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Perfektionismus: Der lange Arm autoritärer Eltern

Unter Perfektionismus leiden vor allem Menschen, die von ihren Eltern harsch und kontrollierend erzogen wurden. Sie glauben, dass andere Menschen hohe Ansprüche stellen und keine Fehler tolerieren.
Vater und Mutter betreuen Sohn und Tochter bei den Hausaufgaben
So entspannt ist die Stimmung nicht immer, wenn Eltern mit ihren Kindern Hausaufgaben machen. (Symbolbild)

Bloß keine Fehler machen. Wie sehr Erwachsene diesen Druck von außen spüren, hängt mit ihrer Kindheit zusammen: ob ihre Eltern ihnen Fehler erlaubten und wie viel Zuwendung sie von ihnen bekamen. Zu diesem Schluss kommt ein kanadisches Forschungsteam in der Fachzeitschrift »Personality and Individual Differences«.

Der erlebte Druck von außen ist eine der drei Seiten von Perfektionismus: Die Betroffenen glauben, dass andere Menschen sehr hohe Ansprüche an sie stellen und keine Fehler tolerieren. Die übrigen zwei Facetten betreffen die eigenen Ansprüche an sich selbst und an die Mitmenschen. Doch vor allem der erste, »sozial verordnete« Perfektionismus schade der psychischen Gesundheit und fördere zum Beispiel Depressionen, Ängste, Essstörungen und zwischenmenschliche Probleme, berichteten zwei der Autoren, Gordon Flett und Paul Hewitt, bereits 2022.

Um herauszufinden, wie die Eltern dazu beitragen, befragte das Team nun rund 450 Studierende in Kanada. Wie erlebten sie ihre Mutter und ihren Vater in den ersten 16 Lebensjahren: Sprachen die Eltern gerne mit ihnen? Oder versuchten sie alles zu kontrollieren? Außerdem gaben die Versuchspersonen Auskunft darüber, wie sehr sie selbst zu den drei Arten von Perfektionismus neigten. Dazu beurteilten sie Aussagen wie »Ich will in allem, was ich tue, perfekt sein« und »Die Menschen um mich herum erwarten von mir, dass ich mit allem, was ich tue, Erfolg habe«.

Für übertriebene Ansprüche an sich selbst und an andere fanden die Forschenden keinen Zusammenhang mit dem Verhalten der Eltern. Doch der empfundene Druck von außen war größer, wenn die Befragten von den Eltern wenig Wärme und Zuwendung, aber viel Kontrolle erfahren hatten. Dabei erwies sich für Männer lediglich das Verhalten der Mutter als bedeutsam und für Frauen nur das des Vaters.

Dass eine harsche und kontrollierende Erziehung Perfektionismus fördert, hatten bereits ältere Studien nahegelegt, wenn auch mit widersprüchlichen Befunden zur Rolle des Geschlechts von Eltern wie Kindern. Eine Metaanalyse kam 2022 außerdem zu dem Ergebnis, dass das elterliche Verhalten die anderen beiden Formen von Perfektionismus ebenfalls prägt.

Aus den rückblickenden Befragungen lässt sich nicht sicher ableiten, dass ein autoritärer Erziehungsstil tatsächlich Perfektionismus verursacht. Die kanadische Forschungsgruppe vermutet das jedoch: Er entstehe, wenn Eltern nicht willens oder fähig sind, ihrem Kind Autonomie zu ermöglichen und ihm Wärme sowie emotionale Sicherheit zu geben. Das perfektionistische Verhalten diene dazu, sich selbst zu »reparieren«. Der Versuch, fehlerlos zu sein oder zu erscheinen, könnte später bei anderen Menschen aber genau jene Ablehnung hervorrufen, die die Betroffenen damit eigentlich vermeiden wollten.

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