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Seuchen: Pestilentes Wetter

Ihr Name steht sinnbildlich für alle Krankheiten, die Tod und Schrecken verbreiten - dabei scheint die Pest selbst heute besiegt. Doch noch immer lauert sie in natürlichen Quellen und wartet vielleicht auf ihre Rückkehr: Der Klimawandel könnte dabei helfen.
Die Pest in der Kunst
"Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord", lautet eine Zeile des gleichnamigen Seemann-Gassenhauers, der die mangelhaften sanitären und medizinischen Verhältnisse auf einem leckgeschlagenen und gestrandeten Schiff fern der Heimat beschreibt. Weder die Matrosen vor Ort noch der Texter zuhause ahnten aber wahrscheinlich, dass es neben unzureichender Hygiene und desaströser Versorgungslage vielleicht noch einen Punkt mehr gab, der Yersinia pestis ein leichtes Spiel mit der Besatzung erlaubte: das tropische Klima.

Denn erhöhte Temperaturen und Niederschläge verbessern nach neuen Erkenntnissen der Forscher um Nils Stenseth von der Universität Oslo offensichtlich die Ausbreitungssbedingungen für den tödlichen Keim – zumindest in dessen natürlichem Wirt und Reservoir, den Großen Rennmäusen (Rhombomys opimus) Zentralasiens. Diese durchaus possierlichen Nagetiere leben in den trockenen und halbtrockenen Ökosystemen der Region, ernähren sich dort von vegetarischer Kost und unterliegen mengenmäßig immer wieder starken zyklischen Schwankungen, in denen ihre Populationen erst deutlich zunehmen, um dann umso drastischer einzubrechen.

Der Erreger | Abstrich von Lymphe mit dunkel angefärbten Pest-Bakterien
Den Tieren geht durch die Massenvermehrung aber nicht nur die Nahrung aus, sie werden auch noch im wahrsten Sinne geplagt: Knapp zwei Jahre, nachdem der Bestand sein Maximum überschritten hat, schlägt die Beulenpest zu – in den Kolonien der geselligen Nager liegt Siedlungsdichte dann immer noch ausreichend hoch, um einen barrierefreien Transfer des Erregers durch Flöhe zu gewährleisten. Gleichzeitig hat Nahrungsmangel die Tiere wohl schon so weit geschwächt, dass die Seuche nun leichtes Spiel hat.

Wie fast immer in der Natur reduziert sich der Sachverhalt allerdings nicht nur auf die Gleichung "Hohe Bestandszahlen der Großen Rennmaus nebst Parasiten plus Nahrungsmangel ist gleich Pest". Denn gerade auch die flohigen Überträger des Schwarzen Todes sind wetterabhängig: Das Risiko für verheerende Seuchenzüge wuchs in den von Stenseths Team untersuchten Jahren zwischen 1949 und 1995 jeweils in dem Maße, wie auch Temperaturen und Niederschläge stiegen – mit jedem Grad mehr, das der Frühling wärmer ausfiel, nahm die Verbreitung von Yersinia pestis im Nagervolk um knapp sechzig Prozent zu, so die Wissenschaftler.

Der Überträger | Floh nach Mahlzeit an einem pestkranken Tier: Die Insekten fungieren als Bakterienfähre zwischen dem natürlichen Wirt des Pesterregers und den Menschen. Träger und Überträger gedeihen in Zentralasien besonders gut, wenn die Frühjahre mild und die Sommer feuchtwarm sind.
Günstige Wetterbedingungen ließen demnach neben der bevorzugten Nahrung der Rennmäuse auch die Flöhe sprießen: Je weniger Spätfröste sich einstellten und je häufiger die Temperaturen über zehn Grad Celsius lagen, desto aktiver waren die kleinen Insekten und desto mehr der Plagegeister wie ihres Nachwuchses überlebten. Mildere Frühjahre erhöhten außerdem die Zahl der Beißattacken, das Ungeziefer wanderte rascher an die Eingänge der unterirdischen Rennmaus-Bauten, und der Populationszyklus der Flöhe beschleunigte sich: Bereits gelegte Eier reiften schneller heran, während die Erwachsenen rascher neue Gelege produzierten.

Folgte auf einen günstigen Frühling ein warmer und gleichzeitig feuchter Sommer, potenzierte sich die Gefahr für eine spätere Pest-Epidemie unter den Rennmäusen, da sich dann verschiedene Floh-Generationen überlappen konnten und folglich das heikle Bakterium untereinander eher weitergaben. Schon ein Zehntel mehr Regen als üblich ließ den Einfluss des Keims nochmals um sieben Prozent steigen. Gleichzeitig nutzten die Rennmäuse das vorteilhafte Wetter, zeugten mehr Nachwuchs und breiteten sich aus – und mit ihnen die unheilvollen Flöhe, die dann besagte zwei Jahre nach dem Bevölkerungsmaximum dem größten Teil der Restpopulation den Garaus bereiteten. Zwischenzeitliche eisige Frühjahre, heiß-trockene oder feuchte und zugleich unterkühlte Sommer behinderten dagegen die Floh-Entwicklung und verschonten damit die Nager zumindest vor dem Pest-Tod.

Dieser Zusammenhang zwischen den Wetterbedingungen und Ausbrüchen von Yersinia pestis wirft auch ein neues Licht auf das Massensterben durch die Pest im mittelalterlichen Europa wie während ihrer letzten großen Heimsuchung Asiens zwischen 1855 und 1870: Beide Perioden boten demnach optimale Bedingungen für die Ausbreitung der Rennmäuse und mit ihnen des üblen Bakteriums – gerade auch in Zentralasien, wo die Frühjahre damals generell wärmer und die Sommer feuchter waren. Entlang von Karawanenstraßen oder in der Nähe menschlicher Siedlungen war es dann nur noch ein Flohsprung, bis die Krankheit auf Menschen überging, sich von dort aus über die Alte Welt ausbreitete und schließlich Millionen Opfer forderte.

Im Gefolge des Klimawandels verbessern sich heute wieder die Bedingungen für Rhombomys opimus und seinen tödlichen blinden Passagier, da die Temperaturen und Regenfälle in Zentralasien erneut steigen und somit ein gedeihliches Umfeld für Maus, Floh und Bakterium schaffen. Und da sich gleichzeitig die hygienischen und medizinischen Verhältnisse wie auch die seuchentechnische Nagerbeobachtung in den postsowjetischen Staaten Zentralasiens nicht unbedingt verbessert haben, warnen Stenseth und seine Kollegen vor einer häufigeren Rückkehr des Schwarzen Todes unter die Menschen – zumindest in seinem Kernverbreitungsgebiet. Er muss es ja nicht unbedingt gleich bis Madagaskar schaffen.

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