Paläontologie: Schreibt ein Krokodil Europas Geschichte um?

Vor 200 Millionen Jahren brach der Superkontinent Pangäa endgültig auseinander, und das nördliche Laurasia mit Europa, Nordamerika und Asien ging andere Wege als Gondwana; der Südkontinent umfasste unter anderem Südamerika, Afrika und Australien. Einige Fossilien wiesen allerdings darauf hin, dass Europa und Afrika doch etwas länger zusammenhingen, als es die geologische Geschichte eigentlich erlaubte: Die europäische Fauna hätte sich demnach noch über eine gewisse Zeit nicht nur mit der Tierwelt Nordamerikas, sondern auch mit der von Afrika und Südamerika gemeinsam entwickelt. Ein in Ungarn entdecktes Fossil mehrt nun allerdings Zweifel an dieser gemeinsamen Periode, schreiben Wissenschaftler um Máté Szegszárdi von der Universität ELTE Eötvös Loránd in Budapest: Das landlebende Krokodil Doratodon carcharidens sei nicht näher verwandt mit ähnlichen Arten auf anderen Kontinenten, sondern Ergebnis sogenannter konvergenter Evolution.
Bislang galt Doratodon carcharidens als wichtigster Beleg für die Landbrücke zwischen Afrika und Europa: Merkmale wie sein langer Schädel und die klingenartigen gezackten Zähne kennt man aus dieser Zeit nur von afrikanischen und südamerikanischen Krokodilarten. Deshalb gingen Paläontologen davon aus, dass der europäische Vertreter über den Landweg aus Süden eingewandert ist. Bis zum neuen Fund in Ungarn konnte man jedoch lediglich Zähne und unvollständige Kiefer des Tieres aus Europa untersuchen. Nach einem 2018 gemachten Fund von Doratodon-Überresten aus der ungarischen Fundstätte Iharkút entdeckte die Arbeitsgruppe in 85 Millionen Jahre alten, kreidezeitlichen Felsen weitere Überreste solcher Tiere: Ein Oberkiefer mit Zähnen passte perfekt zum vorherigen Teilschädel: Es handelte sich also um dieselbe Art. Die Gesamtlänge der Tiere betrug rund 1,5 Meter, sie hatten einen dinosaurierartigen Kopf und bewegten sich vermutlich auf langen Beinen.
Eine genauere Analyse der Anatomie sowie der Verwandtschaftsverhältnisse überraschte Szegszárdi und Co. dann aber. Statt eng mit den Krokodilen des Südkontinents verwandt zu sein, gehörte Doratodon carcharidens zu einer Gruppe von Krokodilen aus Nordamerika und Asien, die eher unserem heutigen Bild eines Krokodils entsprechen, schreiben die Wissenschaftler. Doratodon carcharidens hat also unabhängig von den anderen Arten ähnliche Anpassungen an seine Umwelt entwickelt.
»Bei der erneuten Untersuchung anderer europäischer Arten aus dieser Zeit – darunter Dinosaurier –, die als afrikanische Einwanderer angesehen wurden, stellten wir fest, dass auch ihre Abstammung neu betrachtet werden muss. Diese Tiere können wir als Überlebende einer einst weitverbreiteten Abstammungslinie aus der Zeit Pangäas interpretieren. Das ist wahrscheinlicher, als dass sie als Neuankömmlinge die Landmassen vom Süden aus in Richtung Europa überquerten«, fasst der an der Studie beteiligte Márton Rabi von der Universität Tübingen zusammen.
Ausgehend von ihrer Studie schließen sich die Wissenschaftler der These an, dass sich Europa und der Rest Laurasiens schon im Jura vor 180 Millionen Jahren endgültig von Gondwana getrennt hatten. »Doratodon hat sozusagen die prähistorische Karte Europas neu gezeichnet«, so Rabi.
Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.