Klima: Dieser El Niño ist auf dem Weg zu einem Monster

Das sich im Pazifik entwickelnde El-Niño-Ereignis könnte laut Forschern das stärkste seit mindestens 150 Jahren werden, und damit der stärkste seit Beginn moderner Messungen. Sie warnten auf einer Pressekonferenz, dass die enorme Wärmefreisetzung aus dem Ozean zusammen mit der menschengemachten Erderwärmung das Jahr 2027 im globalen Mittel zum heißesten seit Beginn der Aufzeichnungen machen könnte – mit weitreichenden Folgen für extreme Wetterereignisse weltweit.
Die Prognosen verschiedener Klimamodelle zeigen, dass der Höhepunkt dieses El Niño den bisherigen Rekord deutlich übertreffen wird, so Zeke Hausfather, Klimaforscher bei Berkeley Earth, einer gemeinnützigen Forschungseinrichtung in Kalifornien, die die Pressekonferenz ausrichtete. Er sprach von einem »wirklich atemberaubenden Abstand« zum bisherigen Spitzenwert. Hausfather erklärte, es sei »nicht ausgeschlossen«, dass das Ereignis zusammen mit dem Klimawandel die globalen Durchschnittstemperaturen im Jahr 2027 auf bis zu 1,7 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau ansteigen lässt und damit über die 1,5-Grad-Grenze, deren Überschreitung die internationale Staatengemeinschaft im Pariser Abkommen vermeiden will.
Dass gerade jetzt ein El Niño auftritt, ist nicht überraschend. Die El-Niño-Southern-Oscillation (ENSO) beschreibt natürliche Schwankungen der Meeresoberflächentemperatur und der Winde im tropischen Pazifik. Historisch wechseln sich heiße El Niños und kühle La Niñas alle zwei bis sieben Jahre ab. Der letzte El Niño ereignete sich 2023/24, und nachdem Meteorologen bereits vor einem starken Ereignis gewarnt hatten, begann der aktuelle El Niño im Juni 2026.
Die neuesten Vorhersagen deuten jedoch darauf hin, dass dieses El Niño noch stärker ausfallen könnte als erwartet. Justin Mankin, Klimaforscher am Dartmouth College in New Hampshire, sieht Parallelen zu den computergestützten Szenarien, in denen der Klimawandel die El-Niño-Ereignisse im späteren Verlauf dieses Jahrhunderts verstärkt.
Extreme Prognosen
Seit Juni haben sich die für El Niño typischen erhöhten Meeresoberflächentemperaturen und Windmuster im Pazifik rasch verstärkt. Die US-Wetterbehörde NOAA schätzt in ihrer jüngsten Prognose die Wahrscheinlichkeit, dass ein »sehr starkes« El-Niño-Ereignis bis Jahresende eintritt, auf 80 Prozent. Zudem sei nahezu sicher, dass die El-Niño-Bedingungen mindestens bis April 2027 anhalten.
»Wir beobachten derzeit alle Anzeichen für eine sehr intensive Kopplung zwischen Atmosphäre und Ozean im äquatorialen Pazifik«, erklärt Michelle L’Heureux, Meteorologin bei der NOAA und Leiterin des ENSO-Vorhersageteams. »Das bestätigt unsere Annahme, dass wir letztlich einen sehr starken El Niño erleben werden, der zu den intensivsten in unserer Aufzeichnung zählen wird.« Die NOAA-Prognose könnte sogar noch zurückhaltend sein. Hausfather verglich in einem Blogbeitrag am 13. Juli 2026 und während der Pressekonferenz die Projektionen von 14 Klimamodellen und zeigte, dass der mittlere Wert für die maximale Meeresoberflächentemperatur im Pazifik etwa 0,8 Grad Celsius über dem bisherigen Rekord von 2015/16 liegt. »Es ist zwar keineswegs sicher, aber die Wahrscheinlichkeit steigt von Monat zu Monat«, so Hausfather.
Temperaturrekorde voraus
Neben dem Rekordanstieg der globalen Durchschnittstemperaturen im Jahr 2027 könnte das El-Niño-Ereignis laut Hausfather auch die Temperaturen in den kommenden Monaten so stark anheben, dass 2026 ebenfalls ein Rekordjahr wird. Die mit El Niño verbundenen Hitzeperioden, Dürren, Überschwemmungen und Waldbrände werden zudem erhebliche wirtschaftliche Folgen haben. Mankin und sein Team schätzten, dass der starke El Niño von 1997/98 das weltweite Wirtschaftswachstum in den Folgejahren um 5,7 Billionen US-Dollar reduziert hat.
Sollten die aktuellen Prognosen zutreffen, könnte der sich anbahnende El Niño bis 2032 wirtschaftliche Schäden in Höhe von zehn Billionen US-Dollar verursachen, so Mankin. Über die Auswirkungen auf die Gesellschaft hinaus wird das Ereignis Ökosysteme und Ozeane belasten und deren Fähigkeit verringern, Kohlenstoff aus der Atmosphäre aufzunehmen. Erhöhte Meerestemperaturen sind zudem schlecht für Korallenriffe, die durch die Hitze ausbleichen werden oder bereits ausgebleicht sind und die sich nicht mehr erholen können.
Und die Zukunft
Obwohl dieser El Niño der stärkste seit anderthalb Jahrhunderten sein könnte, war er in der Erdgeschichte vermutlich nicht der größte. Thirumalai verweist auf Daten, die aus der Wachstumsgeschichte von Korallen gewonnen wurden. Sie deuten auf ein sehr starkes Ereignis im 17. Jahrhundert hin. Doch solche kurzzeitigen Phänomene sind in der ferneren Vergangenheit schwer eindeutig zu identifizieren.
Laut Thirumalai liegt die eigentliche Bedeutung des diesjährigen El Niño – nur zwei Jahre nach dem letzten – darin, ob er auf eine systematische Verschiebung im ENSO-Zyklus hinweist, bei der El Niños zunehmend durch den menschengemachten Klimawandel ausgelöst werden. Anders ausgedrückt: Wissenschaftler wissen, dass El Niños die Auswirkungen der globalen Erwärmung verstärken, doch ist die Beziehung auch umgekehrt? »Um ehrlich zu sein, würde ich sagen, dass wir das noch nicht wissen«, erklärt er.
Viele Klimamodelle sagen voraus, dass die vom Menschen verursachte Erwärmung im Laufe dieses Jahrhunderts zu einem neuen Durchschnittszustand des ENSO führt, bei dem El Niños stärker und häufiger auftreten. Doch darüber, ob sich dieses Muster bereits in den Klimadaten abzeichnet, herrscht unter Forschern noch Uneinigkeit. »Wir befinden uns gerade in einem Übergangszustand«, erklärt Thirumalai und vergleicht die derzeitigen Veränderungen mit dem tiefgreifenden Wandel vor etwa 12 000 Jahren, als die Erde von einer Eiszeit in eine wärmere Phase überging. »Das Klimasystem hat sich noch nicht eingependelt. Das wird erst geschehen, wenn wir aufhören, CO2 auszustoßen.«
Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.