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Klimawandel: Arktis-Seen schrumpfen 100 Jahre früher

Es klingt paradox: Weil es in der Arktis mehr regnet, verschwinden dort die Seen. Bisher ging man davon aus, dass die Gewässer im Permafrost erst in Jahrzehnten zu schrumpfen beginnen.
Eine flache, nur niedrig bewachsene Tundra mit mehreren kleinen und grozen Seen, die sich zum Horizont erstrecken.
Mehr Regen – größere Seen. Klingt eigentlich logisch, oder? Tatsächlich passiert in den Permafrostgebieten der Arktis das Gegenteil.

Nirgendwo gibt es so viele Seen wie in der Arktis. Etwa 20 bis 40 Prozent der Tiefländer rund um das Nordpolarmeer sind mit Wasser bedeckt – und laut Klimamodellen, die eine wärmere, feuchtere Arktis vorhersagen, soll der Anteil sogar noch steigen. Allerdings passiert derzeit aber wohl genau das Gegenteil, schreibt jetzt eine Arbeitsgruppe in »Nature Climate Change«. Wie das Team um Elizabeth E. Webb von der University of Florida berichtet, wurden seit 2000 gerade die seenreichen Gebiete in Sibirien und der kanadischen Arktis deutlich trockener. Ursache ist jedoch keineswegs, dass die Klimamodelle falschliegen. Vielmehr sei es gerade der Trend zu einer wärmeren und feuchteren Arktis, der das Wasser verschwinden lasse, berichtet das Team. Unerwartet stark tauender Permafrost habe den Boden so durchlässig gemacht, dass das Wasser teilweise abfließt. Diese Entwicklung sollte laut den meisten Klimamodellen erst in einigen Jahrzehnten eintreten.

Das Team nutzte Daten der MODIS-Spektrometer an Bord der NASA-Satelliten Terra und Aqua, um Veränderungen im Wasserhaushalt zu messen. Dabei beschränkte es sich auf Permafrostgebiete mit mindestens fünf Prozent Seefläche. Diese Regionen sind aus Klimasicht besonders interessant, weil die Seen dort große Auswirkung auf den Kohlenstoffhaushalt der Arktis haben. Sie tauen durch ihre Wärme den Permafrost in der Tiefe, so dass sie mehr Treibhausgase freisetzen. Austrocknende arktische Seen dagegen entziehen der Atmosphäre mutmaßlich sogar Kohlenstoff, weil sie neu bewachsen und mit Torf aufgefüllt werden.

Regen trägt viel Wärme in den Permafrost

Sowohl Klimamodelle als auch aktuelle Daten zeigen, dass die Permafrostgebiete durch den Klimawandel nicht nur wärmer werden, sondern auch im Sommer und Herbst deutlich mehr Regen abkriegen. Bisher war man davon ausgegangen, dass sich dadurch der Klimawandel beschleunigt: Größere Seen schmelzen mehr Permafrost, dadurch wird mehr CO2 frei, der Klimawandel bringt der Arktis noch mehr Regen, die Gewässer wachsen und so weiter. Wie die Studie der Arbeitsgruppe um Webb zeigt, ist das aber wohl nicht der Fall.

Tatsächlich schrumpfen die Seen. In vielen untersuchten Bereichen fielen im Untersuchungszeitraum mehr als drei Prozent der Untersuchungsfläche trocken, bei einer mittleren Wasserbedeckung von 15 Prozent. Ursache ist der Klimawandel. Die gestiegenen Temperaturen sind laut der Analyse des Teams der wichtigste Faktor für dieses Phänomen – gefolgt von den zunehmenden Regenfällen im Herbst und Frühling. Weniger Seen mindern tendenziell den Beitrag der Arktis zum Klimawandel, so dass kein sich selbst verstärkender Kreislauf in Gang kommt.

Doch Webb und ihr Team haben auch eine schlechte Nachricht. Wie sie berichten, schrumpfen die Seen, weil sich neue Abflusskanäle für das Wasser bilden. Und das liegt vor allem daran, dass warmer Regen den Permafrost großflächig schmelzen lässt. Dadurch wird einerseits der Untergrund flexibler und durchlässiger, andererseits füllt loses, vom Eis befreites Sediment die Seen schneller auf. Das Resultat passt zu anderen Studien, laut denen Regen sehr effektiv Wärme in den Untergrund transportiert und den Permafrost deutlich schneller schmelzen lässt als erwartet. Auch Klimamodelle hatten prognostiziert, dass tauender Permafrost die arktischen Seen verschwinden lassen würde – das allerdings erst Anfang des 22. Jahrhunderts.

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