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Persönlichkeitscoaching: Der Traum vom perfekten Ich

Coaching zur Persönlichkeitsentwicklung boomt – mit dem Versprechen, Menschen zu mehr Erfolg und Selbstverwirklichung zu führen. Doch viele Anbieter arbeiten mit pseudowissenschaftlichen Methoden und verbreiten fragwürdige Ideen.
Ein stilisiertes Kunstbild zeigt eine Person in einem Anzug, die am Anfang eines langen, geschwungenen Weges steht. Der Weg führt zu einer kleinen roten Fahne am Horizont, die ein Ziel symbolisiert. Der Hintergrund ist beige, und weiße Wolken schweben um den Weg. Das Bild vermittelt ein Gefühl von Zielstrebigkeit und Entschlossenheit.
Löse innere Blockaden, entfalte dein volles Potenzial! Mit solchen Sprüchen locken zahlreiche Coaches zum Charakter-Facelift.

Stellen Sie sich vor, Sie lebten in einer Welt, in der jeder Mensch genau der sein kann, der er immer sein wollte. In Zeiten voller Unsicherheit und Selbstoptimierung blüht ein Markt, der verspricht, dass das möglich sei. Zahllose Coaches werben mit Programmen zur »Transformation der Persönlichkeit«. Wer teilnimmt, soll laut den Anbietern erfolgreicher, gelassener und erfüllter leben. Doch wie realistisch ist dieses Ziel? Wie solide das wissenschaftliche Fundament?

Wir beleuchten die Methoden und Versprechungen der Coaching-Industrie einmal aus psychologischer Sicht: Was bedeutet Persönlichkeit überhaupt? Ist sie veränderbar – und wenn ja, mit welchen Mitteln? Die Psychologie versteht unter Persönlichkeit relativ stabile Merkmale eines Menschen, die sein Erleben und Verhalten beeinflussen.

Wissenschaftlich anerkannte Modelle wie das Fünf-Faktoren-Modell gehen davon aus, dass alle Menschen die gleichen Grundeigenschaften aufweisen, allerdings in unterschiedlicher Höhe – im Fall dieser »Big Five« sind es die Eigenschaften Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und emotionale Stabilität. Die Persönlichkeitspsychologie untersucht, welche grundlegenden Eigenschaften den Menschen prägen, wie sie sich erfassen lassen und welchen Einfluss sie auf Entwicklung und Verhalten haben.

Damit Merkmale als Persönlichkeitseigenschaft gewertet werden können, sollten sie drei zentrale Kriterien erfüllen: Erstens müssen sie theoretisch begründet und empirisch überprüfbar sein. Zweitens sollten sie sich über längere Zeiträume nicht allzu stark verändern. Drittens sind sie hierarchisch organisiert – manche Eigenschaften sind allgemeiner, andere spezifischer. Und konkrete Verhaltensweisen werden stärker von spezifischen als von generellen Eigenschaften beeinflusst. So hängt zum Beispiel die Lust auf Partys statistisch eher mit der Facette »Geselligkeit« zusammen, die zur Dimension Extraversion gehört, als mit der Extraversion im Allgemeinen.

Allerdings erklärt die Persönlichkeit nur einen Teil unseres Verhaltens. Schätzungen zufolge lassen sich lediglich 10 bis 30 Prozent der Verhaltensunterschiede zwischen Menschen auf deren Persönlichkeit zurückführen. Der Einfluss sozialer und situativer Faktoren ist mindestens genauso groß. Anders formuliert: Kein Handeln ist rein »charakterlich« bedingt. Der sogenannte Personismus – die Vorstellung, wie jemand agiert, sei ausschließlich durch seine Persönlichkeit festgelegt – ist aus wissenschaftlicher Perspektive nicht haltbar. Und damit auch die Idee, dass eine bestimmte Veränderung der Persönlichkeit automatisch zu Glück und Gelingen führt.

Doch genau diesen Zusammenhang stellen viele Coaching-Anbieter her. Die Persönlichkeit wird dort zum zentralen Schlüssel stilisiert – zur Antwort auf berufliche, private, manchmal sogar spirituelle Fragen. Coaches wie Denys Scharnweber, Jörg Löhr und sogar Programme der Industrie- und Handelskammer München und Oberbayern wollen Menschen über eine Veränderung ihrer Persönlichkeit zum Aufstieg verhelfen.

Die Mär vom idealen Ich

Erfolg kann jedoch je nach Lebensbereich und persönlicher Definition sehr unterschiedlich aussehen. Aus wissenschaftlicher Perspektive gilt: Ob jemand in einem Metier gut abschneidet, hängt vor allem von seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten ab. Persönlichkeitseigenschaften spielen dabei meist nur eine kleine Rolle. Oft suggerieren Coaching-Angebote, es gäbe eine »ideale Persönlichkeit«. Was genau damit gemeint ist, bleibt häufig vage und hängt vom jeweiligen Anbieter ab. Denys Scharnweber etwa definiert den erstrebenswerten Charakter über sechs sogenannte »Herzensqualitäten«: Bedingungslosigkeit, Absichtslosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nächstenliebe, Vergebung und absolute Freude. Würden diese verwirklicht, verspricht Scharnweber ein Leben in vollkommener Klarheit, einer Art Erleuchtung. Die Begriffe klingen eindrucksvoll – doch sie sind weder theoretisch begründet noch messbar.

Messen, ohne zu wissen

Ein weiteres Problem: Um seriöse Trainings durchzuführen und ihre Wirkung zu prüfen, braucht man psychologisch abgesicherte Testverfahren. Die eingesetzten Verfahren müssen objektiv und zuverlässig das messen, was sie zu messen vorgeben. Doch in vielen Coaching-Programmen kommen Tests zum Einsatz, die an diesen Hürden scheitern.

Ein prominentes Beispiel: das »DISG-Modell«. Der darauf beruhende Test teilt Menschen in vier Kategorien ein – dominant, initiativ, stetig oder gewissenhaft – und soll Auskunft über Stärken und Schwächen geben. Das Testkuratorium der Deutschen Gesellschaft für Psychologie kommt zu einem klaren Urteil: Grundlegendste Gütekriterien, vor allem die Validität, also das Ausmaß, in dem ein Test misst, was er zu messen vorgibt, werden nicht ausreichend erfüllt. Trotzdem behaupten Anbieter wie »persolog«, der Test sei wissenschaftlich fundiert, und berufen sich dabei auf eigene Daten, die sie der Fachwelt nicht zugänglich machen – ein in der Wissenschaft unübliches, ja hochproblematisches Verhalten. Coaching-Plattformen wie Greator bewerben den Test trotz nachgewiesener Mängel weiterhin als vielfach validiert.

Zum Vergleich: In der Psychologie kommen meist Fragebögen zum Einsatz, die auf den Big Five basieren. Diese Tests beruhen auf jahrzehntelanger Forschung, wurden in zahlreichen Studien auf die Probe gestellt und erfüllen die Anforderungen an wissenschaftliche Verlässlichkeit. Sie liefern hochdifferenzierte und individuelle Ergebnisse, statt die ganze Menschheit auf wenige simple und teils schlicht ausgedachte Typen zu reduzieren.

Veränderung braucht mehr als nur Willen

Doch lässt sich unsere Persönlichkeit überhaupt verändern? Studien, die sich dieser Frage gewidmet haben, sprechen dafür, dass das prinzipiell möglich ist. Aber nur langsam und unter bestimmten Bedingungen: Ein anderer Job, der Wunsch, mehr auf andere Menschen zuzugehen – wichtige Ereignisse und Ziele können Veränderung anstoßen. Verhaltensweisen muss man jedoch immer wieder üben, damit sie in Fleisch und Blut übergehen. Positive Erfahrungen mit der neuen Gewohnheit, etwa Anerkennung oder spürbar weniger Stress, helfen dabei genauso wie eine gute Fähigkeit zur Selbstregulation, wenn die Veränderung anfangs doch unangenehm ist. Wer zum Beispiel regelmäßig plant, Ordnung hält und Aufgaben durchzieht, könnte damit tatsächlich langfristig seine Gewissenhaftigkeit stärken. Entscheidend ist aber nicht ein radikaler Umbruch, sondern ein Prozess aus Anstoß, Übung und Stabilisierung. Eine große Metaanalyse, die viele Studien zum Thema zusammenfasst, zeigt: Eine entsprechende Umstellung muss mindestens vier Wochen dauern, um eine messbare Wirkung zu entfalten. Kurzformate wie die untersuchten Coachings oder sogenannte »Mindset«-Trainings, die nicht am konkreten Verhalten ansetzen, erwiesen sich in der Regel als wirkungslos. 

Manchmal sind die Methoden der Branche auch schlicht skurril: Coach Denys Scharnweber entblößt, wie er in einem Interview mit der Coaching-Plattform Greator berichtet, in Seminaren sein Gesäß. Aus dem ernsten und scheinbar unüberwindbaren »Pro-blem«, mit dem die Teilnehmer zu ihm gekommen sind, werde so ein überschaubares »Po-blem«. Tobias Beck, einer der bekanntesten Persönlichkeitstrainer im deutschsprachigen Raum, hält laut Erfahrungsberichten für die Teilnehmer seines Seminars eine »Nachtübung« bereit, bei der diese reihum auf einer Bühne Schamgrenzen überwinden sollen. Medienberichte sprechen von sexuellen Konnotationen, Gruppendruck und Tränenausbrüchen.

Von wegen harmlos

Wo fundierte Konzepte fehlen, verschwimmen Fakten und Meinungen – zurück bleibt ein subjektiver Glaube. Das birgt Risiken, sowohl für Einzelne als auch für die Gesellschaft. Wenn Programme mit überzogenen Erwartungen werben, wie beispielsweise, man werde zur besten Version seiner selbst, dann schürt das unrealistische Erwartungen. Bleibt der erhoffte Wandel aus, drohen Frust und Selbstzweifel. Dabei könnte der Eindruck entstehen, dass die Schuld subtil den Teilnehmenden zugeschoben wird, nicht etwa der Methode. Wer scheitert, hat einfach nicht genug an sich gearbeitet.

Einschlägige Coaches werden zu moralischen Instanzen und legen selbst fest, was als gute Persönlichkeit gilt. Wer abweicht, ist einfach noch nicht so weit. Daraus folgt ein Machtgefälle, das Manipulation Tür und Tor öffnet: Kritik wird als Unreife gewertet, Zweifel als Schwäche. Die Selbstwirksamkeit der Teilnehmenden wird potenziell geschwächt statt gestärkt.

Besonders gefährdet sind Menschen in Krisen. Die Suche nach Halt macht sie anfällig für emotionale Verkaufsrhetorik. Werden sie von fragwürdigen Anbietern enttäuscht oder gar geschädigt, kann das Vertrauen in psychologische Hilfe insgesamt leiden. Zusätzlich nutzen einige Coaches besagtes Machtgefälle aus: Es kommt teils zu hohen finanziellen Folgekosten und sozialer Isolation. Kombiniert mit dem Coach als allwissender Figur im eigenen Glaubenssystem ist der Schritt zu einer sektenähnlichen Struktur von hier mitunter klein.

Gesellschaftlich gefährlich wird es, wenn Verhalten allein auf individuelle Eigenschaften zurückgeführt wird. Soziale, wirtschaftliche oder strukturelle Ursachen geraten aus dem Blick. Wer erfolglos bleibt, hat nicht genug getan – eine entpolitisierende und sozial blinde Perspektive.

Wer persönliche Entwicklung wirklich ernst nimmt, braucht mehr als aufgeladene Rhetorik: empirische Fundierung, ethische Verantwortung – und die Einsicht, dass Veränderung Zeit braucht. Und vielleicht auch die ehrliche Frage: Muss ich mich denn überhaupt verändern? Wie es die Persönlichkeitspsychologen Jens Asendorpf und Franz Neyer ausdrücken: »Wer dem sozialen Druck zu einer allseits erwünschten Persönlichkeit mit echter Souveränität und heiterer Gelassenheit widersteht, ist ausgeglichener als die verkrampften Selbstoptimierer auf der Jagd nach dem Unerreichbaren.«

Denn stellen Sie sich die Welt vom Anfang noch einmal vor. Wären wir noch dieselben ohne unsere Ecken und Kanten? Würden unsere Lieben uns noch erkennen? Ist ein Ideal, das Individualität verdrängt, wirklich eines, nach dem wir streben sollten?

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  • Quellen

Roberts, B. et al., Psychological bulletin 10.1037/bul0000088, 2017

Wright, A., Jackson, J., Journal of personality 10.1111/jopy.12802, 2024

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