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Verhaltensforschung: Pantomime unter roten Waldmenschen

Es kann einen wahnsinnig machen, wenn die Mitspieler beim Pantomimespiel nicht auf den dargestellten Begriff kommen. Je nachdem, wie nah sie der Lösung sind, muss man bestimmte Gesten wiederholen oder ganz neue einsetzen. Genauso machen es auch nahe Verwandte von uns - die Orang-Utans.
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Gina zeigt auf die süße Banane. Schließlich schneidet die im Vergleich mit einem trockenen Sellerie deutlich besser ab. Aber was macht Erica aus dieser eindeutigen Geste? – Nach kurzem Zögern rückt sie nur den halben Leckerbissen heraus. Ungeduldig wiederholt Gina ihre Handbewegung in Richtung Banane, wieder und wieder, bis Erica schließlich auch den ersehnten Rest der gelben Frucht weiterreicht. Ja, richtig, signalisiert Gina, indem sie in die Hände klatscht. Theodora reagierte zuvor in einer ähnlichen Situation ungehaltener: Sie hatte Erica, die ihr partout nur den vergilbten Sellerie statt der Banane gönnte, kurzerhand mit Sand beworfen.

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Orang-Utan-Weibchen mit Jungtier | Sumatra-Orang-Utan Julitta geht mit ihrer zweijährigen Tochter Putri im Gras des Durrell Wildlife Conservation Trust auf Nahrungssuche.
Eine solche Situation wäre problemlos zwischen drei Mädchen denkbar, die auf dem Spielplatz den von Mutti mitgegebenen Imbiss verteilen. Allerdings gehören die oben vorgestellten Damen zu unterschiedlichen Taxa: Erica ist ein Mensch (Homo sapiens), während Gina und Theodora zur Gattung Pongo gehören – sie sind Orang-Utans, malaiisch für Waldmensch.

Mensch und Waldmensch im Gespräch

Faszinierenderweise sind sich die Kommunikationsstrategien zwischen zottelig-rothaarigem Menschenaffen und Mensch so ähnlich, dass sie sich wortlos verstehen, wie die Evolutionspsychologen Erica Cartmill und Richard Byrne von der Universität St. Andrews in Schottland in Nahrungswahlexperimenten beobachtet haben.

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Experimentaufbau | Aufbau des Experimentes im britischen Twycross-Zoo: Leckeres und weniger schmackhaftes Essen lag in Plastikbehältern beiderseits des Stuhls. Der Orang-Utan gestikulierte durch die Gittertür, um anzuzeigen, welche Nahrung er bevorzugte.
Insgesamt hatten die Wissenschaftler sechs weibliche Waldmenschen in englischen Zoos auf ihre pantomimischen Fähigkeiten hin getestet, je drei Borneo- (Pongo pygmaeus) und Sumatra-Orang-Utans (Pongo abelii). Der menschliche Experimentator saß seinem äffischen Mitspieler dabei getrennt durch eine Gittertür gegenüber und konnte über zwei Kategorien von Nahrung verfügen: Entweder schmackhaftes Brot und süße Banane oder scharfer Lauch und vergilbter Sellerie.

In allen Fällen signalisierten die Orangs zu Beginn der Durchläufe ihr Verlangen nach der leckeren Mahlzeit durch Starren oder Handbewegungen. Der Experimentator reagierte, indem er die Leckerei ganz oder zur Hälfte herausrückte, oder er reichte seinem Gegenüber die unerwünschte Sättigungsbeilage. Im ersten Fall war das Spiel für die Menschenaffen erledigt, sie hatten alles, was sie sich erhoffen konnten. Im zweiten Fall versuchten sie auch die zweite Hälfte zu bekommen, während sie bei der dritten Variante dem Mitspieler klar zu machen versuchten, dass er sie missverstanden hatte.

Orang-Utans spielen Scharade

Die eingesetzten Stategien seien dabei wie beim menschlichen Scharadespiel, erklären die Primatologen:
"Die unterschiedlichen Kommunikationsstrategien der Orangs zeigen, dass sie auf der gedanklichen Ebene des Experimentators gehandelt haben"
(Erica Cartmill)
Hätten die Orangs das Gefühl völlig missverstanden zu werden, erweiterten sie das Repertoire ihrer Gebärden und vermieden die zuvor erfolglos eingesetzten Gesten. Würden sie hingegen grundlegend – aber immer noch unzureichend – verstanden, wiederholten sie wenige, eindeutige Bewegungen häufiger.

Orang-Utans scheinen demnach in der Lage zu sein, in kurzer Zeit die Gedankenwelt ihres Gegenübers zu erfassen und ihr Verhalten darauf abzustimmen – mit dem Ziel schneller und erfolgreicher Verständigung. "Die unterschiedlichen von den Orang-Utans in unserer Studie verwendeten Kommunikationsstrategien haben gezeigt, dass sie auf der gedanklichen Ebene des Experimentators gehandelt haben", fasst Erica Cartmill die Ergebnisse zusammen. Sie verfügten damit über ähnliche Fähigkeiten wie Kleinkinder von Homo sapiens, die in vergleichbarer Weise zwischen Kommunikationsstrategien abwägten.

Die Anfänge komplexer Kommunikation

Frühere Studien hätten bereits gezeigt, dass auch andere Tiere wie Schimpansen (Pan troglodytes), Bonobos (Pan paniscus), Große Weißnasenmeerkatzen (Cercopithecus nictitans) oder auch Hunde und Papageien in der Lage sind, Begriffe zu lernen und eigene Bedürfnisse oder Wünsche in teils atemberaubendem Vokabular zu artikulieren.
"Wir sehen hier das natürliche Kommunikationsverhalten von Orang-Utans"
(Richard Byrne)
Die Besonderheit bei den Orang-Utans sehen die Primatologen nun in der Tatsache, dass die Affen ihre Strategie gezielt an das Gegenüber anpassten. "Ich glaube, wir sehen hier das natürliche Kommunikationsverhalten von Orang-Utans", meint Richard Byrne, somit gebe das Verhalten auch Hinweise auf die evolutiven Anfänge komplexer Verständigung.

Das schnelle Erfassen der Denkweise des Gegenübers sei vermutlich besonders für die Mitglieder einer weit gehend einzelgängerisch lebenden Art wie die Orang-Utans wichtig, erläutert Erica Cartmill. Dadurch könne bei den seltenen Treffen mit Artgenossen flexibel auf den anderen eingegangen werden, was zu schnellen und zuverlässigen Übereinkommen führe.

Die beiden Evolutionspsychologen testeten übrigens auch ein ausgewachsenes Orang-Männchen mit demselben Versuchsaufbau auf seine Kommunikationsfertigkeiten – ohne Erfolg, der Herr zeigte keinerlei pantomimische Begabung. Vielleicht schlägt sich hier der stark ausgeprägte Sexualdimorphismus der Art nieder: Weibliche und männliche Orang-Utans unterscheiden sich erheblich in ihrem Körperbau. Es könnte also sein, dass die großen, starken Männchen eher schwach im Kommunizieren sind.
03.08.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 03.08.2007

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