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Hirnforschung: Persönliche Meinung zur Willensfreiheit beeinflusst Hirnaktivität

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Seit fast 30 Jahren führen die Forschungsergebnisse des amerikanischen Physiologen Benjamin Libet zu kontroversen Diskussionen über die menschliche Willensfreiheit. Libet entdeckte das Phänomen des Bereitschaftspotenzials: Sekundenbruchteile bevor wir uns bewusst zu einer Bewegung entscheiden, tritt bereits vorbereitende Aktivität in den motorischen Arealen unseres Gehirns auf. Hirnströme, so auch das Bereitschaftspotenzial, lassen sich mit Hilfe eines EEGs ableiten.

Dass Zweifel an der Willensfreiheit des Menschen das Bereitschaftspotenzial vermindern, beobachtete nun das Wissenschaftlerteam um Davide Rigoni von der Universität Gent. Während sie Probanden unterschiedliche Textpassagen aus dem Buch "Was die Seele wirklich ist" von Francis Crick vorlegten, unterteilten die Wissenschaftler ihre Versuchsteilnehmer in zwei Gruppen: Die Probanden der "Zweiflergruppe" lasen konzentriert einen Auszug, der den freien Willen als Illusion darstellte. Der Kontrollgruppe gaben die Forscher hingegen eine neutrale Passage über Bewusstsein zu lesen.

Nach der intensiven Lektüre absolvierten beide Gruppen eine Variante des Libet-Tests. Die Probanden wurden an ein EEG angeschlossen und durften beliebig oft und wann immer sie wollten einen Mausklick auslösen, während sie auf einen Bildschirm blickten, auf dem sich ein Punkt kontinuierlich auf einem Kreis bewegte. Anschließend befragten die Wissenschaftler die Probanden, zu welchem Zeitpunkt beziehungsweise während welcher Position des Punkts auf dem Bildschirm sie sich bewusst zu dem Mausklick entschlossen hatten.

Bei dem Abgleich der gemessenen Daten mit den Angaben der Probanden und der tatsächlichen Reaktion, entdeckten Rigoni und Kollegen auch hier – wie erwartet – das Bereitschaftspotenzial, das die bewusste Entscheidung schon Sekundenbruchteile vorher ankündigte. Allerdings beobachteten die Forscher auch, dass das gemessene Bereitschaftspotenzial der Zweifler deutlich schwächer ausfiel. Davon abgesehen unterschieden sich die Mausklicks der Zweifler und der unbeeinflussten Versuchspersonen nicht voneinander.

Die Probanden aus der Zweiflergruppe äußerten sich, befragt nach ihrem freien Willen, kritisch und glaubten weniger an die Freiheit der Willensentscheidung als die Personen aus der Kontrollgruppe.

Bereits früher hatten Studien gezeigt, dass sich das Sozialverhalten von Probanden, etwa ihre Hilfsbereitschaft, beeinflussen lässt, indem man ihre persönliche Meinung über Willensfreiheit manipuliert. Rigoni und seine Kollegen gehen nun davon aus, dass offenbar auch grundlegende Prozesse im Gehirn diesem Einfluss unterliegen. Über welchen Mechanismus der Unglaube das Bereitschaftspotenzial beeinflusst, ist den Wissenschaftlern zufolge noch nicht bekannt. (us)
22. KW 2011

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 22. KW 2011

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