Nicht Rasse, nicht Größe: Was wirklich entscheidet, ob ein Hund zu mir passt

Rocket ist ein Energiebündel, das sieht man sofort. Zielstrebig erkundet der muskulöse Mischling das Gelände. Die Trainerin hat die zierliche Rentnerin Ana (alle Namen im Text geändert) gebeten, ihren Hund nicht anzuleiten, sondern »einfach mal machen zu lassen«.
Kaum von der Leine gelassen, rast Rocket kreuz und quer über die Wiese. Dann schnuppert er hier, schnuppert da und fängt nach wenigen Minuten an, enthusiastisch ein Loch unter dem Zaun zu graben. Nun muss Ana doch eingreifen. Die Trainerin hebt ein hundegroßes Stofftier über den Zaun. Sofort springt der Rüde sichtlich erregt darauf. Als Ana das Plüschtier von ihm wegziehen will, gerät er völlig außer sich. Eilig wird die Attrappe in Sicherheit gebracht.
Furchtlos und leicht erregbar
Kein Zweifel, Rocket ist ein Draufgänger. Das kostet seine Besitzerin einiges an Nerven. Geht sie mit ihm spazieren, muss sie bei Begegnungen mit anderen Hunden höllisch auf ihn aufpassen. Rocket kommt aus dem Tierschutz. Sechs Jahre lebt er schon bei ihr, doch noch immer reagiert er auf Reize sehr heftig.
Ana hockt sich neben ihren Hund und streichelt ihm ganz langsam und sehr sanft über die Flanken. Es wirkt wie ein Ritual. Rocket beruhigt sich. »Wie sehr liebst du deinen Hund auf einer Skala von 1 bis 10?«, fragt die Trainerin. Ana überlegt nur kurz: »12«.
Nicht jeder Hund hat das Glück, einen Menschen zu finden, der sich voll und ganz auf ihn einlassen kann. Mitarbeiter in Tierheimen können ein Lied davon singen: Hunde mit schwierigem Temperament kommen oft schneller zurück, als man sie vermittelt hat. Für ein Tier genau den passenden Menschen zu finden, gehört daher zu ihren kompliziertesten Aufgaben.
Ein passender Hund – das »perfect match«
Fachleute sprechen von der »Kompatibilität« zwischen Hund und Halter. Aber worauf kommt es dabei am meisten an? Das frage ich Marie Nitzschner, die sich zehn Jahre lang am MPI für evolutionäre Anthropologie in Leipzig intensiv mit dem Verhalten von Hunden beschäftigt hat. 2021 veröffentlichte sie das Buch »Die Persönlichkeit des Hundes«, in dem sie den Stand der Forschung einem breiten Publikum zugänglich macht.
Viele Menschen gehen ausschließlich nach dem Aussehen, bedauert die Verhaltensbiologin, die heute auch als Hundetrainerin arbeitet: »Dabei muss der Hund vor allem vom Verhalten her zum eigenen Leben passen. Man muss da ehrlich mit sich selbst sein. Habe ich lieber meine Ruhe? Oder möchte ich gern viel mit anderen Hunden und Menschen unterwegs sein?« Bin ich sportlich oder eher gemütlich unterwegs? Muss der Hund mit meinen Kindern auskommen, oder lebt er mit mir allein? Erst wenn man Klarheit über die eigenen Bedürfnisse hat, sollte man sich auf die Suche nach dem tierischen Begleiter machen. Das ist leichter gesagt als getan: Selbst eine als »sehr freundlich« geltende Rasse garantiert nämlich noch kein gelingendes Mensch-Hund-Projekt.
Polizei-, Assistenz- und andere Superhunde
Forschungsergebnisse stützen diese Sichtweise. Yana Bender hat mit ihrem Team am MPI für Geoanthropologie in Jena in ihrer jüngsten Studie von 2026 insgesamt 92 Hund-Mensch-Teams analysiert. Sowohl Mensch als auch Hund durchliefen eigene Persönlichkeitsanalysen. Zudem absolvierten sie gemeinsam verschiedene Aufgaben. Normale »Familienhunde« stellten nur ein Viertel der teilnehmenden Tiere. Die anderen waren zu gleichen Teilen Deutsche und Belgische Schäferhunde der Polizeihundestaffel Thüringen, gut ausgebildete Hunde (etwa Schulbegleithunde) anderer Rassen und Blindenführhunde – darunter vor allem Labradore. Bei solchen Superhunden kann doch gar nichts schiefgehen, oder?
Eine »beste« Hundepersönlichkeit existiert schlicht nicht
Irrtum. Die »beste« Hundepersönlichkeit existiert nämlich schlicht nicht. Laut der Studie kommt es wie bei rein menschlichen Freundschaften auf die Persönlichkeit beider Partner an. So waren sehr wenig verträgliche Zeitgenossen mit einem ebenso eigensinnigen Hund überraschenderweise hochzufrieden mit ihrem Tier. Ähnlich glücklich waren Menschen in Teams, in denen beide Partner wenig offen waren – beide also eher Routinen schätzten und nicht unbedingt neue Erfahrungen suchten. Menschen können zwar durchaus davon profitieren, wenn ein etwas offenerer Vierbeiner sie aus der Reserve lockt. Aber für extreme Gewohnheitsmenschen gilt das eben nicht unbedingt.
Kommunikationsstarker Partner
In einer anderen Studie von 2023 hatte die Forscherin beobachtet, dass Blinde es zum Beispiel oft anstrengend finden, wenn ihr Hund zu offen auf andere zugeht. Für einen blinden Menschen den perfekt passenden ausgebildeten Hund zu finden, gilt als Kunst. Jedem Matching folgt ein Training als Team sowie eine kontinuierliche Nachbetreuung. Nicht selten wird das Tier dennoch zurückgegeben, und der Prozess fängt von vorn an.
Menschen von extravertierten Hunden hatten in der aktuellen Untersuchung zu ihrem Tier eher eine engere Bindung. Solche Hunde brillierten zudem bei der Kommunikationsaufgabe: Die ausdrucksstarken Vierbeiner konnten ihrem Halter (unabhängig von dessen Persönlichkeit) schnell verständlich machen, in welcher von vier geschlossenen Boxen der Versuchsleiter das begehrte Spielzeug versteckt hatte. Wer mit einem solchen Hund zusammenleben will, sollte vermutlich viel Energie zum Spielen mitbringen.
Man würde erwarten, dass sehr verträgliche Halter mit ebensolchen Hunden besonders gut miteinander auskommen. In der Studie fand Benders Team aber keinen Effekt auf die Zufriedenheit mit der Beziehung. Das könne viele Gründe haben, sagt die Forscherin. Im Hindernisparcours stellten sich diese Paare beispielsweise eher ungeschickt an. »Vielleicht übertrifft bei diesen Teams das Harmoniebedürfnis den Ehrgeiz«, vermutet Bender. Bei einem Familienhund ist die schlechte Performance kein Problem. »Aber im Alltag von Menschen mit Sehbeeinträchtigung und ihren Führhunden spielen solche Situationen eine wichtige Rolle.«
Wie schon bei der Beziehungszufriedenheit glänzten im Parcours die »eigensinnigen« Zweiergespanne: Blinde Menschen mit wenig verträglicher Persönlichkeit umgingen die Hindernisse präziser, wenn ihnen ein ebenso gepolter Hund zur Seite stand.
Was hilft bei aggressiven Hunden?
Für einige Persönlichkeitszüge gilt also offenbar: Gleich und Gleich gesellt sich gern. Fehlt auch einem bissigen Hund also nur der »herrische« Besitzer, der ihn entsprechend diszipliniert? Marie Nitzschner möchte das so pauschal nicht ausdrücken. Aggressives Verhalten kann verschiedene Ursachen haben. Bei Hunden ist die jagdliche Motivation mehr oder weniger stark erhalten. Das zielstrebige, eher lautlose Beutefangen ist keine »echte«, soziale Aggression. Es wird dennoch gefährlich, wenn es fehlgeleitet auftritt – der Hund etwa Joggern hinterherjagt oder beim Spielen ernsthaft zubeißt. Die sozial motivierte Aggression wird laut dem Neurowissenschaftler Jaak Panksepp durch Emotionen ausgelöst und stellt sich beim Blick auf die Prozesse im Gehirn ganz anders dar. Knurren, Bellen und Beißen eines Hundes speisen sich häufig aus Frust (etwa wenn die eigene Leine die Interaktion mit einem Artgenossen verhindert) und in den meisten Fällen aus Angst, nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung. Auch wenn ein Hund unter Schmerzen leidet, reagiert er aggressiver. Je nach Ursache muss man das Verhaltensproblem also unterschiedlich angehen.
Als sich im Begegnungstest eine unbekannte Person dem Duo nähert, fletscht Sirius sofort die Zähne und geht auf sie los
Ein aggressiver Hund kann den Halter oder die Halterin stark belasten. So geht es Ingo mit Sirius, einem großen Schäferhundmischling. Das Tier scheint seinem Besitzer, einem eher zurückhaltend wirkenden Mann, sehr zugetan. Doch als sich im Begegnungstest eine unbekannte Person dem Duo nähert, fletscht Sirius sofort die Zähne und geht auf sie los. Ingo kann Sirius kaum halten. Ohne Maulkorb geht es nicht, bestätigt die Trainerin. Da Sirius bereits einen schlimmen Zusammenstoß mit einem anderen Hund hatte, verlangen die Behörden zu Ingos Kummer einen Wesenstest, den die örtliche Polizeihundestaffel durchführen soll.
Training von Unterordnung
Sitz, Platz, bei Fuß laufen – all das macht Sirius tadellos. Ingo trainiert schon seit einem Jahr mit ihm. Das hat sich vermutlich positiv ausgewirkt: Lieta Marinelli und ihr Team von der Universität Padua beobachteten 64 Hunde, mit denen ihre Halter unterschiedlich lang Unterordnung (Gehorsam) geübt hatten – in der Branche unter dem englischen Begriff »obedience« bekannt. Das klingt autoritärer, als es ist; körperliche Gewalt kommt nicht zum Einsatz. Obedience setzt vor allem auf positive Verstärkung. Das gewünschte, »richtige« Verhalten wird durch Futter und Zuwendung belohnt, falsches dagegen nicht gewürdigt, sondern durch ein Korrektursignal (zum Beispiel ein »Nö!«, »Eh-Eh«) unterbrochen.
Der Hund kann so beispielsweise lernen, bei lockerer Leine perfekt »bei Fuß« zu laufen. Oder er übt, in einer Sitz- oder Platzposition so lange zu verharren (»Bleib!«), bis sein Besitzer den Befehl mit einem anderen Signal auflöst. Sobald das erreicht ist, lässt sich die Aufgabe erschweren, indem sich der Mensch entfernt und dem Hund den Rücken zudreht. Vielleicht kann er sogar ein leckeres Futter oder ein Spielzeug für den Hund sichtbar ablegen.
Frustrationstoleranz erhöhen
Diese Aufgaben verlangen vom Hund ein hohes Maß an Impulskontrolle und Frustrationstoleranz – genau das, was einem aggressiven Hund häufig fehlt. Zugleich muss er seinen Besitzer stets im Auge behalten, um das Auflösungssignal nicht zu verpassen. Tatsächlich ließen sich in der Studie deutliche Effekte des Unterordnungs-Trainings beobachten. »Experten«-Hunde, die schon sechs Monate lang Obedience geübt hatten, schenkten ihren Besitzern deutlich mehr Aufmerksamkeit als Hunde, die noch nicht so lange dabei waren. Das fällt auch bei Sirius auf. Immer wieder schaut er zu Ingo, als ob er sich versichern will, dass alles in Ordnung ist.
»Vierbeiner, deren Besitzer regelmäßig mit ihnen trainieren, sind folgsamer, weniger nervös und freundlicher gegenüber Menschen und Artgenossen«, fasst Nitzschner den Forschungsstand zusammen. Doch ein Standard-Obedience-Training reicht bei Sirius nicht aus: So gut erzogen er wirkt, wenn Ingo mit ihm allein ist, so gefährlich agiert er in unvorhersehbaren Situationen mit Fremden. Guter Rat ist teuer. Ingo wird sich einen auf aggressives Problemverhalten spezialisierten Hundetrainer suchen müssen. Eine Kastration dagegen wird von Fachleuten kritisch gesehen, denn zu oft bewirkt sie das Gegenteil vom Erhofften. Der sinkende Testosteronspiegel macht Hunde unsicherer, sodass angstbasierte Aggressionen womöglich noch weiter zunehmen.
- Persönlichkeitstests für Hunde
Hundetrainer verwenden häufig ihre eigenen Methoden, um die Persönlichkeit eines Hundes einzuschätzen. In der Wissenschaft werden dagegen verschiedene standardisierte Testverfahren eingesetzt. Eine Auswahl:
- Dog Big Five Inventory / Canine Big Five
Diese Fragebogen-Tests sind nicht sehr etabliert. Sie erlauben aber eine gute Gegenüberstellung von Persönlichkeitseigenschaften des Menschen (nach dem Big-Five-Modell mit den wesentlichen Aspekten Extraversion, Verträglichkeit, Offenheit, Neurotizismus, Gewissenhaftigkeit) mit denen des Hundes. Sie sind somit gut geeignet, um Besitzer-Hund-Beziehungen zu untersuchen.
- C-BARQ (Canine Behavioral Assessment and Research Questionnaire)
Der Fragebogen zur Verhaltensbewertung von Hunden fällt mit 100 Fragen zu 14 Verhaltensmustern sehr umfassend aus. Der Bogen wird vom jeweiligen Hundehalter ausgefüllt und kommt oft in groß angelegten Studien mit Tausenden von Hunden zum Einsatz.
- Dog Mentality Assessment (DMA)
Dieser Verhaltenstest ist objektiver als Fragebögen, da der Hund in zehn standardisierten Testsituationen von geschulten Beobachtern eingeschätzt wird. Er ist gut geeignet für die Aggressionsdiagnostik. Allerdings hängt das Ergebnis von der Tagesform ab. Fünf Verhaltensmuster werden dabei beobachtet, die wir hier jeweils mit einem Beispiel illustrieren.
Verspieltheit
Wie schnell beginnt der Hund, mit einem fremden Menschen ein Spiel aufzunehmen, wenn ein Zerrspielzeug oder Ähnliches angeboten wird?
Soziabilität (Verträglichkeit)
Wie nähert sich der Hund einer unbekannten Person? Sucht er Kontakt, bleibt er neutral oder weicht er aus?
Neugier/Furchtlosigkeit
Wie schnell wagt sich der Hund an ein plötzlich auftauchendes Objekt (etwa einen geöffneten Regenschirm)?
Jagdveranlagung
Wie reagiert der Hund, wenn ein an einer Schnur befestigtes Fellstück plötzlich schnell weggezogen wird?
Aggressionsbereitschaft
Wie reagiert der Hund, wenn sich eine unbekannte Person in bedrohlicher Haltung nähert?
Was bestimmt das Temperament?
Kann man nicht vor der Wahl eines Hundes abschätzen, ob dieser eher aggressiv, ängstlich oder freundlich gegenüber Fremden auftritt? Die Antwort ist nicht einfach. »Wenn man sich die Studienlage ansieht, dann ist das Grundtemperament – also ob ein Hund eher schüchtern oder draufgängerisch ist – relativ stark vorangelegt«, erklärt Nitzschner. »Aber Eigenschaften wie Angst und Aggressivität können sich noch stark verändern, je nachdem, welche Erfahrung der Hund macht.«
Daher gelingt es in jungen Jahren noch recht gut, spezifisches Angst- und Aggressionsverhalten erzieherisch zu beeinflussen. Viele glauben, mit einem »familienfreundlichen« Golden-Retriever- oder Labrador-Welpen könnten sie nichts falsch machen. Doch Nitzschner widerspricht: »Die Rasse ist generell kein besonders aussagekräftiges Merkmal, wenn es um Persönlichkeitseigenschaften geht.«
»Die Rasse ist generell kein besonders aussagekräftiges Merkmal, wenn es um Persönlichkeitseigenschaften geht«Marie Nitzschner, Verhaltensbiologin und Hundetrainerin
Da komme es schon eher auf die Zuchtlinie an: »Ein Labrador aus einer reinen ›Showlinie‹ ist ein komplett anderer Hund als einer aus einer Arbeitslinie, in der die Tiere seit Generationen etwa auf Kooperation und Apportierfreude selektiert wurden.« Ähnlich seien Deutsche Schäferhunde aus Zuchtlinien für Polizei- oder Militäraufgaben von Natur aus wesentlich aggressiver als Schäferhunde, die etwa zur Blindenführung gezüchtet werden. »Aber selbst innerhalb einer Zuchtlinie haben wir noch riesige Unterschiede. Am Ende ist jeder Hund ein Individuum«, erklärt Nitzschner, die in ihrem Blog »Hundeprofil« und auf Instagram Forschungsergebnisse rund um das Thema Hundepersönlichkeit kommentiert.
Die Rasse erklärt das Verhalten nur zum kleinen Teil
Zu einem ähnlichen Schluss kam eine Forschungsgruppe um Kathleen Morrill, die Besitzer von mehr als 18 000 Tieren befragt und zudem das Erbgut von mehr als 2000 Hunden sequenziert hatte. Die Ergebnisse hat sie 2022 in der Fachzeitschrift »Science« veröffentlicht. Demnach erklärt die Rasse nur neun Prozent der betrachteten Verhaltensunterschiede zwischen Hunden. Am ehesten zeigte sich noch die »Gehorsamkeit« – also Trainierbarkeit beziehungsweise Führigkeit – mit der Rasse verknüpft. Darüber, wie leicht ein Hund auf Stressreize mit Angst oder Aggression reagierte, gab die Rassezugehörigkeit dagegen kaum Auskunft.
Wie kann das sein? Aus Humanstudien wissen wir, dass die Persönlichkeit zu einem erheblichen Grad erblich ist, wobei bei jedem Merkmal sehr viele Gene hineinspielen. Persönlichkeitsunterschiede zwischen Menschen gelten zu rund 40 Prozent durch ihre Genausstattung bedingt – den Rest prägt die Umwelt. So gibt es etwa Rezeptorvarianten, die die Reizweiterleitung in bestimmten Hirnregionen unterschiedlich beeinflussen.
Genetische Einflüsse aufs Verhalten
Das ist bei Hunden ganz ähnlich. Man kennt bereits eine ganze Reihe von Genvarianten, die mit einem höheren oder niedrigeren Ausmaß von Aggression, Ängstlichkeit oder Kooperationsbereitschaft in Zusammenhang gebracht werden. Die meisten von Morrills Team untersuchten Verhaltensmerkmale erwiesen sich tatsächlich als erblich beeinflusst: Mehr als 25 Prozent der Unterschiede gingen auf das Konto des Erbguts. Aber die genetischen Varianten dafür hielten sich – anders als jene für rassetypisches Aussehen – kaum an Rassegrenzen.
Das bedeutet: Obwohl Erblichkeit auch beim Hundeverhalten eine Rolle spielt, fanden sich innerhalb einer Rasse alle möglichen Persönlichkeitsprofile. Das ist kein Widerspruch: Zwei Labradore aus verschiedenen Zuchtlinien ähneln sich vermutlich stark in den Genen etwa für die Ohrenform, aber nicht automatisch in ihren Erbanlagen für Ängstlichkeit. »Vor dem 18. Jahrhundert wurden Hunde hauptsächlich nach ihrer Eignung fürs Jagen, Bewachen oder Hüten selektiert«, so Morrill. Die aktuellen genetischen Analysen legen nahe, dass bei der Zucht inzwischen mehr Wert auf Äußerlichkeiten als auf das Verhalten gelegt wird.
Statistische Wahrscheinlichkeiten
Sind Klischees etwa vom energiegeladenen Aussie oder vom eigensinnigen Dackel somit hinfällig? Neun Prozent sind mehr als null: Wenn man Hunde als Gruppen vergleicht, lassen sich durchaus einige mit der Rasse assoziierbare Verhaltensunterschiede erkennen, die je nach Merkmal (und Studie) mal größer, mal kleiner ausfallen. Obwohl das Verhalten innerhalb der Rassen stark streut, ist beispielsweise die rein statistische Wahrscheinlichkeit, einem gut führbaren Exemplar zu begegnen, bei der Rasse Belgisch Malinois höher als bei einem Dackel.
In einer 2021 in »Scientific Reports« erschienenen Studie betont ein ungarisches Forschungsteam zudem, dass äußerliche Merkmale wie Größe und Kopfform eine veränderte Reizwahrnehmung nach sich ziehen und sich damit eben auch auf das Verhalten auswirken können. Bei kurzschnauzigen Hunden mit rundem Kopf sind zum Beispiel die retinalen Ganglienzellen im Auge auf andere Art verteilt. Die Tiere können dadurch vermutlich besser auf Reize im Zentrum ihres Gesichtsfelds fokussieren. Im Versuch stellten kurzschnauzige Hunde im Schnitt schneller Blickkontakt mit dem Besitzer her als langschnauzige.
Der Mops oder die Französische Bulldogge erscheinen trotz ihrer geringen Größe – die eher mit Ängstlichkeit einhergeht – oft recht gelassen und gutmütig
Zudem legte eine Studie zweier ungarischer Forscher 2025 mit rund 5000 Hunden nahe, dass extrem kurzschnauzige Hunde wie der Mops oder die Französische Bulldogge trotz ihrer geringen Größe – die eher mit Ängstlichkeit einhergeht – oft recht gelassen und gutmütig erscheinen. Diese Hunde neigen allerdings stark zu chronischen Atemproblemen. Borbála Turcsán und Eniko Kubinyi werfen in ihrer Publikation selbst die Frage auf, ob das ruhige Temperament sowie die Anhänglichkeit nicht eher als Nebenprodukt dieser Gesundheitsprobleme zu interpretieren sind.
Entgegen dem gängigen Vorurteil verhalten sich Pitbullterrier laut einer Befragung in den USA nicht besonders feindlich gegenüber fremden Menschen – zumindest, wenn man der Einschätzung ihrer Halter vertraut. Unter genau dieser Schwäche leiden ohnehin die meisten großen Hundestudien: Nur selten haben Fachleute das Ergebnis der Persönlichkeitseinschätzung der voreingenommenen Besitzer kontrolliert.
Wie gefährlich sind Kampfhunde?
In der Erhebung unter der Leitung von Deborah Duffy von der University of Pennsylvania gaben sieben Prozent der Pitbull-Besitzer an, dass ihr Hund in jüngerer Vergangenheit eine unbekannte Person gebissen hatte oder beißen wollte. Damit lag die Kampfhundrasse nur wenig über dem Gesamtdurchschnitt von 4,7 Prozent der rund 30 betrachteten Hunderassen. Allerdings berichteten 22 Prozent der Halter von Beißereien mit fremden Hunden. Das erstaunt nicht, da Pitbulls genau auf diese Neigung hin gezüchtet wurden. Die Angriffe eines Pitbulls oder eines Rottweilers haben natürlich wesentlich schlimmere Folgen als die von Chihuahuas. Sofern man einen Rassehund möchte, gilt es also auch, seine potenzielle Gefährlichkeit zu bedenken.
Hat man sich für eine bestimmte Rasse entschieden, sollte man die Zuchtlinie, die Eltern und den Züchter genauer unter die Lupe nehmen. Denn im Babyalter lässt sich die Persönlichkeit eines Hundes noch nicht gut erkennen. Welpentests liefern kaum verlässliche Prognosen für das Verhalten ausgewachsener Tiere. »Die Persönlichkeit des Hundes stabilisiert sich erst mit etwa ein bis zwei Jahren, bei großen Hunden kann sich das sogar bis zum dritten Lebensjahr hinziehen«, erklärt Nitzschner.
Wichtige Sozialisierungsphase
Die Sozialisierungsphase beginnt laut der Verhaltensbiologin allerdings schon in der dritten bis vierten Lebenswoche und endet je nach Rasse in der 12. bis 16. Woche. Natürlich prägen die Erfahrungen mit der Hundemutter und dem Züchter den jungen Hund erheblich. Den Welpen schon vor der achten Woche von der Mutter zu trennen, sei aber keine Option, so Nitzschner. Solche Tiere zeigen als Erwachsene häufiger Verhaltensauffälligkeiten – sie zerstören etwa Gegenstände oder jagen exzessiv den eigenen Schwanz.
Angekommen im neuen Heim, empfiehlt sich ein häufiger Kontakt mit anderen, gut sozialisierten erwachsenen Hunden. Auch der Besuch einer guten Welpenschule ist sinnvoll. Dort helfen Trainer, das Verhalten eines Hundes anhand seiner Körpersprache zu beurteilen. Benimmt sich der Welpe in bestimmten Situationen auffallend ängstlich, sollte man früh gegensteuern. Angstauslösende Anlässe komplett zu vermeiden, ist gerade zu diesem Zeitpunkt der falsche Weg, erklärt Nitzschner: »Alle Dinge und Situationen, mit denen der Welpe in der Sozialisierungsphase konfrontiert wird, kann er später besser einschätzen.« Allerdings dürfe man ihn auch nicht mit Reizen überfluten und damit überfordern.
Viele Menschen entscheiden sich ganz bewusst für einen erwachsenen Mischling aus dem Tierschutz. Manche veranlassen dann einen Gentest. Vielleicht ist es Neugier, vielleicht die Hoffnung, den Hund besser zu verstehen, wenn man weiß, welche Rasse darin steckt. »Ich schaue mir lieber den Hund an, dann sehe ich, wie er ist«, sagt Nitzschner.
Ältere Hunde haben Vorteile
Wer einen älteren Hund adoptiert, erspart sich möglicherweise manche Überraschung. Auch »Anfänger« können mit einem Hund aus dem seriösen Tierschutz sehr glücklich werden, ist sich die Verhaltensbiologin sicher, deren eigene Tiere ebenfalls von dort stammen: »Es gibt da total klasse Hunde.«
Allerdings haben sie vielleicht Traumatisches erlebt, was sich situationsabhängig in starker Angst und Aggression äußern kann. Das ist im Tierheim nicht unbedingt zu erkennen. Viele Tiere stehen dort derart unter Stress, dass sie sich wesentlich ängstlicher, zurückhaltender oder aber aggressiver verhalten, als sie es in reizärmerer Umgebung tun würden. Doch vielleicht hat der Hund schon eine vorübergehende Unterkunft in einem Haushalt (Pflegestelle) gefunden, wo sich besser beurteilen lässt, wie er mit Menschen und anderen Tieren zurechtkommt. Im Optimalfall kann man ihn auch vorher besuchen, um sich ein Bild zu machen.
»Es wird häufig unterschätzt, wie enorm wichtig die Sicherheit, die ein Mensch seinem Hund gibt, für dessen Entwicklung ist«Marie Nitzschner, Verhaltensbiologin und Hundetrainerin
Viele Hundetrainer bieten Persönlichkeitsanalysen an. »Mit Wissenschaft hat das meist nichts zu tun. Was man bekommt, ist eher eine Meinung«, sagt Nitzschner. Vielen Hundebesitzern helfe es aber, wenn sie ihr Haustier einmal im Vergleich mit Artgenossen in bestimmten Situationen erleben. Es ist wahrscheinlich ein bisschen wie mit den eigenen Kindern – da fällt einem oft auch erst beim Besuch des Kindergartens auf, wie schüchtern oder besitzergreifend der eigene Nachwuchs ist.
Überhaupt sind Hunde- und Kindererziehung nicht so weit voneinander entfernt. Die grundlegenden Lernmechanismen seien bei Hunden und Kleinkindern gleich, findet Nitzschner, schränkt jedoch zugleich ein: »Ab einem bestimmten Alter übertreffen die kognitiven Fähigkeiten eines Kindes die von Hunden natürlich in jeder Hinsicht. Meinem Hund kann ich schließlich nicht erklären, warum er etwas machen muss.«
Bindungsverhalten beim Hund
Auch der Bindungsaufbau verlaufe zwischen Hund und Mensch grundsätzlich sehr ähnlich. »Es wird häufig unterschätzt, wie enorm wichtig die Sicherheit, die ein Mensch seinem Hund gibt, für dessen Entwicklung ist. Er merkt genau: Kann ich mich auf meinen Menschen verlassen, oder bin ich in kritischen Situationen auf mich allein gestellt?«
Auch zu einem älteren Hund aus dem Tierschutz kann man noch eine Bindung aufbauen, betont Nitzschner: »Das kann sogar sehr schnell gehen. Oft hat man das Gefühl, dass ein Hund einfach nur darauf gewartet hat, dass sich dieser Mensch seiner annimmt.«
Lesetipp
Nitzschner, M., Die Persönlichkeit des Hundes. Wie Gene und Umwelt das Wesen bestimmen – Neueste Erkenntnisse aus der Forschung, Kosmos, 2021
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