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Verhaltensforschung: Pferde zeigen Pokerface

Pferde gelten als scheue Tiere. Doch statt panisch vor jeder potenziellen Gefahr zu fliehen, schätzen sie das Risiko zunächst ein. Den Stress, den die Tiere dabei empfinden, sieht man ihnen allerdings nicht an.
Ein braunes Pferd steht vor einem klaren blauen Himmel und zeigt seine Zähne, als ob es lacht oder wiehert. Das Pferd hat eine weiße Blesse auf der Stirn und seine Mähne weht leicht im Wind. Die Szene vermittelt einen fröhlichen und lebhaften Eindruck.

Pferde reagieren auf Bedrohung durch Raubtiere wie Wölfe, lassen sich aber äußerlich nichts anmerken. Obwohl sie innerlich erregt sind, wirken die Tiere ruhig, haben US-amerikanische Biologinnen festgestellt.

Die Arbeitsgruppe um die Verhaltensforscherin Zeynep Benderlioglu von der Ohio State University hatte 18 Hauspferden beiderlei Geschlechts in einem Stall kurze Videos vorgespielt. Die Filmsequenzen zeigten für jeweils 20 Sekunden entweder friedlich grasende Wombats (australische Beuteltiere, die sich rein pflanzlich ernähren) oder aggressiv auftretende Wölfe oder aber ein Wolfsrudel, das mit gegenseitiger Fellpflege beschäftigt war. Während die Pferde die Videos sahen, zeichneten die Wissenschaftlerinnen den Herzschlag der Versuchstiere auf.

Versuchsaufbau |

Eine Betreuerin hält das Pferd am Halfter fest, während eine Forscherin einen Projektor im Stall aufbaut. Sie wird danach den Stall verlassen, um dem Versuchstier Videos vorzuspielen.

Wie sich dabei herausstellte, blieb die Herzfrequenz der Huftiere auf dem niedrigen Ausgangsniveau, wenn ihnen die Wombats vorgespielt wurden. Sahen die Pferde dagegen die Wölfe, schlug das Herz deutlich schneller – und zwar unabhängig davon, ob sich das Rudel friedlich verhielt oder sich gegenseitig bekämpfte.

Äußerlich zeigten die Pferde allerdings keinerlei Reaktion. Sie bewegten weder Kopf noch Schwanz, und ihr Blick verriet keine Anzeichen dafür, dass sie eine Bedrohung wahrnahmen.

Herzmessung |

Das Pferd trägt um den Körper ein Messgerät, das die Herzfrequenz während des Experiments aufzeichnet.

Je höher im Rang, desto stärker gestresst

Neben dem Geschlecht erfasste das Team das Alter, den sozialen Status sowie das Temperament ihrer Versuchstiere. Hengste reagierten auf die vermeintliche Bedrohung stärker als Stuten, und mit zunehmendem Rang in der Hierarchie stieg auch der Herzschlag beim Anblick der Wölfe. Damit spiegelt sich nach Ansicht der Wissenschaftlerinnen die wichtige Rolle hochrangiger Individuen innerhalb der Herde wider: Diese Tiere entscheiden, wann es zu fliehen gilt, und die anderen Herdenmitglieder folgen ihnen.

»Statt einfach zu erschrecken, zeigen Pferde eine bemerkenswerte kognitive Zurückhaltung, wenn sie eine potenzielle Gefahr einschätzen«, erklärt Benderlioglu laut einer Pressemitteilung der Ohio State University das Verhalten. Offensichtlich bewerten die Pferde eine neue Situation innerhalb kurzer Zeit, wobei sie nur scheinbar ruhig bleiben. »Wenn sie keine sichtbaren Stressanzeichen zeigen«, so die Forscherin weiter, »merkt man oft nicht, dass sie innerlich vielleicht in höchster Alarmbereitschaft sind.«

  • Quellen

Benderlioglu, Z. et al., PloS One 10.1371/journal.pone.0349298, 2026

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