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News: Per Anhalter über den Pazifik

Eine kleine Eidechse könnte zur Lösung der seit langem debattierten Frage beitragen, wie Menschen die Inseln im Zentral- und Ost-Pazifik besiedelten - eine Frage, die auch wichtige Aufschlüsse darüber geben könnte, wie sich andere menschliche Kulturen entwickelt haben.
Bei dieser Eidechse handelt es sich um Lipina noctua, die in der gesamten Pazifikregion zu Hause ist – einem Gebiet, das größer ist als alle Kontinente zusammengenommen. Deshalb wird vermutet, daß sie ihre extrem weite Verbreitung den Menschen zu verdanken hat. Da diese Tiere keine sonderlich guten Schwimmer sind, nutzten ihre Vorfahren wohl ein etwas bequemeres Fortbewegungsmittel. Wahrscheinlich sind sie als blinde Passagiere in den Kanus der ersten Siedler gereist.

Um diese These zu überprüfen, führten Christopher Austin vom Institute of Statistical Mathematics in Tokio und das South Australian Museum in Adelaide eine genetische Analyse von 29 Exemplaren von Eidechsen aus 15 verschiedenen Inselpopulationen durch. Den kurzen DNA-Abschnitten nach, die Austin verglich, scheinen die Eidechsenpopulationen sehr eng verwandt zu sein (Nature, Ausgabe vom 14. Januar 1999).

Archäologen, Linguisten und Genetiker haben zwei Haupttheorien aufgestellt, wie Ozeanien kolonisiert wurde. In der express train-Hypothese – die zum ersten Mal vor einem Jahrzehnt von Jared Diamond von der University of California in Los Angeles vorgestellt wurde – wird argumentiert, daß Menschen zwischen 3 500 und 1 600 vor Christi Geburt von Taiwan zum Bismarck-Archipel auswanderten. Dann breiteten sie sich innerhalb von wenigen hundert Jahren über Fiji, Samoa und Tonga aus. Vom Standpunkt der Evolution aus betrachtet vollzogen sich diese beiden Migrationsphasen so rasch, daß wenig Zeit für einen genetischen Austausch mit Populationen blieb, mit denen die Siedler unterwegs Kontakt hatten. Die entangled bank-Theorie geht hingegen davon aus, daß die Besiedlung der Pazifischen Inseln durch Menschen – die letzten Teile der Welt, die kolonisiert wurden – viel langsamer stattfand und viele andere Populationen einbezog.

Austins Entdeckung deutet darauf hin, daß die Hypothese der "Schnellzug"-Kolonisation am besten beschreibt, wie dieses Gebiet besiedelt wurde. Die untersuchten Eidechsen zeigen eine überraschende genetische Ähnlichkeit – alle Tiere unterschieden sich nur durch zwei Einheiten des genetischen Codes (Basenpaare) oder weniger. Dies deutet darauf hin, daß, genau wie die Menschen, bei denen sie "per Anhalter" mitreisten, die vagabundierenden Vorfahren der modernen Eidechsen auf ihrer Reise wenig Zeit für eine genetische Vermischung hatten.

Zudem sind die Eidechsen in der geographisch getrennten Region von Kapingamari in Mikronesien, wo die Menschen ethnisch Polynesier statt Mikronesier sind, eng verwandt mit Eidechsen in anderen Gegenden des Pazifiks. Eidechsen in anderen Teilen von Mikronesien weisen dagegen eine erhebliche genetische Vielfalt auf. Darin sieht Austin eine Bestätigung des Zusammenhanges zwischen der Ausbreitung von Lipinia noctua und der Kolonisierung durch Menschen.

Er spekuliert, daß durch die genetische Analyse von Eidechsen aus Gegenden, die als mögliche Ausgangspunkte der Verbreitung gelten, bald eine weitere umstrittene Frage der Migration der Menschen beigelegt werden könnte: Wo der "Schnellzug" seine Reise begann.

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