zogen britische Fischer 2025 plötzlich vor allem Kraken an Bord. Schuld daran war wohl eine Hitzewelle im Meer. 
Ein Oktopus schwimmt in klarem, blauem Wasser. Die Tentakel sind weit ausgebreitet und zeigen die Saugnäpfe. Sonnenstrahlen durchdringen das Wasser, und im Hintergrund sind schemenhaft einige Fische zu erkennen. Die Szene vermittelt ein Gefühl von Ruhe und natürlicher Schönheit.
Ein Gewöhnlicher Krake schwebt durch das Wasser – aber normalerweise nicht so weit nördlich im Atlantik.

Anfang 2025 spielten sich lange ungekannte Szenen auf britischen Fischerbooten vor den Küsten von Cornwall und Devon ab. Statt gut mit Muscheln gefüllten Körben zogen die Seeleute nur leere Schalen an Bord – oder Reusen voller Gewöhnlicher Kraken (Octopus vulgaris). Die Weichtiere kamen plötzlich massenhaft in diesem Teil des Atlantiks vor, wo sie normalerweise nur selten auftauchen: Kraken bevorzugen wärmere Gewässer wie das Mittelmeer oder subtropische Teile des Atlantiks. Thomas Stewart vom Plymouth Marine Laboratory und sein Team haben einen Bericht zusammengestellt, der die wahrscheinlichen Ursachen für diese Krakenschwemme vorstellt: Sie hat dafür gesorgt, dass Fangzahlen für die Kopffüßer 65-mal höher ausfielen als im Durchschnitt der Vorjahre.

Immer wieder kommt es vor Englands Südküste zu derartigen Invasionen, allerdings in langen Zeitabständen: Vor 2025 war dies den Daten zufolge beispielsweise 1900 und 1950 der Fall. Das Massenauftreten hängt laut einem Artikel von Stewart und seinen Kollegen auf »The Conversation« eng mit ihrer Biologie zusammen. Männchen und Weibchen leben nicht lange und sterben schnell nach der Fortpflanzung, die Weibchen beispielsweise, nachdem die Jungen aus den Eiern geschlüpft sind. Umweltbedingungen beeinflussen die Fortpflanzungs- und Ausbreitungsraten sehr stark – etwa die Wassertemperaturen. Die Kraken folgen zum Beispiel wärmeren Wassermassen und vermehren sich darin besser. Laut Stewart und Co. legen Daten nahe, dass dies unter anderem für den westlichen Ärmelkanal zutrifft: Steigende Krakenzahlen gehen einher mit länger anhaltenden Wärmeperioden im Meer und in der Atmosphäre. 

Auch 2025 war es überdurchschnittlich warm in diesem Bereich des Ärmelkanals, weshalb sich die Kraken leichter fortpflanzen konnten, während gleichzeitig Eier und Larven mit höherer Wahrscheinlichkeit überlebten. Vermutlich spielten auch die vorherrschenden Meeresströmungen eine Rolle, mit denen Krakenlarven von den britischen Kanalinseln und der nordfranzösischen Küste in Richtung Devon und Cornwall getrieben wurden: 2024 hatte es einen hervorragenden Brutjahrgang von Kraken rund um die Insel Guernsey gegeben. Für den Ferntransport als zusätzlichen Faktor sprechen nach Ansicht der Wissenschaftler zudem veränderte Salzgehalte im Wasser vor der Küste. Vorherrschende Ostwinde während des vorangegangenen Winters hätten salzärmeres Wasser aus der Nordsee und dem Ärmelkanal nach Westen gedrückt – und mit ihm die Krakenlarven.

Im erwärmten Atlantik konnten sie dann massenhaft zu adulten Tieren heranwachsen, die sich schließlich über die lokale Fauna hermachten: Taschenkrebse, Hummer und Muscheln aller Art. Vor allem Kammmuscheln standen offensichtlich hoch in der Gunst, wie Funde in Hummer- und Krabbenreusen zeigten. Normalerweise suchen die Muscheln diese Körbe nicht auf, sofern sie nicht beleuchtet sind. Das war bei den untersuchten Exemplaren nicht der Fall. Stewart und Co. vermuten daher, dass die klugen Kraken die Muscheln in die Körbe gesteckt haben, um diese wie eine Speisekammer zu nutzen. 

Doch die Fischer verzagten ebenso wenig: Sie stellten ihren Fang auf Kraken um und fischten bis August 2025 Kraken im Wert von mehreren Millionen Britischen Pfund aus dem Meer. Die Hummer- und Muschelfischerei ging dagegen um 30 bis 50 Prozent zurück. Im August endete die Schwemme jedoch ebenso plötzlich, wie sie begonnen hatte. Angesichts des Klimawandels und sich häufender Wärmeereignisse im Meer könnte sich das Ökosystem hier nach und nach stark ändern – was an anderer Stelle im Atlantik bereits stattfand – und dauerhaft bessere Lebensbedingungen für die Kraken bieten. Die Muschelfischer müssen sich also vielleicht bald ganz umstellen – oder aufhören.

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  • Quellen
Stewart, T. et al., Report on Work Package 1: History, causes and consequences of octopus blooms, 2026

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