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Hirnforschung: Pfiffige Sprache

Sprechen ist die einzige Form der mündlichen Kommunikation? Weit gefehlt: Schäfer auf der kanarischen Insel La Gomera unterhalten sich durch reines Pfeifen. Und das Sprachzentrum in ihrem Gehirn verarbeitet die Laute ähnlich wie Worte.
Silbador auf La GomeraLaden...
Pfeifen dient meist nur der eigenen Unterhaltung, so wenn man unter der Dusche oder im Auto fröhlich ein Liedchen trällert. Nur selten transportiert ein Pfiff in unserem Kulturkreis auch eine Botschaft – etwa wenn einer attraktiven Frau nachgepfiffen oder im Fußballstadion eine Entscheidung des Schiedsrichters missbilligt wird.

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Silbador auf La Gomera | Die Hirten auf der Kanareninsel La Gomera verwenden eine eigentümliche Pfeifsprache, um in zerklüftetem Terrain kommunizieren zu können – das Silbo. Hirnuntersuchungen mit Magnetresonanz-Tomografie zeigen, dass bei dieser Art der Unterhaltung die gleichen Hirnareale aktiv sind wie gesprochenen Sprachen.
Es gibt aber auch Kulturen, in denen Pfeifen als eigene Sprache fungiert: Auf La Gomera nutzen Schäfer diese Ausdrucksweise, um sich in steilem, unzugänglichem Terrain über größere Distanzen hinweg ohne Rufe verständigen zu können. Die Pfiffe sind für Eingeweihte leichter erkennbar als Worte, die an den vielfach zerklüfteten Berghängen der Insel widerhallen und als kakophonische Echos enden. Diese Silbo genannte Pfeifsprache dient den Hirten Gomeras daher als Ersatz des ansonsten gesprochenen Spanischs. Sie beschränkt sich im Vergleich dazu allerdings auf nur zwei Vokale und vier Konsonanten. Normale Worte werden dazu in Pfiffe unterschiedlicher Tonhöhen übersetzt. Zu beachten gilt auch die Melodie, denn die Pfeifer wechseln zwischen kontinuierlichen und unterbrochenen Tonfolgen, um ihre Aussagen zu verdeutlichen.

Wer jemals im Urlaub eine "Diskussion" zweier Hirten mitbekommen haben sollte, wird sich dennoch wundern, wie die Gesprächspartner bei dem eingeschränkten Vokabular einander überhaupt verstehen. Unklarheiten bleiben jedoch selten, denn die Diskutanten vertrauen auf ständige Wiederholungen des Gepfiffenen und beschränken sich auf wenige einfache Mitteilungen wie "Schaf weg – Gatter zu!".

Wie aber reagiert das Gehirn neuronal auf die Pfeifsignale? Welche Parallelen oder Unterschiede zu gesprochenen Sprachen wie Deutsch, Englisch oder Japanisch gibt es? Um eine Antwort auf diese Frage zu bekommen, setzten Manuel Carreiras von der Universität La Laguna auf Teneriffa und seine Kollegen je fünf Silbo-Pfeifer sowie nur Spanisch sprechenden Personen Höraufgaben vor und beobachteten dabei deren Hirnaktivität mittels der funktionalen Magnetresonanz-Tomografie (fMRT).

Da die Silbadores genannten Kenner des Silbo als Bewohner der Kanaren natürlich auch Spanisch beherrschen, zeigte ihr Gehirn bei reinen Sprachhörproben keine funktionalen Unterschiede zu dem von Spaniern ohne Silbo-Kenntnisse. In beiden Gruppen reagierte der linke Teil des Hirns mit erhöhter Aktivität. Dieser Bereich mit dem linken Schläfenlappen und dem prämotorischen Kortex im Frontallappen beinhaltet das Sprachzentrum, das für Verständnis und Erzeugung von Worten verantwortlich ist. Darüber hinaus gab es bei allen Probanden auch verstärkte Signale aus dem Schläfenlappen der rechten Hirnhälfte, der ebenfalls in Sprachprozesse mit einbezogen wird.

Lauschten Silbadores und Silbo-Unkundigen nun gepfiffenen Worten auf Silbo, so ergab sich bei den Laien eine völlig unspezifische Hirnresonanz: Mehrere Bereiche des Gehirns reagierten, aber keine ließ sich nach Aussagen der Forscher spezifisch der Spracherkennung zuordnen. Die Testpersonen erkannten das Gepfeife überhaupt nicht als eigenständige Sprache.

Das Gehirn der Pfeifgelehrten reagierte dagegen wie bei gesprochenen Worten: Beide Hirnhälften arbeiteten völlig normal an der Spracherkennung, das Sprachzentrum wies erhöhte Aktivität auf – Silbo ist für die Silbadores folglich eine vollwertige Sprache, mit der sie problemlos kommunizieren können.

Außenstehende müssen deswegen allerdings nicht verzagen, denn Silbo wird einem nicht in die Wiege gelegt. Man könnte es also wie Chinesisch oder Italienisch erlernen. Wer allerdings einer schönen Frau einen anerkennenden Pfiff hinterher schickt und deshalb Ärger bekommt, darf sich aber nicht auf Fremdsprachenkenntnisse berufen. Dieses Signal ist international und wird folglich auch als solches richtig gedeutet.
06.01.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 06.01.2005

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