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Verhaltensforschung: Per Publikum zum Gruppendruck

So wichtig es ist für jedes Kleinkind, die Grenzen auszuloten, so mühsam ist es für Eltern, diese zu ziehen. Aber wirklich nervig für Mama und Papa sind die superschlauen Umstehenden - echte Erziehungsexperten, die Grenzsituationen natürlich ganz anders und viel besser bewältigen würden. All das gilt übrigens auch für die Affen unter uns Primaten.
Rhesusaffengruppe
Im Prinzip hat Stuart Semple von der Roehampton University, Spezialgebiet äffische Verhaltensweisen, nichts anderes beobachtet als jeder clevere Supermarkt-Filialleiter: Wenn unwiderstehliche Süßwarenstapel in engen Reihen dort platziert werden, wo die Kassenwarteschlange im Schneckentempo unbedingt vorbeimuss, dann braucht man eigentlich nur noch zu warten, zuzuschauen und sich die Hände zu reiben. Denn folgende Entwicklung ist unausweichlich.

Die Warteschlange. Ein Drama. Erste Szene, erster Aufzug.

(Samstagmittag. Eine Supermarktkasse, viele Menschen warten diszipliniert in mehreren langen Einkaufswagenreihen. Auftritt Anna-Lena; die junge Mutter Frau Schmitz; weitere Kassenschlangensteher.)

Anna-Lena: (schmeichelnd) Mamaaa?
Frau Schmitz: Du hattest gerade erst ein Bonbon.


(32 Sekunden später, zwölf Zentimeter weiter.)

Anna-Lena: (noch schmeichelnd) Mammaa – haa?
Frau Schmitz: Nein.
Anna-Lena: (flehend) Och bühttte. Das rote. Mit dem Nilferd drauf.
Frau Schmitz: (schweigt)


(Die Schlange steht. Dunkle Wolken ziehen über dem Parkplatz jenseits der Glasfront auf, es wird gleich regnen. Frau Schmitz hat ihren Schirm vergessen. Der Kleinwagen steht in einer sehr engen Parklücke. Frau Schmitz ist ziemlich müde. Fünf Sekunden vergehen.)

Anna-Lena: (bettelnd, am Satzende ins Quengelnde wechselnd) Ich will ein Nilferdschoko. EIN NILFERD-SCHO-KO.
Frau Schmitz: Es gibt gleich Mittag.
Anna-Lena: (in Erinnerung an frühere Verhandlungserfolge plötzlich diplomatisch) Nur eins. Nur diesmal, beim, beim nächsten Mal nicht, nur jetzt. Und dafür kein Nachtisch. Bütte.
Frau Schmitz: Nein, Anna-Lena. Ich hab' Nein gesagt.
Anna-Lena: (beginnt theatralische Schmollhaltung einzunehmen)


(Vordermann dreht sich amüsiert um, zwinkert Anna-Lena zu, ältere Frau in der Nebenschlange zu Kasse 3 wartet gespannt auf die Entwicklung, jederzeit bereit, die erforderliche pädagogische Hilfestellung zu leisten. Zwölf Sekunden vergehen sehr langsam. Anna-Lenas Schweigen wird bedrohlich. Das Kind holt Luft.)

Anna-Lena: (steigert Lautstärke langsam) Ich will ein NILFERDOHHH!
Frau Schmitz: Anna-Lena. Es reicht.
Anna-Lena: (anschwellend zum erstaunlichen Crescendo) Aber ich WIIIII-HI-LLLLL! (demonstratives Fußstampfen).
Frau Schmitz: (dreht sich um, fängt einige mitleidige Blicke auf. Hintermann verlagert seinen Wagen in die längere Schlange an Kasse 15) ANNA!
Anna-Lena: (phrasiert ins Unverständliche, überraschend noch weiter zunehmende Lautstärke) NIL-FERDD-OOO, WuuuuuaaÄÄÄÄÄÄÄHHH, SCHO-KOBONGBONG!!!


(Alle Wartenden blicken zunehmend irritiert teils gespannt, teils wissend, ein junger Vater in Reihe 12 verwickelt den kleinen Ben in ein ablenkendes Gespräch. Eine elegant gekleidete Dame gibt erste missbilligende Tststs-Zischlaute von sich.)

Frau Schmitz: (kommt nicht zu Wort)
Anna-Lena: (eskaliert die Situation mit Körpereinsatz, wirft sich jammernd auf den Boden) Nääää! WILL!! ABER!!! SCHOOOOKO!!!! (rollt sich gegen den nebenstehenden Einkaufswagen)
Herr in der Warteschlange: Jetzt geben Sie ihr doch schon eins. Herrgott! Ist doch nicht die Welt!


Kleine Menschen wie Anna-Lena sind nicht viel anders als kleine Affen, findet der Verhaltensforscher Semple. Für diese Schlussfolgerung reichte das Studium einer äffischen Variante der Supermarktszene, die Semples Team auf Cayo Santiago, einer kleinen Inseln nahe Puerto Rico, beobachtet hatte. Es genügte, ein halbes Jahr lang vormittags acht Affenmütter mit Nachwuchs in einer Horde von Rhesusäffchen (Macaca mulatta) zu überwachen.

Freie Wildbahn voller Affen

Die Affenmütter übernehmen in der Natur die Rolle der Süßwarentheke: Quengelnde Kinder wollen an ihren Zitzen saugen, und dies möglichst ständig. Mama kann das allerdings nicht haben: Zwischendurch muss auch einiges andere erledigt werden, was mit einem nippelangedockten Sauger nicht gelingt. Ein klassischer Konflikt, der den plötzlich und unerhört vom Leckeren abgeschnittenen Nachwuchs empört jammern lässt.

Was Mutter dann in Reaktion auf die schrillen Proteste der Kinder tat, haben Semple und Mitstreiter detailliert dokumentiert. Besonders interessierte die Wissenschaftler dabei auch die Reaktion der in der Nähe unbeteiligt umherstehenden anderen Affen. Denn je nach Rang zeigten diese sich oft nicht besonders amüsiert vom recht nervenzehrenden Geplärr der Jüngsten – das, Anna-Lena-analog, umso schriller, fordernder und unnachgiebiger unüberhörbar wurde, je länger die Mütter es ignorierten.

Ein kräftiges Männchen zum Beispiel hört sich so etwas nur ungern lange an – und verweist dann das Kind, häufiger aber noch die verantwortliche Mutter aggressiv durch Niederstarren, Anfletschen, Knüffe oder rabiate Verfolgungsjagden in die Schranken. Derartige Angriffe treffen mehr als 30-mal häufiger Mütter mit schreienden als solche mit stillen, weil gestillten Kindern.

Aus Selbstschutz werden Mütter dadurch offenbar tatsächlich nachgiebiger: In der Nähe von zunehmend irritierten Artgenossen bringt Rhesusmama ein quäkendes Kleines doppelt so häufig durch Brustgeben schnell zum Schweigen, wie sie es ohne nörgelnde Gesellschaft Dritter tut, erkannten die Forscher bei der Auswertung ihrer Beobachtungsdaten.

Am Ende bleibt allerdings die Frage aller Fragen offen: Sind auch Affenkinder schlau genug, um den Publikumseffekt zu ihren Gunsten zu nutzen – und ein möglichst großes Spektakel dann zu inszenieren, wenn möglichst viele peinlich berührte Hordendritte in der Nähe Druck auf die Mutter ausüben können?

Das ist dann doch unwahrscheinlich. Selbst wenn die Kleinen in der Gegenwart vieler potenziell gefährlicher Dritter häufiger jammern, könnte es ja auch schlicht deswegen sein, weil sie sich von ihnen bedroht fühlen. Vielleicht sind die Zusammenhänge auch noch subtiler: Das Kind könnte spüren, dass die Mutter sich generell in der Nähe ranghoher Tiere unwohl fühlt, und zu wimmern beginnen – womit es den Aggressoren Grund gibt, der Mutter tatsächlich einzuheizen.

Das zu untersuchen, so Semple achselzuckend, sei derzeit zu kompliziert. Ziemlich sicher aber riskiert auch ein hungriges Rhesuskind nicht strategisch bewusst, dass starke Nebenstehende es selbst oder die Mutter regelmäßig attackieren. Womit zumindest ein Unterschied zwischen unserer Spezies und den Rhesusaffen deutlich wird: Wenn Anna-Lena im Supermarkt überzeugend die Rasende gibt, muss sie kaum je befürchten, dass die Kassenschlange sich tatsächlich gegen ihre Mutter zusammenrottet und tätlich wird. Zum sozial verachtenden Augenrollen kann es allerdings kommen. Da heißt es dann konsequent bleiben. Oder na ja, ein Schokobonbon wird schon auch nicht schaden. Betrachten wir's als Gage für begabte Nachwuchsschauspieler.

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  • Quellen
Semple, S. et al.: Bystanders affect the outcome of mother-infant interactions in rhesus macaques. In: Proceedings of the Royal Society B 10.1098/rspb.2009.0103, 2009.

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